Bad Urach Die Rodelbahn am Tiergartenberg

Bad Urach / Walter Röhm 18.01.2019

In den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts beschließen die Uracher Stadtverwaltung und der Fremdenverkehrsverein, sich „der neuen Mode des Winterwanderns“, also des Langlaufs, anzunehmen. Sie stellen nämlich fest, dass, sobald der erste Schnee fällt, durch die neue „Mode“, von Jahr zu Jahr eine „größere Schar wetterfester, sturmtrotzender Schneeschuhfahrer“ in die Stadt und auf die Uracher Alb kommt. Auch die Ortsgruppe des Schwäbischen Albvereins will sich der „Winterwanderer“ annehmen und gründet im Dezember 1907 eine „Schneeschuh- und Rodelabteilung“, der schon ein Jahr später 48 wintersportbegeisterte Damen und Herren aus der Stadt angehören.

Wintersportzentrum fürs Land

Letztlich planen die Uracher ihre Stadt zu einem „Sportzentrum“ auszubauen, das Wintersportler aus dem ganzen Land anziehen soll. In Anzeigen empfehlen sie ihre Stadt als „hervorragenden Stütz-, Ausgangs- und Zielpunkt“ für Ski-Wanderungen auf der Hochfläche und locken zudem mit dem Hinweis, am Schluss einer jeden Winterwanderung auf der Hochfläche stehe ein besonderes, ja einzigartiges Erlebnis bevor, die rund sechs Kilometer lange Abfahrt ins Tal.

Diese Abfahrt ist in der Dezember-Ausgabe 1907 der „Blätter des Schwäbischen Albvereins“ wie folgt beschrieben: „Als Abfahrt nach Urach dienen entweder die neue Sirchinger Steige, die den Fahrer nach sechs Kilometern Abfahrt bis an die ersten Häuser Urachs bringt, oder die steilere alte Steige, die etwa 500 Meter unter der Kehre, von der neuen rechts abzweigend, bei der Kunstmühle die Talsohle erreicht.“ Aber auch die alte und die neue Ulmer Steige werden als „vier Kilometer lange prächtige Abfahrten“ gepriesen.

Vollkommen unverständlich werden diese Abfahrten sogar noch 1933 im „Schwäbischen Ski-Führer“ des Schwäbischen Schneelauf-Bundes empfohlen, obwohl sie durch die Motorisierung und die winterliche Straßenpflege gefährlich oder gar unmöglich geworden sind. Noch in den Jahren nach dem zweiten Weltkrieg muss der damalige Leiter des Verkehrsamtes, Karl Häberle, an schneereichen Wintertagen Wintersportlern wortreich erklären, dass die einst so vielgepriesenen langen Abfahrten von der Hochfläche ins Ermstal leider nicht mehr möglich sind.

Im Jahre 1907 gibt es auch in der Stadt selbst bereits Wintersporteinrichtungen: die neue große Natureisbahn und die Rodelbahn. Als Eisbahn dient schon seit 1892 die bescheidene Restfläche des „Hirschsees“, die jeden Winter vom Uracher Eisclub auf Anregung von Textilfabrikant Erwin Gross für den Schlittschuhlauf hergerichtet wird. Als sich dann aber immer mehr Uracher für das Schlittschuhlaufen begeistern, wird es auf der kleinen Seefläche zu eng. Auf Wunsch des Eisclubs richtet deshalb die Stadt zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf einem Teil der städtischen Festwiese im Turngarten (heute: Parkplatz bei der Turn- und Festhalle) eine Eisbahn her. Aber dieses Gelände erweist sich schnell als ungeeignet. Es ist uneben und zudem fürchtet der Gemeinderat, die neu gepflanzten Kastanienbäume, die den Turnern einmal Schatten spenden sollen, würden Schaden nehmen.

Also machen sich der Verschönerungsverein, der inzwischen mit dem Eisclub fusioniert hat, und das Stadtbauamt auf die Suche nach einem geeigneten Platz für eine Eisbahn. Letztlich entscheiden sie sich für die städtischen Gänsewiesen an der Ulmerstraße, auf denen einmal nur noch selten Gänse gehütet werden und die zum andern im Winterhalbjahr ständig im Schatten des Hochbergs, also in einer kalten Talecke liegen. In den Jahren 1906 und 1907 wird gebaut und anfangs Januar 1908 eröffnet. Nun stehen den Schlittschuhläufern über 2100 Quadratmeter Eisfläche zur Verfügung. Allerdings ist die Benutzung der Bahn nicht mehr kostenlos. Erwachsene müssen 20 Pfennige pro Tag bezahlen. Kinder unter 14 Jahren, für die ständig ein Teil der neuen Eisbahn freigehalten wird, dürfen kostenlos und den ganzen Tag über ihren Teil der Eisbahn benützen.

„Die neue Bahn bietet alles, was man von einer modernen Großstadtbahn erwartet: gedeckten Anschnall- und Garderoberaum, beheizten Erfrischungsraum, öfters gute Musik und, das Beste kommt zuletzt, eine jeden Tag aufs Neue geglättete Fläche von 2100 Quadratmetern“ lobt der „Ermstalbote“.

Der besondere Stolz der Uracher aber ist die Rodelbahn, die, wie die Uracher meinen, „wohl die erste ihrer Art im Bereich der Schwäbischen Alb“. Die Stadt hat diese rund 800 Meter lange Bahn in den Jahren 1906 und 1907 auf der Zufahrt zur „Geißenweide“ (heute Verkehrsweg zum Höhenfreibad) am Hang des Tiergartenbergs angelegt. Sie will damit einmal den Schülern ein stadtnahes Rodelvergnügen ermöglichen und zum andern aber auch eine Alternative bieten zu dem gefährlichen Rodeln auf den Steigen, insbesondere auf der Ulmer Steige. Denn dort kommt es immer wieder zu teils schweren Unfällen.

Gefahren auf der Steige

Der „Ermstalbote“ schildert die Situation auf den Steigen: „Es ist eben gefährlich, wenn alle möglichen Schlittenarten, mit verschiedenster Besetzung von ein bis sechs Personen miteinander fahren. Die einen fangen oben an, die anderen weiter unten, wie es jedem passt. Ein Sechssitzer bewegt sich viel rascher als ein Einsitzer. Er überholt ihn, hat Fuhrwerke, die sich noch langsamer bewegen, zu überholen, entgegenkommenden auszuweichen, auf die bergansteigenden Rodler aufzumerken, kurzum, die Fahrt erfordert eine Aufmerksamkeit und ein Können des Lenkers, die eben häufig über dessen Kraft geht, umso mehr als die Lenkung wegen der Wölbung der Straße ungleich schwieriger ist, als auf einer technisch richtig, für diesen Zweck angelegten Bahn“. Und eine solch „technisch richtig“ angelegte Rodelbahn mit abgegrenztem Aufstiegsweg hat die Stadt 1906/07 am Tiergartenberg angelegt. Die Unterhaltung und Aufsicht liegen in der Hand der Stadt, die dafür, allerdings nur von auswärtigen Rodlern, eine Gebühr von 20 Pfennigen kassiert. Ja, sie erlässt sogar eine „Rodelbahnordnung“, in der genau festgelegt ist, wie sich die Rodler und die Zuschauer zu verhalten haben.

Gerodelt werden kann, wenn der Fahrwart der Schneeschuh- und Rodelabteilung des Albvereins die „Flagge aufgehisst“ hat. Aus den Vereinsprotokollen ist zu entnehmen, dass die Bahn immer sehr gut besucht ist und sich die Rodler diszipliniert verhalten. Nur die Bekleidung der meisten Damen hat der Fahrwart zu bemängeln. Er berichtet: „Die Damenkleidung ist ja von Haus aus weniger zweckmäßig für den Rodelsport als die Männerkleidung. Am aller unzweckmäßigsten jedoch sind meist Kopf und Füße bekleidet und merkwürdigerweise machen es unsere lieben Damen gerade verkehrt. Die Stiefel sind meist zu klein und die Hüte zu groß! Ein solider Lederstiefel, möglichst mit Wickelgamaschen, das ist das Wahre! Und praktisch sind aber auch die modernen Riesenhüte, zu deren Befestigung Nadeln von der Größe von Stoßdegen erforderlich sind, gewiss nicht!“

Die Rodelbahn am Tiergartenberg ist die einzige „Winterattraktion“, die sich bis heute erhalten hat. Sie ist an geeigneten Wintertagen auch heute noch insbesondere zur Freude der Uracher Jugend in Betrieb.

Der Traum vom „Wintersportzentrum der Mittleren Schwäbischen Alb“ aber ist längst ausgeträumt. Und so sind heute statt Schnee und Eis die warmen und heilkräftigen Mineralquellen Bad Urachs Attraktion. Und dies das ganze Jahr über.

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