Metzingen / Susanne Eckstein  Uhr

Das Dirigentenforum ist ein Förderprogramm des Deutschen Musikrates. Hier hat der Spitzennachwuchs die Chance, sich mit einem renommierten Orchester zu erproben und auch öffentlich aufzutreten. Als musikalischer Leiter fungierte Prof. Lutz Köhler, als Sparring-Partner die Württembergische Philharmonie Reutlingen.

Der Trainingszweck war auch an der ungewohnten Programmfolge abzulesen: Drei Ouvertüren und eine sinfonische Dichtung im ersten Teil standen einer Sinfonie im zweiten gegenüber. Vor der Pause wechselten sich Seung Hyun Baek und Hangyul Chung (beide aus Korea) am Dirigentenpult ab, den zweiten Teil – Mendelssohns Sinfonie Nr. 3, die „Schottische“ – übernahmen Claudio Novati und Julio García Vico (aus Italien und Spanien) jeweils zur Hälfte.

Wie klingt das Scheitern?

„Wie klingt das Scheitern?“, fragte das Programmheft. Damit war Beethovens „Coriolan“-Ouvertüre gemeint, die jedoch nach unbesiegbarer Kämpfernatur klang. Seung Hyun Baek induzierte Hochspannung, das Orchester reagierte mit äußerster Disziplin und Dramatik. Ähnlich energiegeladen und prägnant ließ Hangyul Chung Brahms’ „Tragische Ouvertüre“ musizieren, manchmal schien der Druck fast zu hoch, dieser Brahms wirkte ungewohnt streng. Klingt es so, wenn hochmotivierte Heißsporne unter Leistungsdruck dirigieren?

Auch Smetanas Tondichtung „Aus Böhmens Hain und Flur“ zeigte ein verändertes Gesicht. Um orchestral lachende Fluren und tanzende Landleute darzustellen, braucht es eine lockere Musizierhaltung. Dafür war hier wohl kein Platz: Die strikt herausgekehrte Autorität des jungen Dirigenten zwang das gemeinsame Spiel in ein enges Korsett, das an maschinelle Akkordarbeit denken ließ. Ebenfalls betont straff und präzise ließ sein Kollege die „Fledermaus“-Ouvertüre gestalten, doch er hatte sich offenbar ins wienerische Kolorit eingearbeitet, inszenierte fesselnde Anläufe und charmanten Walzerschwung und erntete lebhaften Applaus.

Mehr frischer Wind

Mehr Spielraum für Ausdruck und Gestaltung ließen die zwei jungen Dirigenten im zweiten Teil zu. Zunächst Claudio Novati, der stilbewusst und sicher durch die ersten zwei Sätze von Mendelssohns „schottischer“ Sinfonie führte. Im zweiten Satz konnte man den Eindruck gewinnen, er wolle mehr frischen Wind als die Musiker, doch das „Vivace non troppo“ dauert nur vier Minuten, und schon musste er den Platz am Pult an Julio García Vico abtreten.

Diesem gelang eine überzeugende Darstellung des Adagio und des Finalsatzes – in diesem Fall darf man von „Interpretation“ reden. Soweit das aus dem Saal zu erkennen war (schade, dass das Publikum die Dirigenten nur von hinten sieht), wandte er sich direkt den Musizierenden zu, Arme und Hände sprachen eine sparsame, dabei detailreich beredte Sprache. Die Kantilenen durften sich aussingen, die Abschnitte gingen logisch und natürlich ineinander über, Akzente und Artikulation wirkten zugleich spontan und durchdacht, die Musik fesselte auf natürliche Weise.

Der Dirigentenstab schien sich in einen Zauberstab zu verwandeln: Der junge Mann hatte die Musik auf selbstverständliche, lockere Art im Griff und ließ sie schlüssig gestalten, ohne künstlich zu dramatisieren. Viel Applaus gab es zum Schluss – für das Orchester und alle vier Dirigenten.

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Dirigenten – Seung Hyun Baek, Hangyul Chung, Claudio Novati und Julio García Vico – erprobten ihr Können mit der Württembergischen Philharmonie in der Metzinger Stadthalle.