Metzingen Die Kunst, einen grauen Strich zu malen

Regine Lotterer 03.07.2018

Die Gewerbliche Schule in Metzingen leistet seit mehr als 100 Jahren einen wichtigen Beitrag für die Berufsausbildung. Die Schüler haben dabei viele Fächer zur Auswahl: von der Mode über Metallberufe bis hin zur KFZ- und Gebäudereinigerbranche. Wer einen Abschluss in der Tasche hat, der besitzt gute Chancen, eine Stelle zu erhalten. Derzeit besuchen rund 950 Schüler den Unterricht in Metzingen, 60 Lehrer kümmern sich um ihre Ausbildung. Seit acht Jahren ist Roland Kiesel als Schulleiter verantwortlich für die Einrichtung, die vom Landkreis getragen wird. Vor seiner Zeit in Metzingen war er 30 Jahre lang an der Friedrich-Ebert-Schule in Esslingen, studiert hat er Maschinenbau sowie Volks- und Betriebswirtschaft. Eine Ausbildung, die ihn durch sein ganzes Berufsleben getragen hat, wie er sagt. Heute verabschiedet er sich in den Ruhestand, gleichzeitig wird seine Nachfolgerin Susanne Lauffer-Dietborn ins Amt eingesetzt.

Herr Kiesel, Sie waren fast vier Jahrzehnte im Schuldienst. Wenn Sie nun zurückblicken, würden Sie sich wieder für den Lehrerberuf entscheiden?

Roland Kiesel Ja, unbedingt. Lehrer, das war mein Beruf. Kein Tag ist hier wie der andere, es ist immer wieder überraschend, was auf einen zukommt. Auch die Stelle des Schulleiters würde ich wieder übernehmen. Da sind zwar manche Überstunden aufgelaufen, nicht zuletzt, weil ich die Schule auf verschiedenen Veranstaltungen repräsentieren musste. Da bin ich oft erst sehr spät nach Hause gekommen. Aber wenn man die Arbeit mit Freude macht, dann lässt sich vieles bewältigen.

Acht Jahre lang haben Sie für die Gewerbliche Schule Verantwortung getragen. Das war bestimmt nicht immer einfach, so viele unterschiedliche Bereiche und Charaktere unter einen Hut zu bekommen.

Ein gewisses Regelwerk ist notwendig, damit es in einer solchen Einrichtung funktioniert. Besonders wichtig ist es, dass alle Lehrer mit einer Stimme sprechen. Sanktionen gibt es beispielsweise für Schüler, die zu spät kommen. Beleidigungen werden selbstverständlich nicht toleriert. Außerdem muss sich jeder an unsere Grundwerte halten. Das alles muss man den Schülern klar sagen.

Und das funktioniert?

Wir haben sehr gute Erfahrungen damit gemacht. Zumal wir nicht darauf achten, wo ein Schüler Schwächen hat. Wir wollen seine Stärken herausarbeiten. Wenn das funktioniert, dann relativieren sich die Schwachpunkte. Das haben wir auch in unserem Leitbild festgeschrieben. Weitere Punkte im Leitbild sind gegenseitiger Respekt und das gemeinsame Lernen. Unsere Schule besuchen immerhin 950 Schüler, die aus mehr als 30 Nationen stammen. Ihnen allen gerecht zu werden, ist nicht immer einfach. Da muss ich auch vor der Leistung meiner Kollegen den Hut ziehen.

Ein Leitbild ist das eine, es im Alltag umzusetzen, ist das andere. Wie gehen Sie und Ihre Kollegen diese Aufgabe an?

Die Schüler, die zu uns kommen, sind ja Profis als Schüler. Die kennen alle Tricks, die sie im Lauf der Jahre erfolgreich erprobt haben. Aber wir Lehrer sind ja noch viel länger Profis als die Schüler. Es bringt allerdings nichts, sich in einen Kleinkrieg ziehen zu lassen. Wir müssen den Schülern auch gewisse Freiheiten lassen, sie in ein Millimeterraster zu pressen, ist kontraproduktiv. Da geht das Fallbeil an unnötigen Stellen runter. Reines Schwarz-Weiß-Denken hilft einfach nicht weiter, man muss den Strich auch grau malen können. Die Schüler merken dann, dass der Lehrer Situationen richtig bewerten kann.

Den heutigen Schülern wird nachgesagt, weniger Wissen und weniger Leistungsbereitschaft mitzubringen als frühere Generationen. Wie ist Ihre Wahrnehmung?

Als junger Lehrer habe ich mit meinen Schülern darstellende Geometrie durchgenommen. Das ginge heute nicht mehr. Dafür konnte damals keiner eine freie Rede halten oder den Stoff klar und übersichtlich zusammenfassen. Als Lehrer muss man auf diese Veränderung reagieren. Die Frage ist, wie kriegen wir den Stoff an die Kinder, die in einer multimedialen Welt aufgewachsen sind. Hier hat sich die Gesellschaft gewandelt. Klagen hilft aber nicht, ebenso wenig bringt es uns voran, im Althergebrachten zu verharren. Wir müssen uns verändern, und wir müssen mit den Veränderungen professionell umgehen.

Kommen die Schüler, die Ihre Schule mit einem Abschlusszeugnis verlassen, gut unter?

Ja. Alle Handwerksberufe sind sehr gefragt. Diese Leistungen kann man sich eben nicht über Google bestellen. Für kleinere Handwerksbetriebe ist es allerdings nicht immer leicht, die passenden Mitarbeiter zu finden. Die Schüler bewerben sich eben häufig zuerst in den großen Firmen. Wenn sie dort eine Absage erhalten, suchen sie weiter. Unsere Gebäudereiniger sind übrigens hochgeschätzte Mitarbeiter. Das ist eine ganz anspruchsvolle Branche, die haben es mit ganz verschiedenen Bereichen zu tun, etwa mit Reinraumtechnik, mit Hygieneanforderungen in Krankenhäusern oder mit hochwertigen Oberflächen. Inzwischen pflegt unsere Schule einen sehr guten und vertrauensvollen Umgang mit der Gebäudereiniger-Innung. Die Schüler kommen mittlerweile aus dem gesamten süddeutschen Bereich, aus Nürnberg, Hof, Saarbrücken, sogar aus Kassel. Die schicken ihre Schüler lieber zu uns als nach Frankfurt.

Viele Schüler wollen heute studieren. Wirkt sich dieser Trend zur Akademisierung auch an Ihrer Schule aus?

Als ich in Metzingen angefangen habe, gingen die Zahlen zurück. Wir waren mal bei 1150, sind dann auf 850 gesunken und sind jetzt wieder bei 950. Die Trendwende haben wir auch dank der so genannten Akkreditierungs- und Zulassungsverordnung im Rahmen der Arbeitsförderung geschafft. Diese Zertifizierung war sehr anstrengend, aber nun bekommen wir Schüler, die von der Arbeitsagentur gefördert werden. Hier sind wir der schulische Partner. Auf diese Weise sind drei zusätzliche Klassen entstanden.

Eine Möglichkeit, Jugendliche für eine duale Ausbildung zu begeistern, ist die Azubi-Messe, die es seit vielen Jahren an Ihrer Schule gibt. Ist das Modell noch erfolgreich?

Ja, das ist es. Wir haben den Zeitpunkt allerdings auf Oktober verschoben. Mehr als 60 Firmen sind an diesem Tag bei uns präsent, von kommunalen Verwaltungen bis hin zu Handwerks- und Industriebetrieben. Wichtig ist die Messe auch für die Schulen in der Region, das Metzinger Gymnasium ist übrigens inzwischen auch im Boot.

Über Flüchtlinge wird derzeit viel in der Öffentlichkeit diskutiert. Wie sieht es an Ihrer Schule aus?

Da sind wir gut aufgestellt. Wir haben aus einem Sonderkontingent jemanden bekommen, der sehr empathisch mit den Schülern umgeht und wirklich sehr gute Arbeit leistet.

Es gibt Gerüchte, Lehrer an Gewerblichen Schulen würden weniger verdienen als ihre Kollegen am Gymnasium. Stimmt das?

Nein. Die Karrierechancen sind gleich, wir stehen auf derselben Stufe wie die Gymnasiallehrer. Wir haben gerade eben erst ein Angebot an fertig ausgebildete Gymnasiallehrer gemacht, zu uns zu kommen. Wer schlau ist, der macht das. Alle, die bei uns angefangen haben, gehen nicht mehr freiwillig weg. Und wer gehen musste, der war traurig. Die Arbeit ist abwechslungsreich und immer spannend.

Die Metzinger Gewerbeschule ist Ihnen offenbar ans Herz gewachsen.

Ja, die Schule ist schon etwas Besonderes. Es gibt einfach so viele Facetten. Da ist die Individualität der Mode, die Tradition des Maschinenbaus, die KFZ-Branche als innovatives und verbindendes Element. Und in all diesen Bereichen bewegen wir uns auf einem hohen Niveau. Außerdem ist die Schule gut aufgestellt. Die Zusammenarbeit mit dem Regierungspräsidium als personalführende Stelle und dem Schulträger als Zuständigem für die Ausstattung der Schule funktioniert bestens. Unsere Stärke liegt meiner Meinung nach auch darin, Probleme nicht zu negieren. Wir stellen uns den Herausforderungen.

Wenn Sie acht Jahre zurückblicken, was hat Sie damals bewogen, nach Metzingen zu gehen?

Ich habe das Angebot gesehen und bin einfach neugierig geworden. Bereut habe ich meine Entscheidung jedenfalls zu keinem Zeitpunkt.

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