Metzingen Der Fluss ohne Wasser

Metzingen / Von Peter Kiedaisch 08.11.2018

Der Wasserstand der Erms wird auf der Internetseite der Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg exakt dokumentiert. Am Donnerstag um die Mittagszeit erreichte der Pegel einen Wert von 22 Zentimetern, allerdings gemessen in Bad Urach, also dort, wo der Fluss seine Quelle hat. Weiter talwärts gewinnt die Erms zwar an Vitalität, dennoch liegt in Metzingen auf Höhe des Freibads das Flussbett stellenweise trocken. Hin und wieder ist eine kleine Pfütze zu sehen.

Sauerstoff könnte ausgehen

Sie ist durchaus ein Zeichen für ein gesundes Flussbett, denn Fische und Kleinlebewesen mögen die Abwechslung zwischen seichten und tiefen Stellen. Tiere freilich, die sich wegen des Niedrigwassers in eine tiefere Mulde zurückgezogen haben, sind inzwischen vom Wasserzufluss abgeschnitten. Wenn es nicht bald regnet, könnte ihnen der Sauerstoff ausgehen.

Ein Fluss kann schon mal trocken fallen. Das kommt durchaus vor, bestätigt das für die Erms zuständige Regierungspräsidium Tübingen. Letztendlich freuen sich die Fischreiher über diese Einladung an den gedeckten Tisch.

Doch Niedrigwasser ist normalerweise ein Problem für Flüsse wie die Eyach, einem Nebenfluss des Neckars bei Albstadt, oder der Schlichem, die im Zollernalbkreis dieser Tage so wenig Wasser führt, dass ein Zementwerk sein Kühlwasser nicht mehr aus einem von der Schlichem gespeisten Stausee entnehmen kann, sondern auf das öffentliche Versorgungsnetz ausweichen muss. Das ist freilich auf lange Sicht teuer. Aber die Erms?

Trockener Sommer folgt trockener Herbst

Umgeben vom Karstgestein der Schwäbischen Alb gibt es in der Regel kein Problem wegen eines zu niedrigen Wasserstands, sagt das Regierungspräsidium. Diese Regel allerdings gilt dieser Tage nicht. Dem trockenen Sommer folgte ein trockener Herbst. Die seit 1981 ermittelten Werte der Landesanstalt für Umwelt sprechen eine deutliche Sprache: Der dort aufgeführte niedrigste Wasserstand beträgt eben jene 22 Zentimeter. Zum Vergleich: Am 24. Juni 2016 betrug der Pegel 1,23 Meter. Auch ein Rekord, aber in die andere Richtung.

Dem Pumpspeicherkraftwerk Glems fehlen derzeit 120 000 Liter Wasser. Das liegt nicht an der Erms, denn sie speist das Kraftwerk gar nicht. Es liegt vielmehr am Neckar, der wie alle Flüsse derzeit Niedrigwasser führt. Weil aber das Kohlefrakftwerk in Altbach mit Neckarwasser gekühlt wird, hat die EnBW als Betreiber sowohl des Kohlekraftwerks als auch des Pumpspeicherkraftwerks Glems entschieden, dass die Glemser Wasser an die Kollegen aus dem Landkreis Esslingen abgeben.

600 statt 2500 Liter pro Sekunde

Zwei Mal war das in diesem Jahr der Fall, zuletzt Anfang Herbst. Jeweils 40 000 Liter wurden über einen Zeitraum von elf Tagen über den Tiefenbach in die Erms geleitet, die in Neckartenzlingen in den Neckar mündet. „So wenig Wasser“, beschreibt es ein Mitarbeiter des Pumpspeicherkraftwerks, „habe ich in 30 Jahren noch nie erlebt“. In Zahlen ausgedrückt: Durch die Erms strömten am Donnerstag auf Höhe Neuhausen 600 Liter pro Sekunde. An normalen Tagen sind es 2500 Liter.

Dass der Pegel stellenweise auf Null geht, liegt zumindest in Metzingen am Kanal, mit dessen Wasserkraft Strom erzeugt wird. Das gesamte Wasser darf freilich nicht in in das künstlich angelegte System fließen. Sonst würden Fische und Kleinlebewesen im Fluss leiden. Doch weil Niedrigwasser in der Erms bislang eher eine Sache für Theoretiker war, gibt es wenig Regel- und Steuerungsmöglichkeiten in so einem Fall. „Darauf haben wir bewusst verzichtet“, teilt das Regierungspräsidium mit.

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Kubikmeter Wasser fließen zurzeit auf Höhe Neuhausens durch die Erms. Normal sind zweieinhalb Kubik. In Bad Urach beträgt der Pegel 22 Zentimeter, an manchen Stellen ist Ebbe.

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