Die Woche Peter Kiedaisch über den Rest von Hindenburg in Metzingen Die Straße mit üblem Namen

© Foto: dpa
Metzingen / Von Peter Kiedaisch 10.11.2018

Es ist lange her, aber nicht vergessen. Die Reichspogromnacht hat vor 80 Jahren gezeigt, wozu Hass und Verblendung führen können. Wenn diesem düsteren Kapitel dieser Tage gedacht wird, muss es aber mehr als reinen Erinnerungscharakter haben. Anders als noch vor einigen Jahren ziehen nämlich wieder dunkle Wolken auf über den Häuptern der Mächtigen. Manchmal sind es nur Worte. Demütigende, herablassende, diffamierende Äußerungen, die man nicht etwa am Stammtisch hört, sondern aus dem Mund von Staatsoberhäuptern oder Abgeordneten. Also von jenen, die eigentlich Vorbild sein sollten. Traurig genug, aber die Vorbilder von heute taugen nicht mehr zur Nachahmung. Nicht mal im Sport, wo inzwischen arabische Scheichs ihre Ölmilliarden zur Talentsuche in afrikanischen Dörfern einsetzen, um dort Buben im Grundschulalter von ihren Eltern wegzuholen, damit sie den Reichtum der Investoren mehren. So sieht moderne Sklaverei aus. Noch länger ist es her, dass der Erste Weltkrieg zu Ende ging. Mindestens in Deutschland hielt sich die Freude darüber in Grenzen. Statt Kriegstreibern wie Hindenburg den Prozess zu machen, gewährte man ihm die Möglichkeit zur Legendenbildung. Was sich aus seiner Dolchstoß-Phantasterei entwickelte, führte dazu, dass sich ein Regime etablieren konnte, dessen Mordgesellen willkürlich in Wohnungen friedlicher Familien eingedrungen sind, um Frauen, Kinder und Männer systematisch zu töten. Heute, mit all dem Abstand und gestärkt aus einer jahrzehntelang funktionierenden freiheitlich, demokratischen Grundordnung, sollte allerdings eine Frage erlaubt sein: Warum gibt es in Metzingen noch immer eine Hindenburgstraße? Dieser Mann hätte das Weltengericht verdient, aber keine Würdigung. Vielleicht kommt ja mal aus Reihen des Gemeinderats ein entsprechender Antrag. Einer international bekannten Stadt wie Metzingen würde es sicher guttun, sich von solchen Menschen zu distanzieren. Die Sieben-Keltern-Schule trug ja auch lange seinen Namen. Dieser Fehler wurde immerhin in den 1990er Jahren korrigiert. Vom Gemeinderat bereits abgesegnet wurde eine Stele zum Gedenken an die NS-Opfer aus dieser Stadt. Wer sich dereinst vor ihr stehend auf das wirklich Gute in dieser Welt, auf Frieden und Freiheit etwa, besinnen möchte, sollte nicht einige Schritte weiter auf eine Straße stoßen, die beharrlich an das Übel erinnert.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel