Das „Hexenbiest“ hat sich in den Schnüren eines grün-schwarzen Drachens verfangen. „Das ist auch meiner“, sagt Veronica Beck und versucht die beiden auseinanderzubringen. Dabei geht der braune Deltadrachen mit den orangenen und gelben Streifen bei den Nachbarn gegenüber zu Boden. Sie nehmen es der 81-Jährigen nicht krumm, sondern helfen ihr beim entwirren. „Man kann fast überall Drachen steigen lassen, aber alleine auf der Wiese ist es nicht so schön wie hier“, sagt Beck. Mit hier ist das Flugfeld der Fliegergruppe Hülben gemeint, auf dem zum zehnten Mal das Drachenfest gefeiert wurde.

Alter Stoffdrache aus dem Hause Steiff

Veronica Beck lässt Drachen steigen seit sie sieben Jahre alt ist. Ihr erster Drache war ein Roloplan von Steiff. Der hat vor dem Zweiten Weltkrieg ihren älteren Brüdern gehört. Nach dem Krieg fand sie den Stoffdrachen in der alten Waschküche wieder. Seither macht ihr der Kampf gegen den Widerstand mit dem Drachen immer wieder aufs Neue Spaß. Jeden Sonntag geht sie mit ihrer Gruppe auf eine Wiese bei Sindelfingen, um Drachen steigen zu lassen. „Man muss den Widerstand regulieren können, ich muss wissen, wann ich welchen Drachen steigen lassen kann und welche Schnüre ich brauche“, sagt sie. Kastendrachen würden viel Wind aushalten, für Flachdrachen war dieser beispielsweise am Sonntag zu stark. Deshalb blieb ihr Katzenkopf-Drachen im Kofferraum, stattdessen zeigte sie ein Bild davon auf dem Smartphone. Aber noch etwas anderes gefällt ihr am Drachensteigen: „Jeder Drache ist ein Bild, das am Himmel steht.“

Zehn Jahre Drachenfest in Hülben

Wie Veronica Beck kommt auch ihr Bekannter Klaus Buchner seit dem ersten Drachenfest vor zehn Jahren nach Hülben. Sein schwarz-rot-gelber Kastendrachen bewegt sich sachte im Wind, während er die Schnurlänge über eine Rolle reguliert. Seit gut 15 Jahren lässt er wieder Drachen steigen, nach der Kindheit hat er es aus den Augen verloren. Etwa sechs bis sieben Drachenfeste besucht er im Jahr, alle, die innerhalb einer Autostunde von Albstadt aus erreichbar sind. So handhabt es Veronica Beck aus Stuttgart inzwischen auch, früher ist sie durchaus mal nach Dänemark zu einem internationalen Drachenfest gefahren.

Besucher aus ganz Deutschland zu Gast

Ein nationales Fest scheint es beinahe in Hülben zu sein. Hamburg, Essen, Dortmund ist auf den Kennzeichen zu sehen. Viele kommen aus dem Raum Esslingen, Nürtingen, Reutlingen. Göppingen, Ulm und Biberach ist ebenso zu lesen. Die Parkplätze reichen an dem sonnigen Sonntag gerade so.

Nachdem am Samstag das Drachenfest tagsüber sprichwörtlich ins Wasser gefallen war, nutzten die Besucher den Wind des wunderschönen Herbsttags auf dem Flugfeld aus. Wer keinen Drachen mitgebracht hat, konnte sich an einem Stand einen aussuchen. Oder aber mit Pommes auf der Picknickdecke den zahlreichen Drachen am blauen Himmel zusehen.

Bunte Kugelfische am Himmel

Kaum einer glich dem anderen und ein lang gezogenes „Ooooh“ entlockten die großen Drachen neben dem Familienfeld nicht nur den Kindern. Ein großer Kugelfisch fing immer nur gerade so viel Luft ein, um sich aufzublähen. Herrliche herbstfarbene Sterndrachen rauschten im Wind. Riesige Schildkröten gingen in die Luft.

„Wir sind überglücklich mit dem Tag“, ist Werner Buck von der Fliegergruppe Hülben froh. Am Abend zuvor klarte es auf, sodass immerhin ein paar Besucher zum Feuerwerk und Laternenumzug kamen. Bei dem schönen Wetter kämen immer viele Leute am Sonntag.

Helfer kamen wegen des großen Andrangs an Grenzen

Aber mit so einem Andrang hat selbst er nicht gerechnet. Die vielen Helfer des Vereins kamen an dem Tag an ihre Grenzen. Glücklicherweise war ständiger Nachschub von Bäcker und Metzger gewährleistet. Dabei hat vor zehn Jahren kaum einer mit mehr als einem Drachenfest gerechnet. Damals fiel Schnee und es war kalt, erinnert sich Buck, der jahrelang der Fliegergruppe vorstand. „Das kannst du bleiben lassen“, wurde ihm gesagt. Doch Werner Buck hielt damals an seiner Idee fest. „Einmal machen wir es noch.“ Zum Glück, denn das zweite Fest war ein Erfolg.

Der Tag machte Freunde

Zu schade wäre es, wenn die Kinder und ihre Eltern nicht lachend den Drachen hinterherlaufen könnten. Denn viel Freude scheint der Tag allen bereitet zu haben. Daher murrte auch niemand, dass das Warten in den Schlangen für Essen, Getränke, Kaffee und Kuchen mehr als eine halbe Stunde dauerte.

Das könnte dich auch interessieren:

10


Jahre gibt es das Drachenfest der Fliegergruppe Hülben inzwischen. Vom Flop bei Eis und Schnee bis zum vollen Erfolg reicht die Palette der Veranstaltungstage in dieser Zeit, dieser Sonntag war ein Hauptgewinn.