Die Woche Die Angst und der Protest

Regine Lotterer über den Protest und die Angst der Bürger.
Regine Lotterer über den Protest und die Angst der Bürger. © Foto: Thomas Kiehl
Metzingen / Regine Lotterer 01.09.2018

Seit Anfang der 1990er Jahre sind Beschäftigte in Westdeutschland zunehmend damit konfrontiert, plötzlich deutlich weniger Geld zu verdienen als vorher. Entsprechend groß sei die Verunsicherung unter den Arbeitnehmern, schreibt Tom Krebs, Professor für Makroökonomie und Wirtschaftspolitik an der Universität Mannheim, in einer Untersuchung. Das Nachrichtenmagazin Spiegel hat Krebs’ Untersuchung einen Artikel mit der Überschrift „Absturzrisiko macht Bürger wütend“ gewidmet. Der Befund des Professors scheint durchaus ein Erklärungsansatz für das zu sein, was derzeit in Deutschland passiert. Am Samstag beispielsweise haben Therapeuten in Metzingen und vielen anderen Städten demonstriert, weil sie miserabel bezahlt werden. Dabei ist ihre Arbeit enorm wichtig: Sie helfen Menschen, etwa nach einem Schlaganfall, zurück in ein selbstbestimmtes Leben zu finden. Grund zum Protest haben auch jene Frauen und Männer, die Alte und Kranke versorgen. Die hohe Arbeitsbelastung ist für sie ebenso demoralisierend wie die Aussicht, später mit einer dürftigen Rente leben zu müssen. Ärger empfinden zudem viele Eltern, weil ihre Kinder in sanierungsbedürftigen Schulen lernen sollen. Betriebe leiden unter fehlenden Investitionen in die Infrastruktur. All das ist wahrlich Anlass genug, seinen Zorn auf die Straße zu tragen. Das Recht zu demonstrieren garantiert den Deutschen seit 70 Jahren das Grundgesetz und damit jene freiheitlich-demokratische Verfassung, die nach dem Ende der Nazi-Barbarei entstand. Als sich Hans Peter Stauch, der AfD-Landtagsabgeordnete des Wahlkreises Hechingen-Münsingen, dieser Tage auf den Weg nach Chemnitz machte, um an einer Demonstration seiner Partei teilzunehmen, hat der vermeintliche Biedermann also scheinbar nichts anderes getan, als auf einer friedlich verlaufenden Kundgebung sein grundgesetzlich garantiertes Recht wahrzunehmen. Randaliert, unschuldige Menschen zusammengeschlagen und Heil Hitler gebrüllt haben später andere. Dass dieser Mob für sich in Anspruch nahm, im Namen des Volkes zu handeln, hat indessen sehr wohl etwas mit Herrn Stauch und seiner Partei zu tun, mit ihrer täglichen Hetze gegen Fremde, mit bewusst gestreuten Falschmeldungen, mit der Relativierung der NS-Verbrechen als bloßem Vogelschiss in der deutschen Geschichte. Ein verheerender Brand lässt sich eben auch mit Worten entfachen.

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