Tübingen Da hilft keine Liebe mehr

George Taboris Holocaust-Groteske "Mein Kampf". Foto: Zimmertheater
George Taboris Holocaust-Groteske "Mein Kampf". Foto: Zimmertheater
Tübingen / KATHRIN KIPP 27.05.2014
Wenn das "Schuhplatteln zum Donner wird", hilft auch keine Liebe mehr, kein Sarkasmus, kein Gott, kein Tod und kein Walzer: Das Zimmertheater zeigt George Taboris groteske Hitler-Satire "Mein Kampf".

Schlomo Herzl ist Geschichtenerzähler, Bibel- und Kamasutra-Verkäufer, hat im Männerwohnheim das Sagen, tüftelt an seinem Jahrhundertwerk "Mein Kampf", unterhält eine sophistische Beziehung zu dem Gottesspieler Lobkowitz und eine platonische Beziehung zum minderjährigen Gretchen, das später übelst die Seite wechseln wird.

Da kommt auch schon der junge, unfertige Hitler ins Haus gestolpert: Trotz seiner künstlerischen Selbstüberschätzung und trotz seiner größenwahnsinnigen Rumpelsprüche hat ihn die Akademie abgewiesen, er steht kurz vor dem Psycho-Kollaps. Der herzensgute Schlomo tröstet ihn und versucht verzweifelt, ihm Manieren beizubringen - vergebliche Liebesmüh. Durch diese Fürsorge entwickelt sich Hitler erst recht zu dem Monster, als das er später die Welt heimsuchen wird.

Das Zimmertheater legt zum 100. Geburtstag von George Tabori dessen krass grotesken "theologischen Schwank" auf. Mit ihm dreht Tabori vollmundig die großen Fragen des Welttheaters und des 20. Jahrhunderts vieldeutig durch den Sarkasmus-Fleischwolf: Hätte man den Teufel Hitler verhindern können? Wo ist eigentlich Gott, wenn man ihn mal wirklich braucht? Wie brutal kann der Mensch eigentlich sein? Und wieso gibt es die Kunst und die Liebe, wenn sie denn Menschen nicht zivilisieren können?

"Immer spielt ihr und scherzt? Ihr müsst! Oh Freunde! Mir geht dies in die Seele, denn dies müssen Verzweifelte nur", wusste schon Hölderlin, den Tabori eingangs zitiert. Und so kann auch Schlomo, hinter dem auch ein bisschen Tabori selbst steckt, die Schrecken des Holocaust und sein eigenes schlechtes Gewissen nur noch mit Sarkasmus bearbeiten.

Frank Siebenschuh und Jörg Zysik platzieren den Zimmertheater-Kampf in einen niedrigen Führerbunker, in dem alle den Kopf einziehen und gebückt handeln müssen. Nur Hitler (Endre Holéczy) kann aufrecht gehen, weil er ein Zwerg ist. Dafür kann er nur mit Mühe die Treppen erklimmen und in den höllisch ausgeleuchteten Orkus robben, wo er gegen seine chronischen Verstopfung ankrampft.

Auch so ein Kampf. Endre Holéczy zieht den Hitlersprech konsequent durch, Hitler als Witzfigur hat sich ja mittlerweile in unseren Köpfen mehr festgefressen als das Ungeheuer-Original. Und so gibt sich Holéczys "Shitler" als der klassisch verklemmte, zwielichtige, jähzornige, größenwahnsinnige Unsympath mit Mutterkomplex, der am liebsten Riesenkacksprüche krakeelt und Sprachbilder verdreht, aber zwischenmenschlich und lebenspraktisch ein Pflegefall ist. Bevor er auftaucht, liefern sich Herzl und Lobkowitz noch elaboriertes Wortgefechte. Aber der Aushilfskoch und Gottesdarsteller Lobkowitz (Siegfried Kadow) hat gut reden und lachen, denn als es ernst wird, macht er sich vom Acker. "Wo warst du?", fragt ihn Schlomo. Und Gott spricht: "Ich war hier, . . . aber du hast vergessen, nachzuschauen."

Regie und Ausstattung fahren zwar jede Menge Walzer und filmisches Fußgetrappel überm Keller auf, lassen aber im Großen und Ganzen den Text und die Figuren für sich selbst sprechen. Und das ziemlich schnell. Der Text wiederum hält sich offen für die aberwitzigsten Interpretationen, schließlich werden allerlei biblische Verweise, Motive und Figuren aufgefahren. Und nicht zuletzt repräsentiert Schlomo Herzl das Jesus-Prinzip. Vielleicht sogar den Jesus, der sich in der Wüste mit dem Teufel einen Machtkampf liefert und mit zahlreichen Versuchungen zu kämpfen hat.

"In einem Streitgespräch gewinnt immer der Verlierer", findet Herzl. Hier wird am Ende der Teufel gewinnen. Oder Frau Tod (Nicole Schneider), die Hitler als Helfershelfer einspannt. In Zeiten nach Pest und Cholera brauchts neue effektive Tötungsmaschinerien. Ansonsten hilft einem Frau Tod auch nicht weiter: Letztlich hänge alles von einem selbst ab, predigt sie.

Wie und wann man lebt und stirbt. Na, danke, Frau Tod! Da kann man sich ja gleich einen billigen Glücks-Ratgeber kaufen. Robert Arnold wiederum als Herzl verschwendet seine Liebe sehenden und tränenden Auges an den größten Verbrecher aller Zeiten. Vielleicht will und kann er es nicht wahr haben. Vielleicht will er aber auch nur sein schlechtes Gewissen erleichtern, weil er damals seinen Vater ans Messer geliefert hat. Vielleicht ist seine Hingabe aber auch bedingungslos.

Jedenfalls schützen seine ganze Liebe, Geschichten und Schlauheit nicht vor Dummheit. Irgendwann ist Hitler zu Hitler geworden, seine braunen Tiroler Herzbuben und das stahlblonde Gretchen (Agnes Decker) marschieren auf und Heinrich "Himmlischst" (Siegfried Kadow) schlachtet in ritueller Vorwegnahme der kommenden Katastrophe Schlomos geliebtes (ferngesteuertes) Hühnchen Mizzi. Spätestens ab hier ist nichts mehr lustig.

Weitere Termine: Freitag, 30., und Samstag, 31. Mai, jeweils 20 Uhr. Karten: Telefon: (0 70 71) 92 730.

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