Bund und Länder haben das öffentliche Leben am Sonntag noch einmal deutlich eingeschränkt. Im Kampf gegen das Coronavirus beschlossen sie ein bundesweit geltendes Kontaktverbot. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und die Ministerpräsidenten einigten sich bei einer Telefonkonferenz darauf, Ansammlungen von mehr als zwei Personen grundsätzlich zu verbieten. Ausgenommen werden Familien und in einem Haushalt lebende Personen. Damit will die Regierung die Infektionsketten weiter durchbrechen.

Gaststätten und Restaurants bleiben geschlossen

Zu den neuen Vorgaben kommt, was die Landesregierung bereits am Freitag erlassen hat: Gaststätten und Restaurants bleiben geschlossen, Essen zum Mitnehmen ist aber weiter erlaubt. Die aktuellen Vorgaben gelten vorerst zwei Wochen.

Wie gehen Verantwortliche und Betroffene in der Region mit der neuen Situation um? Die Polizei im Landkreis sei vorbereitet, sagt Björn Reusch, Leiter der Pressestelle des Polizeipräsidiums in Reutlingen. Um die Regeln umzusetzen, werden die Beamten in Reutlingen in nächster Zeit von Einheiten der Bereitschaftspolizei verstärkt, erklärt er. Das steht seit dem Wochenende fest.

Geplant sind verschärfte und engmaschige Kontrollen auf Spiel- und Sportplätzen, an Grillstellen, auf Skateranlagen und anderen beliebten öffentlichen Treffpunkten, kündigt der Pressesprecher an.

Auch Läden, Restaurants und Cafes haben die Polizisten im Blick. „Wir werden den öffentlichen Raum gezielt überwachen.“

Die Bereitschaftspolizei hilft mit

Sollten sich an exponierten Platzen weiterhin Cliquen versammeln, bleibt es nicht bei einer freundlichen Warnung. „Zuwiderhandlungen gegen die Coronaverordnung sind Straftaten. Wer dem aktuellen Erlass nicht folgt, muss mit Bußgeld, schlimmstenfalls sogar mit einer Gefängnisstrafe rechnen“, erläutert der Pressesprecher. Das regelt das Infektionsschutzgesetz.

Im Ernstfall Gefängnis

Trotz mehrmaliger Appelle der Politik hatten sich zuletzt einzelne Gruppen nicht an die Aufforderung gehalten, größere Runden zu meiden und keine privaten Partys zu veranstalten. Allein zwischen Donnerstag- und Freitagmorgen vergangener Woche zählte die Reutlinger Polizei 70 Einsätze in Sachen Corona, bilanziert Reusch. Auch in den Cafés der Fußgängerzonen saßen in den ersten warmen Frühlingstagen noch viele Gäste dicht an dicht.

Gastronomische Vergnügen sind vorerst ohnehin tabu. Und für Ignoranten hat der Polizeisprecher keinerlei Verständnis: „Wer die angeordneten Maßnahmen nicht beachtet, verhält sich unverantwortlich, unsolidarisch und führt die Regeln ad absurdum“, urteilt er.

Coronapartys in Dettingen vereitelt

So sieht das auch Dettingens Bürgermeister Michael Hillert. Als zuständige Ortspolizei sind die Gemeinden beim Umsetzen der Regeln gefragt. Dettingen etwa hat am Samstag die Schließung der Gaststätten penibel überwacht. Der Rathauschef höchstselbst war mit einer Abordnung im Ort unterwegs, um sicherzustellen, dass die Gastronomie, wie gefordert, um 12 Uhr die Schotten dicht machen.

„Wir wollen nicht diktatorisch regieren – aber diese Vorgaben müssen wir durchsetzen“, urteilt Michael Hillert. Die Verwaltung ist derzeit auch verstärkt in den sozialen Medien unterwegs, um Verabredungen größerer Jugendcliquen ausfindig zu machen. Zweimal hat das schon funktioniert: Geplante Corona-Partys hinter dem Calverbühl haben Rathaus-Mitarbeiter vereitelt.

Was die Gastronomen sagen

Bleiben die, die die wirtschaftlichen Folgen für die jüngsten Beschlüsse zu tragen haben: etwa die Gastronomen. Obwohl die von der Landesregierung angeordnete Zwangsschließung von Cafés und Restaurants die Unternehmen in Existenznot versetzt, begrüßen die von der SÜDWEST PRESSE befragten Betriebe diese Entscheidung.

„Jetzt haben wir wenigstens Klarheit“, urteilt Dorte Schetter, Chefin in „Dortes Marzipan Atelier“ in Metzingen. Die Konditormeisterin verweist auf teure Vorräte, die sie für ihre aufwendigen Torten immer wieder kaufen musste – ohne zu wissen, ob sie mit Kunden rechnen kann oder nicht

Die Gastwirte brauchen Planungssicherheit, das erklärt auch Stavros Stogiannidis vom Restaurants „Adler“ Metzingen. Und Birgit Schlecht, Chefin im Hotel-Restaurant „Rössle“ in Dettingen, betont: Für uns ist eine einheitliche Regelung wichtig.“

Lieferservice fürs Essen

Gastro-Betriebe, die gegen eine von der Politik verfügte Zwangsschließung versichert sind, können so unter Umständen einen Teil der verlorenen Einnahmen geltend machen. Schon in der vergangenen Wochen haben viele Betriebe im Ermstal außerdem auf Lieferservice umgestellt. So wird das Tagesessen im Traditionhaus „Rössle“ täglich bis 18 Uhr ausgefahren, was älteren und weniger mobilen Menschen zugute kommt. Der Bringservice gilt auch für Waren aus der Metzgerei.

Im „Adler“, allseits bekannter „Grieche“, bereiten Stavros Stogiannidis und seine Frau Sophia nach wie vor Gyros, Souflaki und Co. für Selbstabholer zu. Die Küche öffnet mittags und abends ab 18 Uhr. Allerdings war die Nachfrage zumindest am Samstag nicht gerade überwältigend, lässt der langjährige Inhaber durchblicken.

Kuchenverkauf an der Theke

Dorte Schetter beschränkt sich in ihrem Café indessen auf den Kuchenverkauf an der Theke. Geöffnet ist von elf bis 15 Uhr, montags ausgenommen. Wie die beiden Restaurants, hat die Unternehmerin ihre Mitarbeiter in Kurzarbeit schicken müssen, Lieferservice sei deswegen nicht möglich.

Doch die Luft für die Gastronomen wird langsam knapp, urteilt die Konditorin, die in diesem Jahr ihr 20-jähriges Bestehen in Metzingen feiern wollte „Bis jetzt ist es uns hier wirtschaftlich richtig gut ergangenen. Aber ohne Hilfen vom Staat, halten wir gerade noch vier Wochen durch.“

Friseure und Massagepraxen müssen schließen


Nach dem jüngsten Erlass von Bund und Ländern müssen nun, zusätzlich zur Gastronomie, auch alle Dienstleistungsbetriebe im Bereich der Körperpflege schließen.

Dazu gehören Friseure, Massagepraxen, Tattoo-Studios und ähnliche Unternehmen.

Ausnahmen gelten nach der neuen Regel nur für medizinisch notwendige Dienste.