Nachts an einem düsteren Ort. Zwischen berstend vollen Müllsäcken, verratzten Altkleidern und blauen Chemietonnen trauern 14 ältere Damen ihrem Leben und den vielen unerfüllten Träumen nach. Die Essenz? Im Alter ist vieles nicht mehr möglich. Der Zug ist abgefahren. Schön war gestern.

Den Frauen, die hier auf einer Art Müllhalde aufeinander treffen, hat das Leben übel mitgespielt. Sie sind alt, hässlich und mürbe geworden, die meisten von ihnen sind auf Hilfe angewiesen oder ergeben sich in ihre Depression und Lethargie. Dazu kommt, dass sie auch finanziell schlecht ausgestattet sind und in ihrer Not jeden Anstand vermissen lassen. Mit gegenseitigen Gehässigkeiten machen sie sich das Leben zusätzlich schwer und vergessen vor lauter Selbstmitleid, im Hier und Jetzt zu leben. Die gerappte Verzweiflung zweier Frauen bringt ihr Lebensgefühl auf den Punkt: "Der Tag ist grau, mau, weder Fisch noch Fleisch - als ob der Himmel sich immerzu auf die Lippen beißt".

Selbst das unerwartete Auftauchen der drei Schwestern aus Tschechows gleichnamigem Roman verändert ihre Lage nicht, sondern führt zu weiteren Auseinandersetzungen und noch schlechterer Stimmung. Denn die (vergebliche) Suche nach ihrer Heimatstadt Moskau haben Olga (Elke Haas), Irina (Gabi Oechsle-Kober) und Mascha (Doro Gauss) ebenfalls trübselig werden lassen. Nicht nur ihr Tun, auch das der sechs Müllhaldenbewohnerinnen und der vier Operngängerinnen verweisen auf schwerwiegende Deformationen im Seelenleben.

Doch noch ist nicht alles verloren. Mit Henni (Marianna Seidel) taucht eine Fremde auf, der die Lebenslust aus allen Poren quillt und die mit guter Laune und erfrischenden Trommelrhythmen Leben insdesolate Altersheim bringt. Es gelingt ihr, den alten Damen, die auf Tiernamen wie blindes Huhn (Ester Eisele, mit 89 ältestes Ensemblemitglied), Ratte (Reinhilde Hauser), Kröte (Sabine Wolf) oder Spinne (Rosemarie Heinl) hören, neuen Lebensmut einzuimpfen und sie ins pralle Leben zurückzuholen.

In "Schön war gestern" skizziert die Leiterin des Tübinger Frauentheaters Purpur, Uschi Famers, in losen, undramatischen Dialogen die Automatismen des körperlichen Verfalls, das Sehnen nach Bestätigung und die Ängste und Zweifel, die sich beim Älterwerden einstellen. Die Laiendarstellerinnen erleben diesen Prozess mit allen Höhen und Tiefen. Sie streiten, brüllen ihren Frust heraus, machen andere für ihren Zustand verantwortlich. Sie schubsen sich, zeigen ihre Ängste und Sehnsüchte, ihre Wut und ihren Trotz. "Ja, wir werden alle nicht hübscher", hört man eine der Frauen mit frustrierter Stimme sagen. "Weil wir vergessen haben, in der Gegenwart zu leben", antwortet die Fremde Henni.

Gespielt werden diese Szenen von 14 Frauen zwischen 59 und 89 Jahren. Die knappen Dialoge benötigen oft nicht mehr als zwei, drei Worte, dann rückt das nächste Problem in den Fokus. Dramaturgisch unterbrochen werden die aneinander gereihten Szenen durch aggressive Rangeleien oder kurze Gesangs-, Trommel- oder Tanzeinlagen, die teilweise wirken, als hätten die Seniorinnen Testosteron-Spritzen verabreicht bekommen. Die einstündige Inszenierung spricht durch ihre schlichte Ausstattung (Reinhilde Hauser) an und durch die authentische, zuweilen fast Loriot-mäßige Darstellung der Hobby-Schauspielerinnen.

"Schön war gestern" nimmt einem durch die unkonventionelle, spielerische Bearbeitung nicht nur ein wenig die Angst vor dem Tod, die Inszenierung zeigt auch, dass das Leben jenseits der 60 noch Chancen bietet, nicht gelebte Träume zu realisieren. Denn, so rappt Marianne Seidel: "Schau nicht vor, nicht zurück - hier und jetzt ist unser Glück."