Aus den Luftschächten im Boden der Martinskirche strömt an jenem Montagabend wohlige Behaglichkeit, die eine an den Gasbrennwertkessel im angrenzenden Gemeindehaus angeschlossene Warmluftheizung beharrlich in das spätgotische Gebäude bläst.

Es soll angenehm sein, wenn der musikalische Nachwuchs des Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasiums ein durchaus anspruchsvolles Konzert gibt. Die jungen Frauen und Männer suchen das, was man im Sport Wettkampfhärte nennen würde. Sie brauchen Publikum, um für das gewappnet zu sein, was auf sie im neuen Jahr zukommt: die Abiturprüfung. Es sind Schüler des Neigungskurses Musik, die einen Teil ihrer Reifeprüfung auf einem Instrument ihrer Wahl ablegen, sofern jenes Instrument die Töne akustisch und ohne elektronische Verstärkung erzeugt. Die meisten von ihnen sind konzerterfahren und in Orchestern schon oft aufgetreten. Was sie bis zur Prüfung aber noch brauchen, ist Vorspielpraxis, oder wie es ihr Lehrer, Wolf-Dieter Rahn, im Jargon der Musiker sagt: „Tutti-Schwein oder Solist: Das ist ein himmelweiter Unterschied“. Tutti heißt in der Sprache der Musik, also auf Italienisch, „jedermann“ und bezeichnet in dem Zusammenhang das Musizieren in der Gemeinschaft. „Tutti kann jeder“, sagt Rahn, der zweifelsfrei übertreibt. Auch das will gelernt sein.

Zehn Kandidaten bereitet er derzeit aufs Musik-Abi vor. Und was in der Mathematik die Integralrechnung oder in der Physik die Krümmung des Lichts ist, sind im Neigungskurs Musik die Analysen motivisch-thematischer Verläufe, erste eigene Kompositionen oder die Herausforderung, vierstimmige Sätze zu schreiben.

Drei, vielleicht auch vier seiner Schüler werden die Musik zum Beruf machen, schätzt er. Michael Korneck beispielsweise, der als Nachwuchs-Pianist schon eigene Konzerte gibt. Er möchte studieren, dieselben Pläne verfolgt sein Mitschüler Denis Weitmann, der sich auf die Gitarre kapriziert hat. Entweder Schulmusik, um danach Lehrer zu werden, oder ein Instrument. Absolventen dieser Richtung können beispielsweise eine Orchesterlaufbahn einschlagen. Allerdings ist dieser Weg weit und hart. Es gibt Orchester, sagt Wolf-Dieter Rahn, da bewerben sich 500 Musiker auf eine frei werdende Stelle: „Knallhart.“ Der Verdienst ist je nach Ensemble gut. Vielleicht sogar sehr gut. Und der Job ist eine erfüllende künstlerische Arbeit. Aber dafür sind Nerven nötig dick wie Drahtseile. „Musik machen heißt, seine Seele nach außen zu stülpen“, beschreibt es Rahn. Das macht angreifbar. Und selbst konstruktive Kritik wirkt mitunter wie eine Ohrfeige, umso härter treffen absichtlich unsachliche Bemerkungen.

Maik Hanschmann beispielsweise spielt Blockflöte. „Und zwar fantastisch“, wie Rahn sagt. Sein Dilemma aber könnte das Instrument selbst sein: „Blockflötenlehrer gibt es wie Sand am Meer.“

In so einem Fall fällt es dem Lehrer zunächst schwer, seinem Schüler einen Ratschlag zu erteilen. Aber nicht lange, dann spricht aus dem Pädagogen der Künstler, der Musiklehrer, der Leiter der Jazzcombo: „Wenn seine Liebe dahin geht, dann soll er das tun“, also Blockflöte studieren. „Zur Sicherheit soll er sich halt einen Plan B vorhalten.“ Annegret Bahnmüller könnte sich vorstellen, später Grundschullehrerin zu werden, sagt die junge Violinistin, „aber vielleicht auch Musik zu studieren“.

Noch gehen die zehn Nachwuchskünstler ihren Weg gemeinsam, wenigstens bis zum Abitur. Und sie halten zusammen, auch wenn es um die Frage geht, wie regelmäßig und wie lange sie an ihren Instrumenten üben. „Ganz unterschiedlich“, sagt Michael Korneck. Die einen mehr, die anderen weniger, aber streng genommen, sagt Annegret Bahnmüller, „ist das unser Betriebsgeheimnis“.