Es war wieder - kulturell betrachtet - ein pralles Jahr. Konzerte, Theater, Kabarett, Ausstellungen und mehr: Viele Eindrücke werden lange in Erinnerung bleiben. Die Stadthalle konnte sich als Publikumsmagnet über den Kreis hinaus etablieren, und drumherum blühte das kulturelle Leben im Erms-, im Echaztal und auf der Alb weiter - die Kulturregion lebt. Wir lassen die Monate Revue passieren.

Die Württembergische Philharmonie legt mit einem Stummfilmkonzert und einem Gastspiel der Weltklasse-Geigerin Baiba Skride los. Das Spendhaus Reutlingen eröffnet die viel beachtete Ausstellung "Kämpfe Passionen Totentanz - Der Erste Weltkrieg im Spiegel der Kunst" (Januar). Tedros Teclebrhan alias Teddy - Comedian mit Mössinger Wurzeln - füllt die Stadthalle gleich zwei Mal hintereinander - das ist vor ihm nur dem türkischen Weltmusik-Pianisten Fazil Say 2013 gelungen. Und das Tonne-Theater zeigt mit seinem Festival Monospektakel, wie vielfältig und spannend Ein-Personen-Theater sein kann (Februar).

Während der Brüller in Oliver Welkes Heute-Show - Gernot Hassknecht - auch im franz.K seine berühmten Wutausbrüche loslässt, sorgt der international renommierte Harfenist Xavier de Maistre in der Stadthalle für leise perlende Töne (März). Sigrid Löffler, ehemals Mitglied im berühmten Literarischen Quartett um Marcel Reich-Ranicki, beehrt die Stadtbibliothek. Und der Reutlinger Sam alias Sven Budja gibt erst unserer Zeitung ein Interview und dann mit seiner Band The Baseballs ein Heimspiel in der Stadthalle (April).

Im Wonnemonat verändert sich sogar das Stadtbild ein klein wenig - auf dem freien Platz am Tübinger Tor, auf dem Grün vor der Stadthalle und im Garten des Heimatmuseums werden Skulpturen des Ratgeb-Preisträgers Joannis Avramidis aufgestellt. Sie kommen gut an - schließlich wirken die Objekte wie Menschengruppen, die zusammen stehen und sich beraten: ein Symbol für lebendige Demokratie. Kinder spielen um sie herum, Passanten lesen in ihrem Schatten ein Buch. Das Reutlinger Tonne-Theater wird erstmals zu den renommierten Ruhrfestspielen eingeladen, wo es in illustrer Gesellschaft - mit dem Deutschen Theater Berlin sowie dem Münchner Residenztheater - von Publikum und Presse gefeiert wird. Die Württembergische Philharmonie ist ebenfalls auswärts zu Gange und erinnert mit einem denkwürdigen Konzert im Volkstheater Wien an die gewaltsame Niederschlagung der Aufstände im Istanbuler Gezi-Park (Mai). Zur Fußball-WM hat der Veranstaltungsring Metzingen (VRM) Besonderes zu bieten: Stephan Graf von Bothmer improvisiert live zu einem WM-Kick an der Orgel der Martinskirche. Am Landestheater Tübingen (LTT) markiert der Tschechow-Klassiker "Die Möwe" das Ende der neunjährigen Intendanz von Simone Sterr. Und in Reutlingen geht erneut das Festival "Kultur vom Rande" über die Bühne - internationale Performancegruppen mit Menschen mit Behinderung beleben unter dem Motto "Überall und irgendwo" die Stadt. Sommerzeit bedeutet auch Freiluft-Kultur: Die Naturtheater der Region spielen "Kiss me, Kate" (Reutlingen) sowie "Räuber im Schafspelz" (Hayingen), beim Stadtfest Reutlingen tritt Peter Schilling auf - na wie wohl, "völlig losgelöst" (Juni).

Weiter geht's mit den Open-Airs: Auf der Tübinger Neckarinsel gibt das Theater Lindenhof das Bauernkriegsstück "Der Arme Konrad", auf dem Bad Uracher Marktplatz spielt die Philharmonie unter freiem Himmel (bis ein Unwetter hereinbricht). Die Starsopranistin Helene Schneiderman gastiert beim Classic Open Air im Reutlinger Kreuzeiche-Stadion, das KuRT-Festival zieht 15 000 junge Rock-Fans an (Juli). Keine Atempause: Kommissar Thiel alias Axel Prahl singt im Sudhaus-Garten, und das Kulturzentrum franz.K feiert seinen fünften Geburtstag unter anderem mit einem großen Open-Air - Fanfare Ciocarlia, Jaqee und Patrice geben sich die Ehre. Torsten Wille, der neue Marienkirchen-Kantor und Nachfolger von Eberhard Becker, gibt sein Debüt beim Reutlinger Orgelsommer. In dieser Zeit tut's auch bei Kamino, der Initiative für ein Reutlinger Programmkino, einen weiteren entscheidenden Schnackler vorwärts - heute zählt die Genossenschaft knapp 550 Mitglieder. Und das Naturtheater Reutlingen zieht positive Saisonbilanz - 25 000 Besucher (August).

Es folgt ein wahrer Prominentenreigen: Die Kult-Band Lake rockt den Glemser Hirsch, der Kabarettist Reiner Kröhnert eröffnet die Metzinger VRM-Saison mit einer Merkel-Parodie, und Kabarett-Urgestein Werner Schneyder kommt in die Münsinger Alenberghalle (September). Und während die Herbstlichen Musiktage Bad Urach wieder mit Gaststars wie Julia Fischer und Helen Donath aufwarten, stellt die TV-Moderatorin Katrin Bauerfeind im Reutlinger franz.K ihr Erstlingsbuch vor. Dort macht dann auch Judith Holofernes, die frühere "Wir sind Helden"-Frontfrau, eine Zwischenlandung. Kurz davor beginnt am LTT eine neue Ära: Simone Sterrs Nachfolger, der Intendant Thorsten Weckherlin, startet mit einem Öko-Thriller in seine erste Saison: Ibsens "Volksfeind" (Oktober).

In der Stadthalle gibt Synchron-Spaßtexter Dodokay ein Heimspiel. Und das franz.K holt in Kooperation mit der Philharmonie die Brüsseler Weltmusik-Sängerin Natacha Atlas dorthin - ein Brückenschlag zwischen den Kulturen (November). Auch Jan Josef Liefers, bekannt als "Tatort"-Leichenbeschauer Prof. Börne, zeigt - wie im Sommer sein Kollege Axel Prahl - in der Stadthalle seine sängerischen Qualitäten. Die Kelternspiele Metzingen spielen die Boulevard-Komödie "Venedig im Schnee", Mathias Richling nimmt in Reutlingen die Spezies "Politiker" aufs Korn (Dezember).

Jubiläen, Geburtstage - Abschied von Winand Victor

Jubiläen, Geburtstage Das Städtische Kunstmuseum Spendhaus wird - mit schmalem Etat und ohne großen Pomp - 25 Jahre alt: eine Podiumsdiskussion zieht Bilanz (April). Zwei Maler der Region - Heinz Danzer (11. Juni) und Gudrun Gantzhorn (27. Juli) - feiern jeweils 75. Geburtstag. Die Galerie Thron, nach dem Hagelschaden renoviert, besteht seit zehn Jahren (Juli). Und das Reutlinger Kulturzentrum franz.K lässt es im fünften Jahr mit einem Festival krachen (Juli/August). Das LTT-Kinder- und Jugendtheater blickt auf 30 Jahre zurück (September), der Philharmonia Chor Reutlingen auf 20 (Oktober), der Veranstaltungsring Metzingen und das Nachwuchsorchester der Jungen Sinfonie auf jeweils 60 Jahre (November).

Abschied Der Reutlinger Maler und Grafiker Winand Victor stirbt am 27. April mit 96 Jahren (Foto: Belanov). Er war ein leiser Charakter, ein "beredter Schweiger", der abseits von Kunstmarktmoden ein bedeutendes, eigenständiges Oeuvre geschaffen hat. 2006 erhielt er den Maria-Ensle-Preis, 2008 die Bürgermedaille der Stadt, 2013 das Bundesverdienstkreuz. Bei ihm stand immer der Mensch im Zentrum - herausgehoben seien seine Großstadt-Bilder, sein Triptychon zum 20. Jahrhundert, seine späten All-Visionen und sein letztes Großbild "Die Rückkehr des Menschen".

OP