Neuhausen Den Vorfahren auf der Spur

Neuhausen / Regine Lotterer 13.02.2018

Ein gewisser Martin aus Glems hat es zu einigem literarischen Ruhm gebracht. Der Mann, ein tiefgläubiger Pietist, war gern gesehener Gast in vielen Hauskreisen. Von Korntal bis Hülben verbreiteten sich seine Erlebnisse, im vergangenen Jahr hat ihm die Neuhäuserin Patricia Stasch einen kleinen Aufsatz gewidmet. Erschienen ist er in einer Schrift des Vereins für Familienkunde Baden-Württemberg, dort ist Patricia Stasch Mitglied. Das Interesse an ihren eigenen genealogischen Wurzeln brachte sie einst zur Beschäftigung mit der Lokalgeschichte, ihr früherer Lateinlehrer weckte bei ihr die Begeisterung für die klassische Archäologie. Ein Fach, das sie zusammen mit Alter Geschichte sowie Vor- und Frühgeschichte studiert hat. Als Studentin erlebte sie in Berlin den Mauerfall. Derzeit arbeitet sie für die Uni Tübingen.

Frau Stasch, Sie verwalten islamische Münzen. Was muss man sich denn darunter vorstellen?

Patricia Stasch Die Uni Tübingen besitzt an die 70 Münzsammlungen, dazu gehört auch die islamische Numismatik. Sie umfasst immerhin 75 000 Münzen. Als Verwaltungsangestellte betreue ich unter anderem die ausländischen Gäste, die zu uns kommen. Solche Münzen kann man außer in Tübingen nur noch in New York, London oder St. Petersburg sehen. Übrigens arbeiten wir inzwischen sehr gut mit Kollegen in Mecklenburg-Vorpommern zusammen.

Wie kommt das?

Die Archäologen finden dort viele Münzen, die von Wikingern aus dem islamischen Raum mitgebracht worden sind. Die Wikinger haben die Münzen allerdings zerhackt, um die Einzelteile als Zahlungsmittel zu benutzen. Wenn solche Fragmente gefunden werden, wenden sich die Archäologen an unseren Experten, der die Fundstücke recht schnell datieren kann.

Woher kommt Ihre Begeisterung für die Historie? Gab es ein Schlüsselerlebnis?

Mein Lateinlehrer Karl Nicolai hat viel dazu beigetragen. Er ist mit uns beispielsweise ins Limesmuseum nach Aalen gefahren. Auch die Beschäftigung mit den lateinischen Schriftstellern hat mich fasziniert. Zur Lokalgeschichte bin ich über meine Familie gekommen. Übrigens wohne ich in einem Haus, das zwei meiner Ururgroßväter 1878 gebaut haben. Ein Eberle und ein Streicher. Inzwischen habe ich auch ihren Stammbaum zurückverfolgt. Bis 1600 sind es alles Neuhäuser.

Wie findet man so etwas heraus?

Bis ins 16. Jahrhundert lassen sich die Vorfahren in der Regel ganz gut zurückverfolgen, über alte Kirchenbücher beispielsweise. Für Neuhausen finden sich außerdem alte Lagerbücher des Klosters Zwiefalten. Die reichen bis ins 15. Jahrhundert zurück. Die  Mönche haben dort aufgeschrieben, wer welche Abgaben zu leisten hat. Dank der Mönche ist die erste urkundliche Erwähnung Neuhausens auch so gut dokumentiert. Die Brüder haben die Schenkungsurkunde in ihrer Chronik aufgenommen, damit sie einen schriftlichen Beweis haben, falls ihnen jemand den Besitz streitig machen will.

Wer sich mit dem alten Neuhausen befasst, der stößt auf recht verwirrende Besitzverhältnisse. Kann das geschulte Auge dieses Durcheinander entwirren?

Das ist nicht so einfach. Im Mittelalter war Neuhausen kein geschlossenes Dorf. Es bestand nur aus unzusammenhängenden Einzelhöfen. Auch die Maßeinheiten entsprechen nicht unseren heutigen Standards. Beispielsweise ist von einer Mannsmahdwiese die Rede. Das heißt, das Grundstück hatte die Größe, die ein Mann an einem Tag abmähen kann. Vieles lässt sich allerdings von den Gewann-Namen ableiten, die haben sich in der Regel erhalten. Welche Grundstücke die Achalmgrafen in Neuhausen vererbt haben, ist heute nicht mehr wirklich nachvollziehbar. Sicher ist aber, dass es am Hofbühl schon um 1089, also dem Jahr der ersten urkundlichen Erwähnung des Dorfes, einen Herrenhof gab.  Die Überreste sind leider nicht mehr erhalten. Sie verschwanden während der Umlegung des Hofbühls in den 1960er Jahren.

Das muss einen Archäologen doch ärgern.

Das tut es. Es ist einfach jammerschade. Die historischen Zeugnisse sind verloren. Heute wäre man sicher froh, man könnte die Geschichte über den Mons Cholebergc und seinen Hof in eine Weinbergführung einbauen. Natürlich verstehe ich, dass die Neuhäuser die Umlegung schnell beenden wollten, um wieder Wein produzieren zu können.

In den 1960ern ist manch alte Bausubstanz dem Bagger zum Opfer gefallen. Auch der historische Neuhäuser Ortskern hat mächtig darunter gelitten. Da ist es wohl ein glücklicher Zufall, dass der Bindhof noch steht, oder?

Tatsächlich wäre er fast abgerissen worden. Die Kirche hatte eigentlich vor, auf dem Gelände ihr Gemeindezentrum zu bauen. Einer der Bindhofbesitzer wollte allerdings nicht verkaufen. Deshalb hat sich die Kirche in die andere Richtung orientiert. Dort, wo heute der Parkplatz ist, standen ebenfalls Häuser aus dem 16. Jahrhundert.

Für die Historiker ist der Bindhof doch sicher ein Glücksfall?

An dem Gebäude kann man vieles ablesen. Da wohnte nicht irgend ein kleines Bäuerlein, hier residierte das Kloster und sammelte die Abgaben ein. 1750 kam Neuhausen dann endgültig zu Württemberg. Damit endete eine kuriose Situation. Die Kirche war schließlich seit 1535 evangelisch, die Ortsherrschaft wiederum war katholisch. Die Mönche und Verwalter haben ihre Messen in einer Kapelle in der heutigen Klosterstraße abgehalten. Missionieren war ihnen unter Strafe verboten. Das Kloster hat sicher vor allem wegen der Weinberge so lange an seinem Neuhäuser Besitz festgehalten.

Ihr Studium hat Sie unter anderem nach Berlin geführt. Sie waren dort in einer der spannendsten Epochen der jüngeren deutschen Geschichte. Da muss das Historikerherz doch höherschlagen?

Naja. Zunächst war der Eindruck ziemlich bedrückend. Ich bin 1988 in eine billige Wohnung im Wedding gezogen. Direkt im Schatten der Mauer. Als die Mauer dann gefallen ist, war ich viel in der Stadt unterwegs. Da hat mich die Uni tatsächlich selten gesehen.

Wie war die Stimmung in der Stadt?

Zuerst gab es nur ungläubiges Staunen, auch bei den alten Berlinern. Die haben überhaupt nicht damit gerechnet, dass die Mauer fällt. Die Euphorie war unglaublich. Später kamen dann Bedenken auf, der Westen werde überrollt. Ich erinnere mich noch gut, dass es in allen Discountern zu Engpässen kam, Bananen und Orangen gab es eine ganze Weile nicht.

Stellen für klassische Archäologen sind dünn gesät. Wie viele aus Ihrem Studienjahrgang sind dem Fachbereich treu geblieben?

Nur einer. Die anderen haben sich in ganz unterschiedlichen Feldern etabliert. Einige arbeiten als Reiseleiter, das ist ein echter Knochenjob. Ein anderer schreibt Programme für Daimler. Ein Kommilitone ist beim italienischen Kulturinstitut untergekommen. Er hat auf den Grabungen so gut Italienisch gelernt. Die Fähigkeiten, die wir im Studium erworben haben, sind also vielseitig einsetzbar.

Sie  hat die Archäologie ebenfalls mehrfach nach Italien geführt. Was ist so faszinierend daran, in der Erde nach altem Zeug zu buddeln?

Die eigentlichen Grabungsarbeiten nehmen ja nur einen kleinen Teil der Tätigkeit ein. Wichtig sind die Vorbereitungen, insbesondere muss ein Grabungsziel definiert werden. Wir wollten sechs Sommer lang die westliche Grenze eines etruskischen Heiligtums finden. Gefunden haben wir dann drei sehr gut ausgestattete Gräber. Das war eine schöne Überraschung, weil viele etruskische Gräber längst ausgeraubt worden sind. So etwas macht die Arbeit natürlich spannend.

Wenn Sie die Wahl hätten, welche historischen Epoche würden Sie gerne erforschen.

Im 19. Jahrhundert finde ich das Thema Auswanderung sehr spannend. Es ist interessant zu erfahren, was unsere Vorfahren dazu bewegt hat, mit Sack und Pack in die Fremde zu ziehen. Die Leute haben ja gewusst, es gibt kein Wiedersehen. Manche sind dann auch einfach verschollen. Vielleicht ist ihr Schiff untergegangen oder sie sind in einem Hafen gestrandet, weil ihnen das Geld ausgegangen ist. Die meisten Auswanderer waren Wirtschaftsflüchtlinge, die auf ein besseres Leben in einem anderen Land gehofft haben.

Im vergangenen Jahr haben Sie die Grenzen ihres Heimatortes verlassen und einen Aufsatz über einen Glemser geschrieben. Wie kam es denn dazu?

Ich bin immer mal wieder auf einen gewissen Glemser Marte gestoßen. Geschichten über sein Leben kursieren immer noch in pietistisch geprägten Kreisen. Sein Nachname ist allerdings in Vergessenheit geraten. Geboren ist er 1767 als Johann Martin Fauser. Er selbst hat keine schriftlichen Zeugnisse hinterlassen, allerdings wurde ihm in der Monatsschrift „Sammlungen für Liebhaber christlicher Wahrheit und Gottseligkeit“ der Deutschen Christentumsgesellschaft in Form einer Lebensbeschreibung ein Denkmal gesetzt.