Vor vier Wochen ist bei den ersten Menschen aus dem Kreis Reutlingen das neuartige Coronavirus festgestellt worden. Der mobile Abstrich-Dienst des Kreisgesundheitsamts hatte am 3. März in 20 „begründeten Verdachtsfällen“ Abstriche genommen, am 4. März von 28 Personen, am 10. März von 81 – zugleich lagen dem Landratsamt da erste Ergebnisse vor: Fünf Patienten waren positiv auf das hochansteckende Virus gestestet worden, einer davon aus dem Metzinger Raum. Nur einen Tag später stieg die Zahl dieser „laborbestätigten Fälle“: auf sechs. Tags drauf auf elf, was fast einer Verdoppelung entspricht. Zum Ende der ersten Woche, am 13. März, waren 13 Menschen von 162 Getesteten infiziert. Nach dem ersten Wochenende stieg die Zahl weiter, auf 34. Vor drei Wochen waren es schließlich insgesamt 598 Abstriche, von denen 43 positiv ausfielen. Am 19. März wurde der erste Todesfall im Zusammenhang mit einer Covid-19-Erkrankung gemeldet. Zwei Tage später, am 23. März, waren bereits zwei Infizierte gestorben. Zugleich galten erstmals zwei als genesen.

Diesen Montag meldete das Landratsamt in seiner 28. Corona-Lagemeldung 3586 Getestete, 711 bestätigte Infektionen, 14 Verstorbene und 233 Genesene.

Dynamische Entwicklung

Zahlen, Daten, Fakten. Eine Grafik verbildlicht die Kurve, welche die Corona-Krise in der Region bisher nahm. Darin deutet sich (in Grün) die angekündigte exponentielle Steigerung der Fallzahlen an. Die Entwicklung sei „dynamisch“, bestätigt Landratsamts-Sprecherin Christine Schuster, die nach den morgendlichen Lagebesprechungen in engem Austausch mit dem Gesundheitsamt und den Kreiskliniken die Meldungen zusammenstellt. Die regionale Corona-Kurve spiegle jene in ganz Deutschland und der EU wider.

Die Todesfälle stiegen am vergangenen Donnerstag sprunghaft in den zweistelligen Bereich. Seitdem erhöhten sie sich aber wie zuvor eher kontinuierlich. „Sprünge kann man nicht im Einzelnen erklären“, sagt Schuster. Sie hätten einerseits etwa mit den von anfangs ein bis zwei nun auf fünf Tage angestiegenen Bearbeitungszeiten der Labore zu tun, welche täglich bis zu 350 neu hinzukommende Abstriche auswerten. „Die Befunde kommen gesammelt rein“, das habe ebenso Einfluss auf mögliche Verzögerungen wie das Warten auf die „offizielle Meldung“. Stirbt ein Patient spät am Abend, findet er oder sie erst zwei Tage später Eingang in die Statistik. So vermitteln die Sprünge eventuell ein zeitlich versetztes Bild. Aber: „Die Zahlen stimmen. Und sie sind transparent.“ Sicher sei zudem: „Die Fälle werden insgesamt weiter zunehmen.“

Von 0 auf 3500 in 30 Tagen

Alter, Herkunft und Vorerkrankungen gibt das Amt entsprechend der Datenschutzvorgaben des Landes nicht an die Öffentlichkeit. Das baden-württembergische Sozialministerium spricht von Infizierten zwischen 0 und 101 Jahren, Durchschnittsalter 50. „Die Kausalkette ist jeweils individuell“, erklärt Schuster allgemein. Es soll „keine Scheinsicherheit geben, von wegen dass nur jemand mit Vorerkrankung an Corona sterben kann“.

Was die Grafik deutlich zeigt, ist die stark gestiegene Zahl der Verdachtsfälle und damit der nun neben dem mobilen Dienst auch an zwei sogenannten „Drive-In“-Zentren in Münsingen und Reutlingen genommenen Abstriche (in Blau): von 0 auf mehr als 3500 in 30 Tagen.

„Bislang relativ ruhig“

Dem Landesgesundheitsamt zufolge lag der Kreis Reutlingen zuletzt mit 225,07 etwas über dem Schnitt von 173,95 Neuerkrankungen und damit Infizierten pro 100 000 Einwohnern, der sogenannten „Inzidenz“. Zum Vergleich: Stand 5. März war diese in den Stadtkreisen Pforzheim (56,41) sowie Karlsruhe (65,64) am niedrigsten und in den Landkreisen Sigmaringen (392,49) und Tübingen (399,15) am höchsten. Im Kreis Esslingen lag sie mit 204,68 etwas niedriger als in Reutlingen, auch wenn es dort mit 30 zu diesem Zeitpunkt in etwa dreimal so viele Todesfälle im Zusammenhang mit Covid-19 gab. Wobei sich auch diese Größe ständig ändert: Am 1. März lag die Inzidenz Reutlingens noch bei 124,2.

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Kohlberg

Die Zunahme der Erkrankten spürt auch Eckhard Zieker, allerdings bisher nur leicht. „Es ist bislang relativ ruhig“, sagt der Sprecher der Kreiskliniken Reutlingen. Am Montag wurden in der Steinenbergklinik zwölf Corona-Patienten auf einer extra abgetrennten Intensivstation behandelt. In allen drei Häusern des Kreisklinikums zusammen waren es 38 aufgrund der Virusinfektion isoliert stationär betreute Kranke, fünf davon in Bad Urach, drei in Münsingen. Im Moment können die Kreiskliniken 100 Isolationsbetten zur Verfügung stellen – bei Bedarf auch mehr. Wie es weitergeht? Da kann er nur Expertenprognosen zitieren: „Der Höchststand soll erst in ein bis zwei Wochen erreicht werden. Wir sind alle in Bereitschaft.“ Gewiss sei: „Es kann sehr schnell gehen.“ Ist es soweit, werde wohl am ehesten das Personal knapp, nicht der Platz oder die Medikamente. Doch dafür sei man dank Landrat Thomas Reumanns frühzeitigem Krisenmanagement und der Solidarität niedergelassener Ärzte gewappnet. „Viele haben zugesagt, uns im Notfall zu unterstützen – eine tolle Geste.“