Keine einzige Grafik, stattdessen fließen ganzseitig in sechs Spalten die Namen mehrerer hundert US-Amerikaner herab, deren Tod in Verbindung mit dem Erreger Covid-19 steht. Die Titelseite der New York Times glich am Sonntag einer Verlustliste, wie man sie zuletzt während der Weltkriege abdruckte.

Überfüllte Freibäder trotz sich verschlimmernder Lage

Am Tag darauf feierten die Amerikaner den Memorial Day. Das bedeutet Gedenken an die Gefallenen – markiert aber auch den inoffiziellen Start in die Sommersaison. Noch am selben Tag meldete die Nachrichtenagentur AP die Ansammlung tausender Menschen in Erholungsgebieten, in den Sozialen Medien empörten vor allem Aufnahmen überfüllter Freibäder im Bundesstaat Missouri.

Mit einem Stipendium in die Vereinigten Staaten

Im Nordwesten von Missouri grenzt Nebraska, „the Cornhusker State“, mitten im Mittleren Westen. Der Spitznahme verweist auf die wirtschaftliche Bedeutung dieses Staates, in dem seit knapp zwei Jahren der Bad Uracher Lucas Weyrich zu Hause ist. Dank seines Talents in der Leichtathletik hat es Weyrich nach einer Ausbildung bei der Volksbank über ein Sportstipendium an die Midland University in Omaha verschlagen. Dort studiert er nun Psychologie. In Nebraska herrschen nach wie vor keine offiziellen Restriktionen oder Lockdown-Verordnungen, es gelten lediglich die allgemeine Empfehlungen des Gesundheitsministeriums, also ein Mindestabstand von 1,5 Metern und der Rat, möglichst zu Hause zu bleiben. Nebraska gehört zu jenen Staaten, deren republikanische Gouverneure sich offenkundig an der Linie des US-Präsidenten Donald Trump orientieren. Die Verantwortung über die Gesundheit wird dabei in die Hände jedes einzelnen gelegt.

Bad Urach

Weniger Angst und fehlender Abstand

„Ich finde, dass eher Unverständnis als Angst oder Sorge in der Bevölkerung herrscht. Wenn man einkaufen geht, sei es bei Walmart oder Aldi, werden Abstandsregelungen oft nicht eingehalten“, erzählt Weyrich, der sich dennoch keine allzu großen Sorgen machen möchte: „Ich persönlich fühle mich sehr sicher, da meine Freundin und ich uns an das ‚social distancing’ halten. Nebraska ist gering betroffen, und durch die Medien sind wir darüber informiert, wie man sich verhalten soll.“

Was die Fallzahlen betrifft, so liegt Nebraska im Vergleich zu den anderen Bundesstaaten mit knapp 12 000 bestätigten Infektionen im mittleren Feld; im Nachbarstaat Colorado sind es schon doppelt so viele. Einen Abstrich haben Weyrich und seine Freundin Layla, mit der er ein Ein-Zimmer-Apartment teilt, bereits hinter sich:
Serie Corona im Ausland: Judith Hansel aus Bempflingen auf Malta „Fühle mich gut aufgehoben“

Bempflingen/Malta

Freundin arbeitet in Altenheim: Beide bereits auf Virus getestet

„Der Test geht den Nasenkanal hoch, nicht in den Rachen wie in Deutschland. Das fühlt sich sehr unangenehm an“, erzählt der Student. Lucas Weyrichs Test und auch der seiner Freundin, die in einem Altenheim beschäftigt ist, fielen negativ aus. So konnte er sein Studium wie gewohnt fortsetzen.
Das findet seit Anfang März ohnehin nicht mehr auf dem Campus statt: „Meine Uni war eine der ersten im Land, die auf virtuelle Kurse umgestiegen ist“, sagt Weyrich. Zunächst für nur eine Woche geplant, wurde die Maßnahme bis zum Semesterende am 21. März verlängert. „Das hat auch sehr gut funktioniert, weil Hausarbeiten sowieso online eingereicht werden. Das einzige, was eben gefehlt hat, war der physische Kontakt mit den Kommilitonen und Professoren“, erzählt Weyrich weiter.

Kommilitonen mussten Unigelände räumen

Langweile oder Unannehmlichkeiten seien trotz allem nicht aufgekommen, wobei sich der Sportbegeisterte über den Abbruch der Frühlingssaison im College-Sport etwas grämte. Weniger Glück hatten Studenten, die auf dem Campus lebten und Mitte April allesamt ihre Zimmer räumen mussten. Davon ausgenommen waren allein die internationalen Studenten, darunter zwei Mitkommilitonen von Lucas Weyrich, die ebenfalls aus Deutschland stammen. Dorthin wäre der 21-Jährige übrigens am 23. Mai zurückgeflogen, gemeinsam mit seiner Freundin, die das Land und die Familie kennenlernen sollte. Stattdessen aber haben die beiden ihre Tickets umgebucht, um an Weihnachten einzureisen. Denn als US-Amerikanerin wäre Layla derzeit die Einreise womöglich versagt geblieben. Lucas dagegen ist im Besitz eines Studentenvisums. Bei der Rückreise hätte er amerikanischen Boden ohne jede Schwierigkeit berührt.