Grafenberg Die Ortsmitte darf nicht ausbluten

Christina Hölz 02.08.2018

Beate Pittas klingt entschlossen. „Wenn wir jetzt nicht handeln, ist es vielleicht zu spät“, sagt die Grafenbergerin. „Dann verödet unsere Ortsmitte, weil die kleinen Läden schließen müssen.“ Um das zu verhindern, steht Beate Pittas dieser Tage mit Unterschriftenlisten vor den Einzelhandelsgeschäften in der Grafenberger Ortsmitte. Sie sammelt Namen und Meinungen gegen ein geplantes Großprojekt am Ortsausgang in Richtung Großbettlingen. Und auf ihren Listen haben schon mehr als 100 Bürger unterzeichnet.

Was treibt diese Grafenberger um? Der Gemeinderat will an der Nürtinger Straße (B 313) ein neues Gewerbegebiet namens Trieb ausweisen. Im Februar hat das Gremium den Vorentwurf des Bebauungsplans gebilligt – schon jetzt geplant sind am östlichen Markungsrand mehrere Projekte. Unter anderem handelt es sich um ein Wertstoffzentrum, eine Tankstelle mit Backtheke und einen 850 Quadratmeter großen Discounter, ebenfalls mit Backshop. Und gerade damit hadert Beate Pittas: „Der große Lebensmittelmarkt und die zwei Backshops fangen die Kunden da draußen ab. Das wäre der Todesstoß für unser Ortszentrum“, urteilt die gebürtige Kraichgauerin, die seit 1989 in Grafenberg lebt.

In den rund 2600-Seelen-Ort an der Kreisgrenze hatte sich Beate Pittas damals sofort verliebt. „Ich mag das Dorfleben einfach“, sagt die gelernte Hauswirtschaftsleiterin. Beim Einkaufen im Ort Bekannte treffen, mit ihnen mal spontan einen Kaffee trinken gehen – das gehört für die dreifache Mutter dazu. Aber auch um diese Begegnungen („so etwas brauchen vor allem die älteren Menschen“) fürchtet sie, sollten sich die Einkaufsströme überwiegend in Richtung Gewerbegebiet verlagern.

Denn viele Gemeinden, die große Märkte auf die Grüne Wiese bauen ließen, gäben ein schlechtes Beispiel ab: Leerstehende Läden und menschenleere Plätze: „Um das zu sehen, muss man gar nicht weit fahren.“

Grafenberg indessen hat noch Einzelhandel am Ort. Unter anderem Metzger, Bäcker, einen kleineren Supermarkt, zwei Blumenläden, Apotheke und Raumaustatter. Ein Angebot, das nicht nur die Unterzeichner der Listen am Ort halten wollen – sondern auch Bürgermeisterin Annette Bauer. Gerade jetzt, wo Grafenberg endlich seine Ortsumfahrung bekommt, haben sich Gemeinderat und Verwaltung das Gestalten einer neuen „Mitte“ auf die Fahnen geschrieben, betont die Rathauschefin.

Ein erster Schritt in diese Richtung ist getan: Die Grafenberger haben eine Kohlberger Bäckerei gewonnen, die ein Café im neuen Gesundheitszentrum eröffnet. Annette Bauer ist froh über diese Zusage. „Das ist eine große und entscheidende Maßnahme.“ Die neue Gastronomie soll helfen, den Dorfkern lebendig zu erhalten.

An diesem Ziel ändert sich für die Bürgermeisterin auch nichts, wenn ein Discounter ins Gewerbegebiet Trieb zieht. Der Gemeinderat habe sich für diese Lösung ausgesprochen, um ein „zweites Standbein zur Lebenmittelgrundversorgung“ in Grafenberg zu schaffen. Sollte der kleine Markt irgendwann einmal nicht mehr sein, brauche es eine Alternative. Und was die Zukunft der Läden im Ortskern angeht, setze die Verwaltung durchaus auf Kommunikation:„Wir sind im Gespräch mit den Einzelhändlern.“ Hier und da geht es auch um eine Spezialisierung oder eine neue Ausrichtung des Angebots.

Schließlich sieht Annette Bauer alle Grafenberger gefordert, wenn es darum geht, die Ortsmitte zu stärken. „Es ist einfach eine bewusste Entscheidung, ob man beim kleinen Metzger oder im Discounter einkauft.“ Allerdings relativiert die Verwaltungsfachfrau: „Viele Menschen können sich schlicht nichts anderes leisten als den Discounter.“

Das weiß auch Beate Pittas. Aber gerade deshalb verweist sie auf die bereits vorhandenen größeren Supermärkte rund um Grafenberg. „Die Nahversorgung im unmittelbaren Umfeld sei gegeben. Da brauche es nicht noch eine Anlaufstelle.

„Lasst uns das Feld nicht ganz an die großen Discounterketten abtreten“, steht auf den Plakaten, mit denen die gebürtige Badenerin vor den Geschäften steht. Oder: „Die Ortsmitte darf nicht ausbluten.“

Beate Pittas hat gemerkt: „Viele Leute sind offen für mein Anliegen.“ Die Unterschriftenmappe ist gut voll, die meisten Einzelhändler legen die Liste gegen das Bauvorhaben am Ortsrand in ihren Läden aus.

Mit ihren Zweifeln sind diese Grafenberger nicht alleine. Auch der Regionalverband Neckar-Alb (er steuert die Entwicklung der Gemeinden über sein Zentren- und Märkte-Konzept) ist skeptisch. Das Gremium hat in einer Stellungnahme Bedenken gegen den geplanten Discounter im Gewerbegebiet angemeldet, bestätigt Verbandsdirektor Dr. Dirk Seidemann. Der Grund: Bei einer Dimension von 850 Quadratmetern gilt der Markt (knapp) als großflächig. Ein solcher kann in Unter-, Mittel- und Oberzentren nur dann gebaut werden, wenn er keine zentral gelegenen Nahversorger schädigt, dort keine Kaufkraft abzieht und außerdem wohnortnah liegt, erklärt Seidemann weiter.

Und im Fall Grafenberg ist zumindest ein Punkt klar: „Der Ort hat ein lebendiges Zentrum mit Bäcker, Metzger und anderen Läden. Diese Angebote dürfen nicht beeinträchtigt werden“, betont der Verbandsdirektor.

Im Verfahren um den Bebauungsplan Trieb sollen nun weitere Behörden und die Öffentlichkeit beteiligt werden. Beate Pittas will das Gespräch mit Bürgermeisterin Annette Bauer suchen. Die wiederum hat angekündigt, sie sei für Debatten offen.

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