Metzingen Die Polizei übt am fahrenden Objekt

Metzingen / Von Peter Kiedaisch 12.09.2018

September, der neunte Monat ist Reifezeit, keine schrecklichen Gewitter verzerren mehr die Nacht. Wessen Leben kalendarischen Abläufen folgt, erwartet mit dem Herbst alsbald ruhigere Tage und längere Nächte. Für Trucker gilt das indessen nicht. Alle Tage sind gleich. Sie müssen innerhalb einer von der Spedition vorgegebenen Zeit Güter oder Waren von einem Land ins nächste fahren. Manche fahren nicht mal diese großen Distanzen, aber eines haben alle gemein: den Termindruck. Und der ist im September bei spätherbstlichem Sonnenschein nicht anders als bei Eis und Schnee im frostigen Februar.

Dieser Druck hat mit Kosten zu tun, und er lastet auf den oftmals kleinsten Rädchen eines Fernverkehrsunternehmens: auf den Fahrern. Am Mittwoch haben einige innerlich geflucht, als sie durch Metzingen oder an Metzingen vorbeifahren wollten.

Motorrad-Polizisten lauern

Fünf Verkehrspolizisten auf schweren Polizeimotorrädern haben in der Peripherie der Sieben-Keltern-Stadt auf verdächtige Fahrzeuge gelauert. „Die haben einen Blick dafür“, beschreibt es Polizeirat Hans-Peter Seidenfuß. Er ist Leiter des Verkehrskommissariats Esslingen. Die Kontrollen hatten einen doppelten Boden. Erstens deckten sie Missstände auf. Zweitens dienten sie im vorliegenden Fall der Weiterbildung von Verkehrspolizei und Streifendienst. Während eines dreitägigen Fortbildungsseminars der Hochschule für Polizei Baden-Württemberg wurden 45 Lehrgangsteilnehmer aus allen regionalen Polizeipräsidien Baden-Württembergs in Sachen Ladungssicherheit unterrichtet. Sogar Beamte aus Bayern waren dabei.

Die besten Anschauungsbeispiele fanden sich auf den Straßen rund um Metzingen. Etwa ein Langholz-Sattelschlepper. Harald Forstmeier von der Verkehrspolizeidirektion Tübingen, der den Einsatz leitete, kennt die Tücken, mit denen die Fahrer zu kämpfen haben. „Die laden Baumstämme im Wald auf und können nur schätzen, wie schwer die sind“, sagt er. Zwar hat der am Lastzug verbaute Kran eine Waage, aber die ist oft ungenau. Nasses Holz ist schwerer als trockenes, das ist ein Anhaltspunkt für den Fahrer, aber er bräuchte schon ein abgeschlossenes Physikstudium, um aus dem Feuchtigkeitsgehalt des Holzes, der Länge und des Umfangs der Stämme das Gewicht berechnen zu können. Aber nur, wenn er ein zweites Studium der Forstwissenschaften vorweisen kann, das es ihm ermöglicht, die Baumart zu identifizieren und so Hinweise auf die spezifische Dichte des Holzes zu erlangen. Spaß beiseite: „Die Fahrer schätzen das Gewicht“, sagt Forstmeier.

Beanstandungsquote bis zu 80 Prozent

Das tun auch die Polizeibeamte auf dem Motorrad, die auch darauf achten, wie tief der Laster eingesunken ist, ob eine etwaige Abdeckplane ausgebeult oder ob die Hecktür nicht richtig verschlossen ist. Die Beanstandungsquote beträgt immerhin bis zu 80 Prozent, sagt der Einsatzleiter, der mit seinem Team bis zu 15 Mal im Jahr auf dem Bongertwasen steht und Lastzüge kontrolliert. Das kann zweierlei bedeuten. Entweder trickst ein Großteil der Fahrer, oder die Polizisten haben einen exzellent guten Riecher. Die Wahrheit wird irgendwo in der Mitte liegen.

Anders verhält es sich mit der Gerechtigkeit. In der Regel sind es die Trucker, die am Schlafittchen gepackt werden, wie Forstmeier und sein Kollege Seidenfuß bestätigen. Den Fahrern geht es zunächst an den Geldbeutel, wenn sie Ruhezeiten nicht eingehalten haben oder wenn die Ladung nicht korrekt gesichert ist.

Freilich wissen die Polizisten, wer eigentlich dahinter steckt. Und wenn sie anhand der Papiere feststellen, dass die Fahrer die vorgeschriebene Route niemals in der von der Spedition festgelegten Zeit schaffen können, haben sie Anhaltspunkte gegen den Arbeitgeber. Der macht sich dann schuldig, gegen seine Fürsorgepflicht zu verstoßen. Das tut er auch, wenn das Fahrzeug nicht verkehrstüchtig ist oder wenn die Ausrüstung nicht taugt, um die Ladung zu sichern: „Vier Räder alleine genügen nicht in dem Metier“, sagt Polizeihauptkommissar Harald Forstmeier.

Damit die Polizisten bei den Kontrollen wissen, wie Ladung zu sichern ist, waren am Mittwoch auch allerlei Referenten dabei. Von Firmenmitarbeitern, die Spanngurte verkaufen, bis hin zu Vertretern von Bußgeldbehörden.

Im Falle des Langholzlasters ließ es Einsatzleiter Forstmeier nicht auf Schätzungen beruhen. Er ließ eine mobile Waage aufbauen, auf der der Lastzug kurz halten durfte.

Was dabei herauskam? Jedenfalls hallte irgendwann die Stimme eines Kontrolleurs über den Bongertwasen, der an diesem Tag kein Festplatz war: „Wir brauchen den Fahrer des Langholzwagens!“ Ein gebückt gehender Mann machte sich dann zu Fuß auf den Weg in Richtung Waage.

Insgesamt wurden 24 Laster kontrolliert, wobei 21 davon zu beanstanden waren. In der Pressemitteilung der Polizei wird der Tag wie folgt zusammengefasst: „Überwiegend waren dies Verstöße gegen die vorgeschriebene Ladungssicherung sowie gegen Sozialvorschriften (Lenk- und Ruhezeiten der Fahrer). In wenigen Fällen wurde eine Überladung festgestellt. 15 Fahrern wurde vorläufig die Weiterfahrt untersagt, in der Hauptsache wegen mangelnder Ladungssicherung oder Technik-Mängeln am Fahrzeug. Insgesamt wurden Sicherheitsleistungen in Höhe von rund 5000 Euro einbehalten.

Bei einem slowenischen Laster wurde ein unzulässiger Transport (Überlänge des Fahrzeugs) festgestellt. Die vom Auftraggeber an den Spediteur gezahlten Kosten wurden eingezogen. Im Fall eines finnischen Lasters wurde wegen erheblicher technischer Mängel eine Betriebsuntersagung ausgesprochen.“ Das ist nicht lustig, denn das Fahrzeug wurde komplett aus dem Verkehr gezogen.

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