Weltmeisterschaft Daumen drücken im Sitzungssaal

Am Abend nach dem 2:1-Erfolg der deutschen Mannschaft gegen Schweden feierten die Fans auf der Reutlinger Karlstraße. Wer am heutigen Mittwoch arbeiten muss, wird wohl andere Wege finden müssen, um seinen Emotionen Ausdruck zu verleihen.
Am Abend nach dem 2:1-Erfolg der deutschen Mannschaft gegen Schweden feierten die Fans auf der Reutlinger Karlstraße. Wer am heutigen Mittwoch arbeiten muss, wird wohl andere Wege finden müssen, um seinen Emotionen Ausdruck zu verleihen. © Foto: Dimitri Drofitsch
Region / Von Alexander Thomys 27.06.2018

Heute wird es wieder richtig spannend: Um 16 Uhr spielt die deutsche Nationalmannschaft um den Einzug ins WM-Achtelfinale gegen Südkorea. Spannend kann es dabei allerdings auch in den Betrieben in der Region werden, denn nicht alle Arbeitgeber sehen es gerne, wenn die Fußballleidenschaft ihrer Mitarbeiter in die Arbeitszeit fällt. Die SÜDWEST PRESSE hat sich bei einigen Unternehmen in der Region umgehört, wie sie es mit der Fußball-Weltmeisterschaft halten.

Auf viel Verständnis kann die Belegschaft demnach beim Dettinger Automobilzulieferer Elring Klinger hoffen. „In den Produktionsbereichen reagieren wir auf die Anstoßzeiten sehr flexibel“, berichtet Pressesprecher Peter Renz. „Mitarbeiter, die sich für Fußball interessieren, kommen später oder beenden die Schicht früher und holen die Arbeitszeit entsprechend nach.“ Grenzen seien natürlich dort gesetzt, wo Aufträge termingerecht abgearbeitet werden müssten. Bisher sei es allerdings ruhig geblieben, wohl auch, weil die DFB-Elf bislang am Wochenende spielte.

„Wir gehen davon aus, dass das Interesse in der Hauptrunde anzieht“, blickt Renz voraus. Die Belegschaft ist längst international aufgestellt, sodass nicht nur die deutschen Spiele verfolgt werden. „In der Vergangenheit haben wir beispielsweise auch schon Fernseher in der Kantine aufgestellt, um unseren Mitarbeitern zu ermöglichen, Spiele ihrer Mannschaft im Unternehmen zu sehen.“ Wem das zu ungemütlich ist, der muss dann andere Lösungen finden. „Der Bereich Marketing und Kommunikation hat sich zum Public Viewing im Biergarten verabredet“, verrät Renz. Vielleicht kann da die Firma noch durch kreative Ideen von der Fußball-WM profitieren.

Bei der Bad Uracher Firma Magura, die unter anderem Bauteile für Fahrräder, E-Bikes und Motorräder herstellt, sieht es da schon schwieriger aus. „Das ist bei uns sehr schwer, da wir unter anderem im Schichtbetrieb arbeiten“, berichtet Marketingleiter Götz Braun auf die Nachfrage, ob Mitarbeiter im Betrieb die WM-Spiele schauen können, oder ob gar gemeinsames Mitzittern mit der DFB-Elf geplant ist.

Bei der Kreissparkasse Reutlingen setzt man darauf, genügend Mitarbeiter zu finden, die sich nicht für die Weltmeisterschaft begeistern können. „Im Rahmen unserer flexiblen Arbeitszeit gibt es sicherlich für alle Mitarbeiter Lösungen“, berichtet Andreas Lehmann, Leiter der Abteilung Unternehmenskommunikation.

Die Filialen seien aber wie gewohnt bis 17 Uhr geöffnet, „auch in den Marktfolge- und Stabsbereichen arbeiten wir ganz normal“. Die Interessen der Kunden gingen vor, sagt Lehmann. „Von denen schauen ja sicher auch nicht alle Fußball.“

Mit Steaks und Bratwürsten

Stilecht mitfiebern können indes die Mitarbeiter der Metzinger Firma Sauter Feinmechanik. Das Unternehmen lädt seine Belegschaft mit „Steaks, Bratwürsten, Salaten und nichtalkoholischen Getränken zum Sauter-WM-Viewing zu allen Spielen der Deutschen Nationalmannschaft in die Kantine ein“, berichtet Pressesprecherin Daniela Kuhn.

Dort kann das Spiel auf Großbildleinwand angeschaut werden. Mitarbeiter, die eigentlich arbeiten müssten, stempeln aus und arbeiten die Zeit in den nächsten Tagen nach.

Beim Reutlinger Landratsamt dagegen ist gemeinschaftliches Fußballschauen angesagt. Im großen Sitzungssaal wird ein „Mitarbeiter-Viewing“ angeboten. „Wer das Spiel schauen möchte, stempelt einfach aus“, berichtet Landratsamts-Pressesprecherin Christine Schuster.

Vor besondere Herausforderungen stellt die Weltmeisterschaft auch die Kliniken in der Region. Am Zentrum für Psychiatrie in Zwiefalten geht es dabei recht locker zu. „Viele Mitarbeiter schauen die Spiele gemeinsam mit den Patienten auf den Stationen“, berichtet Pressesprecherin Rieke Mitrenga.

In einigen Bereichen würden hierfür eigens Fernseher aufgestellt. „Ein gemeinsames Public Viewing wird in diesem Jahr nicht angeboten“, erklärt Mitrenga. In der Vergangenheit habe sich gezeigt, dass die Patienten der psychiatrischen Klinik eher im gewohnten und geschützten Umfeld der jeweiligen Station schauen würden.

Flexibel reagieren wollen auch viele Einzelhändler, wie Christian Wittel von RT-Aktiv berichtet. Der Optikermeister selbst weilt derzeit mit der Feuerwehr Reutlingen in der Partnerstadt Aarau, seine Mitarbeiter haben aber die Möglichkeit, das Spiel im Optikergeschäft zu verfolgen – wenn nicht gerade Kundschaft bedient werden will.

Den Betriebsfrieden scheint die Weltmeisterschaft alles in allem nicht zu stören. Zumindest sind auch der Industriegewerkschaft Metall keine diesbezüglichen Anfragen aus den Belegschaften bekannt, wie die erste Bevollmächtigte Tanja Silvana Grzesch mitteilt. Das Gewerkschaftsbüro in Reutlingen zeigt sich indes auch pragmatisch: „Wenn Mitarbeiter ein Spiel sehen wollen, sprechen wir uns vorher ab, wer wann arbeitet.“

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel