Der Präsident des Robert Koch Instituts, Lothar Wieler, zeigte sich am Montag zuversichtlich, dass die von der Politik getroffenen Maßnahmen im Kampf gegen die rasante Ausbreitung des Coronavirus schon jetzt in den Statistiken sichtbar seien. Doch auch wenn sich derzeit angesichts einer sich leicht abflachenden Kurve vorsichtiger Optimismus breit macht, bedeutet das insbesondere für die Krankenhäuser im Land längst keine Entwarnung. Ganz im Gegenteil. Landauf, landab rüsten sich die Kliniken der Akutversorgung für einen stark steigenden Bedarf an Intensiv- und Beatmungskapazitäten, von dem derzeit niemand seriös sagen kann, wie groß er tatsächlich ausfallen wird.

Schreiben an Reha-Verbände

Vor diesem Hintergrund hat sich Baden-Württembergs Sozialminister Manfred Lucha (Grüne) am Montag an die Verbände der Reha-Kliniken im Land gewandt, mit der Anregung, freie Kapazitäten in ihren Häusern für die Behandlung leicht erkrankter Covid-19-Patienten bereitzustellen. Damit sollen die Akut-Krankenhäuser entlastet werden. In dem Schreiben, das der SÜDWEST PRESSE vorliegt, heißt es: „Es ist absehbar, dass die Zahlen stationär behandlungsbedürftiger Patientinnen und Patienten mit Covid-19 in den nächsten Wochen deutlich ansteigen werden.“ Lucha weiter: „Es ist auch absehbar, dass zusätzlich ein Bedarf für weitere nicht-intensivmedizinische Behandlungskapazitäten besteht.“ Sinnvollerweise  könnten diese gedeckt werden, indem sowohl die räumlichen als auch die personellen Ressourcen der Rehabilitationskliniken genutzt werden, die wegen der Verschiebung von Eingriffen frei geworden seien, so der Minister. Man wolle auf 193 Rehakliniken im Land zurückgreifen, auf deren rund 25 000 Betten und rund 1400 Ärzte.

Angebot aus Bad Urach

Entsprechende Angebote hätten sein Ministerium bereits erreicht. Eines davon trägt den Absender Bad Urach. „Wir könnten eine Riesenentlastung sein“, sagt der Geschäftsführer der Bad Uracher Fachkliniken Hohenurach, Uli Wüstner, auf Nachfrage dieser Zeitung. Bereits am Sonntag hatte er sich mit einem entsprechenden Angebot an das Sozialministerium gewandt. Das auch vor dem Hintergrund, dass die Bad Uracher Reha-Kliniken derzeit weitgehend leer stehen. Wie berichtet, wurden sie vergangene Woche größtenteils geräumt, nachdem sowohl ein Arzt als auch ein Patient positiv auf das Coronavirus getestet wurden. Nach Angaben von Uli Wüstner befinden sich derzeit von ehemals rund 550 Patienten nur noch rund 30 in der Einrichtung, die aufgrund der Schwere ihrer Erkrankungen auch weiterhin dort versorgt werden müssen. Das allerdings unter immer schwerer werdenden Bedingungen. Die Schutzausrüstungen für die Klinikmitarbeiter reiche nur noch wenige Tage, wie Wüstner schildert. Grundsätzlich aber verfüge das Haus über mehr als 400 Einzelzimmer, die sich, entsprechend präpariert, zur isolierten Unterbringung leichterer Covid-19 Fälle eignen würden.

Zügig offene Fragen klären

Noch allerdings seien viele Fragen offen, die etwa die rechtlichen Rahmenbedingungen betreffen. „Wir brauchen Sicherheit zur Umsetzung“, unterstreicht Wüstner. Sozialminister Manfred Lucha kündigte derweil an, Kontakt mit den Kostenträgern aufzunehmen, um zügig Fragen zur Planung und Vergütung zu klären. Die Baden-Württembergische Krankenhausgesellschaft habe sich darüber hinaus bereit erklärt, als Ansprechpartner zur Verfügung zu stehen.

Bereits vergangene Woche hatte der Chef des Tübinger Universitätsklinikums, Prof. Michael Bamberg, unter anderem die Bad Uracher Reha-Kliniken ins Spiel gebracht, um entsprechende Bettenkapazitäten vorhalten zu können. Er sprach von einem regelrechten „Tsunami“, der gegenwärtig auf die Krankenhäuser zurolle.

Noch reichen Kapazitäten

„Die Zahl der Patienten wird sicherlich bis Mitte April ansteigen“, glaubt auch Eckhard Zieker, Sprecher der Reutlinger Kreiskliniken. Zum jetzigen Zeitpunkt (Stand Dienstag) seien Kapazitäten an den Kreiskliniken zwar noch ausreichend vorhanden, aber auch er rechnet mit einer aufkommenden Patienten-Welle. Leichtere Fälle etwa in den Bad Uracher Fachkliniken auszulagern, für den Fall, dass noch mehr Betten gebraucht werden, sei angesichts der möglichen Entwicklungen durchaus eine Option, so Ziecker. Derweil hofft er, dass die verhängten Maßnahmen, wie etwa das Kontaktverbot, durchschlagen und die Lage entspannen.

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Reha-Kliniken gibt es im Land. Der Sozialminister Manfred Lucha will, dass die dortigen Kapazitäten genutzt werden, um die Akut-Krankenhäuser zu entlasten. wag