Die Angst ist schon da, der Wolf noch nicht. Ist das Thema „Der Wolf und die Weidetierhaltung“ also überhaupt (schon) eines für die Landwirte der Schwäbischen Alb?

Infos über die Wolfsthematik

„Wir Bauern denken langfristiger, wir sehen ja die Entwicklung in Deutschland“, beantwortete Gebhard Aierstock, Vorsitzender des Kreisbauernverbandes Reutlingen, die von ihm aufgeworfene Frage gleich selbst. Und so hatten sich an diesem Donnerstag rund 100 Landwirte zu einer Fachtagung in Grabenstetten versammelt, um sich über die Wolfsthematik zu informieren.

Dabei ging es wohltuend ruhig und sachlich zu, was freilich auch daran gelegen haben mag, dass Wolfsbefürworter weder als Referenten noch als Zuhörer im Raum waren. Die Landwirte sind sich vielmehr darin einig: Kommt der Wolf, kommen Probleme. Zum Beispiel Jungbauer Felician Schäfer, ein Weideviehhalter auf dem elterlichen Muttertierbetrieb im Alb-Donau-Kreis. Durch die Weidetierhaltung würden Naherholungsgebiet vor Bewuchs und Verwilderung freigehalten. „Wir produzieren Landschaft, nicht nur Fleisch“, sagte Schäfer. Sollte sich nun ein Wolf im Bereich seines Grünlandbetriebes ansiedeln, müssten entlang der Weiden rund 100 Kilometer Elektro-Zäune aufgebaut werden, mit der empfohlenen Höhen von 120 Zentimetern.

Wolfsexperte gab Überblick

Deren Anschaffung wird zwar bezuschusst, aber alleine der Auf- und Abbau, die täglich vorgeschriebene Kontrolle sowie Reparaturen kosten den Betrieb 3000 Euro im Jahr, wie der Jungbauer errechnet hat. „Wie soll man diese Ausgaben wieder erwirtschaften?“ fragte Schäfer in den Saal hinein.

Friedrich Noltenius, ein Wolfsexperte aus Sachsen, gab einen Überblick über die Entwicklung der Wolfspopulation, die jährlich um 33 Prozent zunimmt. Ende 2017 waren 982 Tiere bekannt, folglich würde man 2023 schon die 5000er-Marke überschreiten. Auch die Anzahl der gerissenen Tiere wächst in ähnlichem Tempo: Waren 2016 noch 1079 Vorkommnisse bekannt, so gehen Noltenius’ Prognosen für das laufenden Jahr schon von 2500 Tieren aus. „Wir haben es in Deutschland nicht im Griff“, sagte der passionierte Jäger. Schuld ist seiner Meinung nach die deutsche Gesetzesgebung, denn die europäische FFH-Richtlinie lasse weit mehr zu im Kampf gegen den Wolf, wie andere europäische Staaten zeigen.

Es gebe keine allgemeingültige Patentlösung. Ein effektiver Herdenschutz sei nicht leistbar, Zäune zerschnitten die Landschaft, außerdem würden kleinere Lebewesen bei 6000 bis 7000 Volt regelrecht daran gegrillt, und auch Herdenschutzhunde könnten längst nicht in allen Fällen helfen, fasste der Wolfsexperte zusammen.

Menschen nicht bedroht

Immerhin konnte er auch einige Gemüter beruhigen, denn bislang sei in Deutschland kein einziger Fall bekannt, in dem Menschen von einem Wolf bedroht oder verletzt worden seien. Noltenius appellierte an die Landwirte, bei Verletzungen auch heute schon immer den Wolf als möglichen Verursacher im Hinterkopf zu haben und verdächtige Proben einzuschicken.

Über die Förder- und Versicherungsmöglichkeiten von Schutzmaßnahmen oder in Schadensfällen berichteten schließlich noch Heiner Klett vom Landesbauernverband und Versicherungsexperte Dirk Lambartz. Dann war die Diskussion eröffnet.

„Wer braucht den Wolf?“ fragte ein Mutterkuhhalter aus Bissingen/Teck, man sei auch die vergangenen 150 Jahre sehr gut ohne das Tier ausgekommen. „Das Wolfsmanagement in Deutschland ist jedenfalls gescheitert“, schloss der Herr. Und er rief seine Berufsgenossen dazu auf, bei den anstehenden Wahlen ihr Kreuzchen auch nach der Wolfsthematik zu machen.

Ein Kollege mahnte allerdings auch an, nicht nur an Mahnwachen gegen den Wolf teilzunehmen, sondern als Landwirt auch Veranstaltungen „der Gegenseite“ zu besuchen, um dort die Argumente der Landwirte bekannt zu machen. „Viele, die für die Ansiedlung des Wolfes einstehen, wissen es einfach nicht besser, weil sie unsere Argumente gar nicht kennen“, sagte er.

Landwirt Albert Werner aus Strohweiler erinnerte an die Gedenksteine, die einst zur Befreiung von der Plage von Wölfen aufgestellt wurden. „Wo ist der Tierschutz, wenn Lämmer vom Wolf gerissen werden und qualvoll verenden?“ fragte er in den Saal.  Er mutmaßt, dass der Weidetierhalter künftig die bedrohte Art sei, nicht mehr der Wolf.

Eine mögliche Lösung könnte die Ausweisung von Wolfsgebieten sein, in denen dann keine Weidetierhaltung stattfindet. „Egal wie, wir müssen uns jedenfalls mit dem Wolf arrangieren, denn er wird ja kommen“, sagte ein Landwirt, „auch wenn wir jetzt ein Nochnichtwolfsgebiet sind.“

Welche Lösung nun die praktikabelste und wirtschaftlichste sein wird, dazu wurde, nicht überraschend, auch in Grabenstetten keine Lösung gefunden. Was sich die Landwirte aber auf die Fahne geschrieben haben: Sie wollen Bevölkerung, Politiker und Tierschützer sachlich über ihre Bedenken und Argumente informieren. Nur so lasse sich letztlich überhaupt eine von der breiten Masse getragene Regelung finden.

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