„Als Anfang März an einem Montagmorgen die Nachricht kommt, dass alle Schulen und größeren Geschäfte bis auf weiteres geschlossen bleiben, sind alle hier in Costa Rica etwas überrumpelt. Besonders meinen Plänen versetzt das erst mal einen Schlag. Ich bin seit Januar 2020 in Heredia, Costa Rica, und bin mitten in meinem Au-pair-Jahr, als Corona hier eintrifft.

Schulen und Geschäfte ab sofort geschlossen

Bevor es hier erst richtig los ging, hatte ich eher die Vermutung, Kontaktsperren und Ausgangsverbote würden hier, in einem Land mit solch kontaktfreudigen und herzlichen Bewohnern, schwierig werden. Wider meine Erwartungen griff die Regierung aber ziemlich schnell durch und verordnete schon nach den ersten zehn Corona-Fällen die Schließung aller Schulen und Geschäfte. Das stellt den Alltag meiner Gastfamilie ziemlich auf den Kopf, denn hier ist man es gewöhnt, seine Nachbarn mit Umarmungen und viel Herzlichkeit zu begrüßen und an Wochenenden gerne auch mal große und viele Ausflüge an den Strand zu machen. Zum Glück reagieren auch die Schulen hier sofort und senden schon am folgenden Tag Pakete mit Schulaufgaben und -utensilien, was für mich eine echte Erleichterung ist.

Alle müssen zuhause bleiben - auch hier gilt „Homeschooling“

Bereits in der zweiten Woche ist eine komplett neu eingerichtete Internetseite zur Stelle, auf der die Kinder ihre Schulaufgaben runterladen und Arbeiten einreichen können, und beinahe alle Firmen, bei denen es möglich ist, stellen ihren Angestellten Home-Office zur Verfügung. Die nächsten sechs Wochen verlasse ich nicht einmal das Haus, was mir erst vor Augen führt, wie gut wir es im Normalfall haben. Was bisher eine Selbstverständlichkeit war – mit dem Taxi kurz in die Stadt fahren, nach dem Spaziergang mit dem Hund noch kurz im Supermarkt einkaufen gehen oder am Wochenende einen Ausflug zur ,,Abuelita“ (Omi) mit anschließendem Essengehen – ist jetzt unmöglich geworden.

Nach sechs Wochen erstmals wieder einkaufen

Wie lange wir aber tatsächlich nicht mehr draußen waren, fällt mir erst auf, als wir nach sechseinhalb Wochen alle zusammen mit dem Auto zum Supermarkt fahren und mein zehnjähriges Gast-Kind mir im Auto ganz aufgeregt erzählt, dass es ganz vergessen hat, wie sich ein Auto anfühlt. Natürlich dürfen wir das Auto auch nicht verlassen, nur der Vater stellt sich mit Mundschutz und Handschuhen in die Schlange, in der Alle zwei Meter Abstand voneinander halten müssen.

Schwierige Situation der Krankenhäuser und bereits Erkrankten

Doch die strengen Maßnahmen zahlen sich wohl aus. Die Verbreitung des Virus’ geht nur sehr langsam voran, und Costa Rica ist mit 697 Infizierten und sechs Toten (Stand 27. April) sehr weit unten auf der globalen Liste, was essenziell für das Gesundheitssystem hier ist, denn so viele Krankenhausbetten und besonders Intensivstationsplätze gibt es hier nicht. Doch die anfängliche Panik der Bewohner, wegen welcher sich die Mehrheit an die Vorsichtsmaßnahmen hält, ebbt nach den ersten Wochen ab, und pünktlich zum Anfang der ,,Semana Santa“, der Ferienwoche während Ostern, wollen die Ersten schon wieder in den Urlaub an den Strand fahren.

Ausgangssperre, Strafgebühren und Verkehrschaos

Darum muss die Regierung jetzt härter durchgreifen: ab 17 Uhr dürfen keine Autos mehr auf den Straßen sein, wer danach noch motorisiert unterwegs ist, verliert sein Nummernschild und muss eine Strafgebühr von mehreren hundert Dollar zahlen. Das wurde vielleicht mit guten Intentionen beschlossen, führt aber in den ersten Wochen erstmal zum Verkehrschaos mit unzähligen Unfällen, Staus und genervten Fahrern um kurz vor fünf.

Wer nun tagsüber die Heimatstadt mit dem Auto verlassen möchte braucht ein offizielles Schreiben, das bestätigt, dass man einen wichtigen Termin in der Arztpraxis oder bei der Arbeit hat. Dafür dürfen die Lieferdienste nun doch noch nach 17 Uhr ausliefern, damit die Bevölkerung auch nicht verhungert.

Menschen versuchen heimlich in den Urlaub zu fahren

Busse, die bereits vor Corona nur sehr unregelmäßig kamen, fahren jetzt nur noch einmal am Tag und nehmen nur Leute mit, die im Zielgebiet wohnen. Wer also nach 17 Uhr noch einen wichtigen Termin hat, muss entweder laufen oder mit dem Fahrrad fahren, was hier jedoch keinem geraten wird, denn Corona verhindert leider keine Überfälle.

Da trotz alledem noch Familien dabei erwischt werden, wie sie still und heimlich mit gepackten Koffern in den Urlaub fahren wollen, wird das Autofahr-Verbot nun auch auf den Tag ausgeweitet.

Corona-Berichte aus aller Welt


Teil 3 Viele Menschen in der Region sind eng mit dem Ausland vernetzt, haben Freunde, Familienangehörige oder ehemalige Mitschüler, die in einem anderen Land leben. Die lockten das Studium, der Beruf oder die Liebe irgendwann ins Ausland und so finden sich heute Metzinger, Neuhäuser, Dettinger, Bad Uracher und Reutlinger über den ganzen Globus verteilt. Wie erleben sie dort die Corona-Krise? Wir befragen einige von ihnen zu ihren persönlichen Erfahrungen.

Heute berichtet Lavinia Hutt. Die Dettingerin ist derzeit in Costa Rica, wo sie ein Jahr als Au-pair verbringt.