Lesung Dimensionen von Flucht bewusst gemacht

Zehn berührende Texte zum Thema Flucht wurden von den Autoren auf Einladung von „zugetextet“ in der Medienakademie gelesen.
Zehn berührende Texte zum Thema Flucht wurden von den Autoren auf Einladung von „zugetextet“ in der Medienakademie gelesen. © Foto: Wieland Lehmann
Metzingen / Wieland Lehmann 08.03.2017

Im vorigen Jahr hatte Walter (Werner Theis) mit seiner Redaktion von „zugetextet“ zur Teilnahme an einer Ausschreibung eingeladen. Das Thema wurde nur durch ein Wort gegeben: Flucht. Über 200 Einsendungen wurden eingereicht, neun wurden an diesem Abend gelesen.

Sie habe den Text bereits vor Jahren geschrieben, sagte Rosemai M. Schmid (Grafenberg). Nun sei er „auf bestürzende Weise wieder aktuell“. Sie las von der Reise nach Rumänien, von ihrer Begegnung mit dem Freund Karl, der unter der Macht von Ceausescu lebte, als ob er erstickt. Er vertraute ihr ein Geheimnis an: „Ich werde fliehen.“ Sie solle „schweigen wie das Grab“, so auch der Titel ihres Textes. Dann erhielt sie die Nachricht, dass er auf der Flucht erschossen worden sei.

Flucht wirkt über Generationen hinaus. Kerstin Brichzin (Köln) las über den Besuch bei der Großmutter. Hier erfährt sie von deren Flucht aus Ostpreußen, der bunt bemalten Kellertür mit den zwei Kerben, die den Tod des Bruders und der kleinen Mina dabei markieren. Die Berührung der Tür weckt Erinnerungen.

Wie fühlt man sich als „Käsescheibe zwischen zwei Brothälften“? Nadia Rugger (Südtirol) las von Mirko Mavesti, der in seinen Erinnerungen auf dem Kreuzfahrtschiff versunken ist. Von Flucht ist nicht die Rede, doch der Satz, den er von einer Möwe zu hören glaubt, lässt aufhorchen: „Zu spät eingereichte Papiere können leider nicht berücksichtigt werden.“ Das fordert Bezüge bei Hörern und Lesern heraus, die  Gedanken mit Fluchtassoziationen in Verbindung zu bringen.

„Ich bin der Wind“, lautet der erste Satz des Textes „Grenzenlos“ von Lukas Mende (Hamburg). Winde berühren jeden, zu allen Jahreszeiten. Doch hier war auch von Menschen diesseits und jenseits des großen Drahtzauns zu hören, von Wunden kleiner Jungen, die ihre Eltern unter Schutthaufen finden. Ist es möglich, im Windhauch auch den Leiden und Nöten vertriebener, flüchtender Menschen nachzuspüren? Literatur macht es in einem solchen Kontext möglich.

Man müsse den Ursachen für die Flucht begegnen, heißt es seitens der Politiker. Katharina Glück (München) ließ mit ihrem Text „Wüste über Nacht“ etwas davon spüren, was es heißt, wenn alles zerfällt, wenn nichts mehr bleibt, wenn nur die Flucht ein Ausweg ist und  Erlebtes doch im Menschen selbst für immer bleibt. Sigune Schnabel (Düsseldorf) las drei ihrer Gedichte vor. Das gesprochene Wort kann Hörer anregen, doch die Entschlüsselung selbst, sodass sie „unter die Haut“ (so einer der Titel) geht, bedarf wohl des Lesens in Ruhe und Stille. „Treppenfluchten“ war der Text von Anna Kontogiorgas (Tübingen) überschrieben. Abgründe im baulichen Bereich fordern hier Bezüge zu Ängsten in der Flüchtlingsproblematik heraus.

Bei „Hey Kafka“ von Jochen Stüsser-Simpson (Hamburg) ging es um „Gespräche aus dem Türsteher-Milieu“. Doch das waren keine vor einer Disko, sondern vor einer Grenzöffnung. Die Bezüge zu Franz Kafka stellte der Autor seiner Lesung voran, regte dazu an, Gelesenes mit dem Schriftsteller in Beziehung zu setzen. „Gibt es überhaupt Grenzen, die unüberwindbar sind?“, heißt es im Text. Walter las die „Abschiedsworte“ von Shannon Prehl. Die Tochter wird von ihrer Mutter auf ein Schiff von Schleusern geschickt, um sie in Sicherheit zu bringen. Der zutiefst berührende Text endet allerdings mit einer lapidaren Mitteilung aus den Nachrichten vom 20. April 2016: „500 Ertrunkene: UN bestätigen weitere Flüchtlingskatastrophe im Mittelmeer.“

Spendenübergabe an den AK Asyl

Je ein Euro der Printausgabe kommt dem Arbeitskreis Asyl zugute. Werner Theis überreichte einen Scheck in Höhe von 200 Euro an David Roth und Franz Mayer vom Arbeitskreis Asyl.

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