Wein: Lese-Woche Ein 900 Jahre alter Geheimtipp

Metzingen / Simon Wagner 16.09.2018

Metzingen dürfte vor allem mit Mode in Verbindung gebracht werden. Hugo Boss, der weltweit agierende Modekonzern, hat in dem beschaulichen Städtchen seinen heimatlichen Sitz. In den vergangenen Jahren und Jahrzehnten haben sich immer mehr internationale Markenlabel angesiedelt und locken Besucher aus aller Welt mit ihren Fabrikverkäufen zur Schnäppchenjagd. Die „Outlet-City“ ist zweifelsohne zum bekanntesten Aushängeschild Metzingens geworden.

Weltweit einzigartiges Ensemble

Doch der schwäbischen Stadt mit dem Kohlkopf im Wappen würde man Unrecht tun, reduzierte man sie auf die durchgestylte Modewelt. Denn lenkt der geneigte Besucher seine Schritte nur wenig abseits der Einkaufszeilen in Richtung Stadtkern, wird er auf ein Gebäudeensemble stoßen, das es in dieser Form weltweit kein zweites Mal gibt: Den innerstädtischen Kelternplatz säumen insgesamt deren sieben Keltern. Nicht zufällig also trägt die Stadt den Beinamen „Sieben-Keltern-Stadt“. Richtigerweise müsste es gar „Elf-Keltern-Stadt“ heißen, zählt man die Gebäude in den Stadtteilen Glems und Neuhausen noch hinzu.

Ob nun sieben oder elf: Die historischen Gebäude künden von einer langen und bis in die heutige Zeit reichende Tradition des Weinanbaus am Fuße der Schwäbischen Alb. Vermutlich die Römer waren es, die erstmals Wein für ihre Legionen in Metzingen anbauten. Durch den Zwiefalter Mönch Ortlieb verbrieft hingegen sind die Besitztümer seines Heimatklosters bei dessen Gründung im Jahr 1089. Darunter auch üppig tragende Weingärten in Metzingen. Bis ins Mittelalter betrieb man auf 300 Hektar Weinbau. Abnehmer waren damals unter anderem das Dominikaner-Kloster Offenhausen, die Universität Tübingen sowie das Zwiefalter Kloster. Nicht nur den oberen Ständen galt Wein als tägliches Nahrungsmittel und ersetzte das oft verunreinigte Wasser.

 Aber ebenso wenig wie die damalige Qualität des Rebensafts mit der heutigen vergleichbar ist, verhält es sich mit den Anbauflächen. Auf nurmehr rund 30 Hektar erstrecken sich die heutigen Weinberge.

Zum Vergleich: Deutsche Weingüter bewirtschaften im Schnitt rund 450 Hektar. Übrig geblieben seien die Filetstücke, so Jörg Waldner, Chef der Weingärtnergenossenschaft Metzingen-Neuhausen. Er vertritt rund 200 Mitglieder, darunter rund 100 Wengerterfamilien, berät sie in allerlei Fachfragen, vor allem aber übernimmt die Genossenschaft die Vermarktung der Weine.

Im Jahr finden rund 30 Sorten, vorwiegend Schwarzriesling, Spätburgunder, Müller-Thurgau und Silvaner in die rund 250 000 Flaschen, die zum größten Teil im Umkreis von etwa 30 Kilometern ihre regionalen Abnehmer finden. Waldner ist sich bewusst, dass er ein Nischenprodukt vertreibt. In dieser Nische allerdings fühlt er sich offensichtlich pudelwohl. Absatzprobleme jedenfalls kennt die Metzinger Genossenschaft nicht.

Klasse statt Masse

Hin und wieder stellt er zwar ausgesuchte Metzinger Weine auf die Tische von etablierten Verkostungen auf bundesdeutschem Parkett. Auch hagelt es regelmäßig Lob und gute Ergebnisse. Wo aber andere mit Medaillen und Bestenlisten die Werbetrommel rühren würden, bleibt man in Metzingen schwäbisch gelassen: „Das haben wir nicht nötig“, sagt Waldner achselzuckend.

Zwar verschickt die Genosseschaft Weinkisten auf Bestellung auch durch ganz Deutschland, aber schon aus Kapazitätsgründen will man sich den Status des Geheimtipps so lange wie möglich erhalten. Statt Masse ist es die Klasse, die durch gezielte Mengenreduzierungen insbesondere bei Premiumweinen immer weiter ausgebaut werden soll. Zu derlei Premiumweinen aus Metzingen zählt unter anderem die Sonderedition „Brauner Jura“. Sie nimmt Bezug auf die einzigartige geologische Beschaffenheit der Metzinger Weinberge.

Sie liegen überwiegend an steilen, nach Süden gerichteten Hängen. Den Untergrund bilden die untersten Schichten des Braunjuras. Im Kern und auf der Kuppe besteht der Metzinger Weinberg aus dem Vulkantuff eines etwa 15 Millionen Jahre alten, längst erloschenen Vulkanschlots. Der verwitterte Vulkantuff und die verwitterten Gesteine des Mitteljuras bilden heute die Weinbergböden. Das Zusammenspiel der im Land einzigartigen Geologie mit dem vorherrschenden Mikroklima (neben vielen Sonnenstunden sorgt die nahe Alb für reiche Niederschläge), aber auch die kleinteilige Bewirtschaftung durch die Weingärtnerfamilien ist für Waldner ein schmeckbares Alleinstellungsmerkmal. In den Hängen sind derzeit nur zwei Vollerwerbswinzer aktiv. Einer davon, Martin Koch.

Der 50-Jährige ist gewissermaßen im Weinberg aufgewachsen, als er als Kind seinen Vater bei dessen Hobby regelmäßig begleitete. Die Eindrücke von damals blieben haften und er ließ sich später zum Techniker für Weinbau und Kellerwirtschaft ausbilden.

Schwierig vom Wein zu leben

Heute kümmert er sich, mit tatkräftiger Unterstützung seiner Familie und Freunde, um insgesamt zehn Hektar. Fast schon wie mit eigenen Kindern geht der naturverbundene Winzer mit seinen Reben um. Sie brauchen über das Jahr hinweg viel Aufmerksamkeit und Zuwendung, damit sie zur Lese, wie jetzt im September, ausgezeichnete Beeren tragen. „Wir wollen ja nicht, dass die Leute unseren Wein aus Mitleid kaufen, sondern weil er gut ist“, lacht er. Dass er den Beruf des Winzers ergriffen hat, hat er indes nie bereut. Gleichwohl: „Es ist viel schwieriger als früher vom Weinbau zu leben.“ Neben dem richtigen Rebschnitt im Winter, der gezielten Ausdünnung des Blattwerks und der Trauben im Sommer, sind es zunehmend auch wirtschaftliche Faktoren, die es zu bedenken gilt. Um als Winzer überleben zu können, musste er die Flächen von 50 Ar auf den heutigen Bestand aufstocken und 15 mühsame Jahre durchstehen.

Mengenreduzierte Sorten

Gleichwohl, seine Passion hat er bewusst zu seinem Lebensinhalt gemacht: „Es gibt wenige Berufe, die ihr Produkt zusammen mit der Natur so intensiv begleiten können“, sagt er. Seine wichtigsten Sorten sind heute Spätburgunder, Schwarzriesling und Lemberger. Dazu baut er neben Bioweinen auch speziellere und strikt mengenreduzierte Sorten wie Accolon oder Dornfelder an. Er hat seine Nischen gefunden. Wem dies bislang nicht gelang, prophezeit er angesichts des arbeitsaufwendigen Terrains, schwierige Zeiten.

Er, als Winzer vom Fuße der Alb, aber auch seine Produkte haben – zumindest in Fachkreisen – das Exotenimage längst abgelegt. Belustigte Blicke sind längst Bewunderung gewichen. Und die Entwicklung des Metzinger Weins ist nicht abgeschlossen. Steigende Temperaturen führen nicht nur zu einer um zwei Wochen vorgezogenen Weinblüte, sondern auch dazu, dass um Metzingen herum heute ein Klima herrscht, wie man es vor 25 Jahren im badischen Ihringen vorfand. Erstmals wird deshalb mit dem Anbau des lange reifenden Rieslings experimentiert.

Liebhaber nicht vergraulen

 Die Zukunft des Metzinger Weins dürfte den innovativen, noblen und durchaus auch hochpreisigen Tropfen gehören. Längst sind auch handverlesene, im Barriquefass gereifte Cuvées und verschiedene Sekte und Meseccos im Angebot. Über das spezialisierte Angebot will Martin Koch allerdings nicht den Großvater vergessen, der, wie seit Jahrzehnten schon, zum Feierabend etwa sein gewohntes Schiller-Viertele schlotzt. Würde man ihn enttäuschen, „täte mir das schon weh“, sagt Koch. Schließlich ist der Metzinger Wein für die alteingesessenen Liebhaber schon längst kein Geheimtipp mehr, stattdessen Ausdruck einer über 900 Jahre alten Kultur am Fuße der Alb.

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