Das Land hat seine ersten Coronavirus-Fälle. Zunächst war es ein 25-jähriger Mann aus dem Kreis Göppingen, der nach seiner Rückkehr aus Mailand mit entsprechenden Symptomen am Dienstagabend in ein Krankenhaus gebracht wurde. Am Mittwochnachmittag gab das Universitätsklinikum Tübingen bekannt, dass bei seiner 24-jährigen Reisebegleitung und ihrem Vater ebenfalls Infektionen mit dem Virus bestätigt wurden. Ein weiterer Fall wurde am Mittwochabend außerdem aus Rottweil gemeldet.

Kinobesuch am Samstagabend in Neu-Ulm

So wie der 25-Jährige in Göppingen, werden auch alle weiteren Coronavirus-Patienten von den sonstigen in den jeweiligen Krankenhäusern isoliert behandelt. Wie der Göppinger Landrat Edgar Wolff zuvor mitteilte, hatte der 25-Jährige Mann aus Göppingen vor seiner Isolation Kontakt zu insgesamt 13 Personen. Sie stammen aus Göppingen, aus dem Alb-Donau-Kreis, aus Stuttgart und dem Kreis Tübingen.  Nach Informationen dieser Zeitung besuchte der Göppinger zudem noch am Samstagabend ein Kino in Neu-Ulm, bevor er sich am Dienstag mit Husten und erhöhter Temperatur beim Gesundheitsamt gemeldet hatte.

Keine Erkrankungen oder Verdachtsfälle im Kreis

Die Einschläge kommen also näher, das Virus rückt an den Landkreis Reutlingen heran. Bislang aber gebe es im Kreis weder eine dokumentierte Erkrankung noch entsprechende Verdachtsfälle wie Christine Schuster, Sprecherin des Landratsamts auf Nachfrage der SÜDWEST PRESSE am Mittwochnachmittag mitteilte. Gleichwohl nehme der Kreis die aktuelle Lage durch das Auftauchen des Virus’ in den Nachbarlandkreisen sehr ernst. „Aber“, so Schuster, „wir sind gut vorbereitet“. Die Pandemieplanung des Kreises samt geltenden Meldepflichten seien aktualisiert worden. Das Kreisgesundheitsamt stehe zudem im engen Austausch mit Hausärzten und den Kreiskliniken in Reutlingen, Bad Urach und Münsingen.

Coronavirus breitet sich weiter aus

„Wir müssen damit rechnen, dass sich das Virus weiter verbreitet und nicht jeder Träger identifiziert wird“, beurteilt der Chefarzt für Krankenhaushygiene, Dr. Dieter Mühlbayer, zuständig für alle drei Häuser der Kreiskliniken, die aktuelle Lage. „Aber“, so mahnt er zur Besonnenheit, „das darf uns nicht panisch oder erschrocken machen.“

Schon im Kreis angekommen?

Ohnehin hält er es für möglich, dass das Virus bereits im Landkreis angekommen ist. Denn in 85 Prozent der Fälle verlaufe die Viruserkrankung ohne oder mit sehr milden Symptomen, sodass die Erkrankten gar nichts von einer Infektion bemerken würden. Weil man sich nicht krank fühle, könne das Virus deshalb unwissentlich weitergegeben werden. 

Oft harmloser Krankheitsverlauf

Angesichts des oft harmlosen Verlaufs geht Mühlbayer von einer hohen Dunkelziffer an Viruserkrankungen aus. Das Risiko, im Extremfall an einer sich entwickelnden Lungenentzündung zu sterben, schätzt er angesichts der möglicherweise großen Anzahl unentdeckter Fälle unter ein Prozent. „Die wenigsten müssen ins Krankenhaus“, sagt er zum Krankheitsverlauf. Viel wichtiger als eine intensive Behandlung sei bei einer Krankenhauseinlieferung der Aspekt der Isolierung, um nicht weitere Menschen anzustecken. Zwei Coronainfektionen an Tübinger Klinik

„Auf alle Eskalationsstufen vorbereitet“

Die Kreiskliniken jedenfalls sieht er grundsätzlich gut gerüstet für den Fall einer weiteren Ausbreitung des Virus’. Know-how, verschiedene Planungsszenarien ebenso wie Schutzkleidung seien in ausreichender Zahl vorrätig. „Wir sind auf alle Eskalationsstufen vorbereitet.“ Einschließlich vorhandener Isolationsräumlichkeiten. Zudem wurden Vorkehrungen zum Schutz der Klinikmitarbeiter getroffen. Ausgestattet mit Mundschutzmasken, können sie etwa in der Notaufnahme auf grippeähnliche Symptome wie Husten oder Niesen sofort reagieren. Die Klinikmitarbeiter würden zudem laufend über aktuelle Entwicklungen und praktische Handreichungen informiert.

Infotelefon des Kreisgesundheitsamts

Sollte man selbst grippeähnliche Symptome wie Fieber und Husten bemerken, sei das auf keinen Fall ein Grund zur Panik. Stattdessen rät Mühlbayer dazu, zum Telefonhörer zu greifen und mündlichen Rat entweder beim Hausarzt oder über das Infotelefon des Kreisgesundheitsamts unter Telefon (0 71 21) 4 80 43 99 einzuholen. Selbst in der Praxis oder in der Notaufnahme aufzutauchen, vergrößere nur das Risiko, weitere Menschen anzustecken.

Grundsätzlich sieht er die möglicherweise bevorstehende Ausbreitung des Virus’ auch auf den Landkreis Reutlingen mit einer gewissen Gelassenheit. Zu den zehn größten Risiken zähle laut der Weltgesundheitsorganisation WHO nach wie vor die regelmäßigen Influenza-Pandemien. Mit jenen Krankheitswellen umzugehen, so sagt er, „ist unser tägliches Geschäft im Winter“.

Minister appelliert an Reiserückkehrer


Der  Minister für Soziales und Integration, Manne Lucha, appelliert an Reiserückkehrer, den Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts zu folgen: Wer aus Gebieten zurückkehre, in denen Covid-19-Fälle vorkommen und innerhalb von 14 Tagen nach der Rückkehr Fieber, Husten oder Atemnot entwickle, solle unnötige Kontakte vermeiden, nach Möglichkeit zu Hause bleiben, beim Husten und Niesen Abstand zu anderen Menschen halten, regelmäßig und gründlich Hände mit Wasser und Seife waschen und nach telefonischer Anmeldung unter Hinweis auf die Reiseregion einen Arzt aufsuchen. swp