Etwa 1600 Kilometer liegen zwischen Metzingen und dem albanische Lushnje. Die beiden Kleinstädte trennt freilich mehr als nur die räumliche Distanz. Hier, im Schwäbischen, hatten die Menschen das Glück, in den vergangenen Jahrzehnten in einer freiheitlichen, demokratischen Gesellschaft zu leben, in der sie ihre Talente entfalten konnten. Albanien befand sich dagegen bis 1990 im Würgegriff einer Diktatur. Von den Folgen erholte sich das Land nur langsam, fasste wirtschaftlich schwer wieder Tritt. Deshalb träumen viele Albaner davon, ihrem Heimatland dauerhaft den Rücken zu kehren, berichtet Tobias Mistele. Der 40 Jahre alte Metzinger kennt die Verhältnisse in dem kleinen Balkanland aus eigener Anschauung, und er hat sich entschlossen, den genau umgekehrten Weg einzuschlagen: Von der reichen Bundesrepublik zieht er Ende Januar nach Südosteuropa um.

Im Auftrag des Missionswerks Operation Mobilisation (OM) wirkt er zunächst für zwei Jahre in der Stadt Lushnje, die etwa so viele Einwohner besitzt wie Metzingen. Finanziert wird sein Einsatz ausschließlich über Spenden, weswegen sich ein Unterstützerkreis in der Metzinger Kirchengemeinde gebildet hat. Die Liebe zu Albanien und seinen Menschen entdeckte Mistele schon vor einigen Jahren. Ausgangspunkt war die Begegnung mit einem albanischen Jungen, den er zufällig vor dessen Wohnung traf. Danach, so schildert er, knüpfte er vielfältige Kontakte zu Migranten, zahlreiche Freundschaften entstanden: „Ich durfte das Leben mit wunderbaren Menschen teilen und in Wort und Tat Jesus verkündigen“, schreibt er in einem Gebetbrief an seine Freunde und Unterstützer.

In Metzingen engagierte sich Mistele nicht zuletzt im Arbeitskreis Asyl, arbeitete dort häufig mit Kindern und Jugendlichen. Vor drei Jahren fuhr er dann erstmals nach Albanien, organisiert hatte die Reise Pfarrer Jürgen Sachs, der selbst einige Jahre für das Missionswerk OM in dem Balkanland tätig war.

Am Rande der Gesellschaft

Der einwöchige Trip hinterließ nachhaltige Spuren bei Tobias Mistele, weitere Besuche folgten: „Ich habe gemerkt, dass mein Herz immer noch dort unten ist, obwohl ich wieder in Metzingen war“, schildert er. Im vergangenen Jahr wagte er dann den endgültigen Schnitt: Der studierte Pharmazeut gab seine sichere Stellung in einer Apotheke auf, um Menschen in einem fremden Land eine Zukunftsperspektive zu eröffnen, und um ihnen von seinem Glauben zu erzählen. „Ich vertraue auf Jesus, dass er mich auch dort versorgt und trägt.“

Große Herzlichkeit

In Albanien will er sich vor allem um Roma kümmern, eine Bevölkerungsgruppe, die in vielen Regionen Albaniens ein Leben am Rande der Gesellschaft fristet. Vielen Roma fehlt es an der nötigen Schulbildung, um aus dem Kreislauf von Armut, Krankheit und Kriminalität auszubrechen. Deshalb wird Tobias Mistele künftig Kinder und Jugendliche dabei unterstützen, ihre Hausaufgaben zu erledigen. Anderen will er dabei helfen, überhaupt erst Lesen und Schreiben zu lernen. Auch Jugendgruppen organisiert das Missionswerk OM in Lushnje, dort soll Raum für all das bleiben, was Kindsein eigentlich ausmacht. Hier eröffnen sich zudem Möglichkeiten, den „Kindern die Liebe Gottes weiterzugeben“, wie es Tobias Mistele formuliert. Zu seinem Aufgabenbereich gehört es ebenfalls, Kontakt mit den einzelnen Roma-Familien zu halten und sie im Alltag zu unterstützen. Diese sind natürlich froh, dass sich ihnen eine helfende Hand entgegenstreckt: „Die Fröhlichkeit und Herzlichkeit der Menschen ist beeindruckend.“

Von seiner Heimatgemeinde verabschiedet sich Tobias Mistele am 27. Januar. Sicherlich werden an diesem Sonntag viele Weggefährten vorbeischauen, um ihm alles Gute für seinen Einsatz zu wünschen. Schließlich ist Mistele seit Kindertagen fest in der kirchlichen Arbeit verwurzelt, wirkte unter anderem beim CVJM und im Ferientagheim als Gruppenleiter. Mit den alten Freunden und den Christen in Metzingen wird er auch weiterhin in Kontakt bleiben: Alle zwei Monate schickt er in einem Rundbrief Infos über seine Arbeit auf dem Balkan.

Gottesdienst mit Aussendung


Am Montag, 28. Januar, reist Tobias Mistele von Metzingen aus nach Albanien. Einen Tag zuvor wird er offiziell von der Kirchengemeinde verabschiedet, der Gottesdienst beginnt um 9.30 Uhr in der Martinskirche. Im Anschluss gibt es einen kleinen Stehempfang im benachbarten Gemeindehaus.