In Handschellen wird der junge Mann von Justizbeamten in kugelsicheren Westen in den Saal geführt. Und in jeder Pause wieder hinaus aus den Räumen des Gerichtsgebäudes, ein paar 100 Meter weiter den Hügel hoch in die Tübinger JVA-Außenstelle. Dort sitzt der 23-Jährige in Untersuchungshaft, seit er am 20. Dezember 2019 am Ausbildungsplatz verhaftet wurde.

Dabei macht der seit viereinhalb Jahren in Deutschland und bis zu jenem Tag als anerkannter Flüchtling in Reutlingen lebende Syrer keinen bedrohlichen Eindruck. Bubenhaft wirkt sein Gesicht, das karierte Flanellhemd in gedeckten Farben trägt er zur Jeans bis oben zugeknöpft, der Wollmantel scheint für die Witterung zu warm.

Vorwürfe klingen heftig

Zum Abschluss der Beweisaufnahme steht er am dritten Verhandlungstag im Zentrum des Interesses der beiden ehrenamtlichen und zwei hauptberuflichen Richter der 8. Großen Jugendkammer am Landgericht sowie des Staatsanwalts und der Vertreterin der mutmaßlichen Geschädigten als Nebenklägerin.

Denn die Vorwürfe, die das heute 14-jährige Mädchen aus Metzingen gegen ihren Ex-Freund erhebt, sind heftig: schwerer sexueller Kindesmissbrauch in 13 Fällen, davon zwei in Tateinheit mit einer Vergewaltigung und einer zudem mit Freiheitsberaubung. Wobei die Kammer am Mittwoch erklärt, dass sie den Vorwurf der Freiheitsberaubung möglicherweise getrennt vom Sexualdelikt bewerte. Der 23-Jährige, der sich beim Kennenlernen jünger ausgab, soll seine Ex-Freundin, die sich ihm ihrerseits als 16-Jährige vorgestellt hatte, einmal in einem Zimmer seiner Wohnung eingesperrt haben.
Prozess um sexuellen Missbrauch einer Minderjährigen aus Metzingen Fall scheint keineswegs eindeutig

Tübingen

Am Dienstag hatten die Mutter des Mädchens – sie hatte ihn Mitte Dezember bei der Polizei angezeigt – und eine 15-jährige Freundin die zwischen September und Dezember 2019 bestehende Beziehung der beiden zum Teil als gewalttätig beschrieben.

Beträchtliche Abweichungen in den Aussagen

Die 34-jährige Mutter sagte aus, als sie ihn mit dem wahren Alter ihrer Tochter konfrontierte, habe der Angeklagte ihr derbe Worte ins Gesicht geschleudert, zugleich jedoch beteuert: „Hey Alte, ich habe sie nicht angefasst!“

Die heute 14-Jährige selbst, die tatsächlich als 16-Jährige durchgehen könnte, wurde am Dienstag unter Ausschluss der Öffentlichkeit befragt. Zwischen ihrer Darstellung und den Aussagen von Mutter, Freundin sowie Angeklagtem scheinen jeweils erhebliche Abweichungen zu bestehen. Deshalb ziehen die Richter am Mittwoch Tagebuchauszüge, Briefe, Fotos und Chat-Schnipsel als weitere Beweismittel heran.

WG-Mitbewohner nennt das Ex-Paar „glücklich“

Nach der Partnerin seines WG-Mitbewohners, mit deren Aussagen der zweite Prozesstag geendet hatte, wird am Vormittag des dritten Verhandlungstags auch der ebenfalls 23-Jährige als letzter von sechs Zeugen befragt, zur Persönlichkeit des Angeklagten, zu seiner Einschätzung von dessen Beziehung zu der Minderjährigen: „Er war immer süß zu ihr“, „beide waren sehr, sehr glücklich“ und „er hat sie voll geliebt“, sagt der Freund.

Das passt eher zum Bild, das der Angeklagte selbst abgibt, wenn er zum Schluss der Beweisaufnahme Angaben zu seiner Person macht – eher als die gegen ihn erhobenen Vorwürfe.

Vor „Alptraum“ in Syrien in deutsche Sicherheit geflohen

Die Stimme des jungen Mannes wird brüchig, wenn er erzählt, wie sein Vater starb, als er noch ein Teenager war. „Wegen des Kriegs musste ich flüchten“, liest er von einem vorbereiteten Blatt Papier ab. Da brechen Tränen hervor, die Stimme versagt ganz. „Ich habe den Tod gesehen, das war wie ein Alptraum. In Deutschland fühle ich mich in Sicherheit.“

Er sei dankbar, hier aufgenommen worden zu sein, habe gleich einen  Deutschkurs gemacht, einen Job gesucht, den Führerschein selbst bezahlt und eine Ausbildung begonnen. Ein Reutlinger Seniorenpaar kümmere sich seit Jahren um die beiden WG-Bewohner, habe die beiden quasi „adoptiert“, fügt die Verteidigerin noch an.

Zeugnis bestätigt guten Eindruck

Ein Zwischenzeugnis seines Arbeitgebers bestätigt den guten Eindruck: Kollegen und Geschäftsführung lernten ihn als „aufgeschlossen, immer freundlich und zuverlässig“ kennen, heißt es darin. Erlauben es die Umstände, könne er seine Ausbildung dort fortsetzen.

Ein Brief des mutmaßlichen Opfers von Mitte November, den die Richterin vorliest, legt schließlich eine tiefe beiderseitige Liebe nahe, welche die Eltern des Mädchens trennen wollten. Ein Screenshot vom Handy des Angeklagten zeigt seinen Arm: blutig, aufgeritzt. Will er dazu etwas sagen? Der junge Mann schüttelt stumm und ernst den Kopf. Vielleicht deshalb die Handschellen – zum Schutz vor sich selbst.
Am 29. Juni geht die Verhandlung weiter, mit Plädoyers von Anklage und Verteidigung.

So gesehen: Chat als Beweismittel – aber ohne Emojis?


Zusätzlich zu Zeugenaussagen, Angaben zur Person des Angeklagten sowie Auszügen aus dem Tagebuch der mutmaßlich Geschädigten spielt als „Urkunde“ in der Beweisaufnahme in diesem Fall vor dem Landgericht ein „Whatsapp“-­Chatverlauf zwischen dem heute 23-Jährigen und der damals 13-Jährigen eine Rolle. Sämtlichen Mitgliedern der Kammer sowie dem Staatsanwalt, der Nebenklage-Vertreterin, dem Angeklagten und dessen Verteidigerin liegen die Handy-Kurz-Nachrichten dazu in ausgedruckter Form zum Durchlesen vor. Allerdings ohne Emojis, wie ein Hinweis des Angeklagten gegenüber seiner Anwältin Safak Ott ergibt: Er habe sicher keine Nachrichten mit so vielen Fragezeichen an seine damalige Freundin geschickt. Die Anwältin gibt das in der Verhandlung ans Gericht weiter. Die Vorsitzende Richterin Sigrid Höchst erklärt daraufhin, die Fragezeichen stünden in den Ausdrucken des elektronischen Austauschs anstelle der tatsächlich verwendeten Emojis.

Das überrascht, da die kleinen, aus dem Smiley entstandenen Piktogramme in SMS und Chats nicht nur Begriffe, sondern auch Stimmungen und Gefühlszustände ersetzen und so in der Regel das Eingetippte erst in einen klaren Zusammenhang stellen. Schon 2015 wählte deshalb der renommierte Verlag der Universität von Oxford ein Emoticon zum „Wort des Jahres“. Claudia Reicherter