Wildwuchs auf dem Kopf, selbst abgesäbelte Ponyfransen, graue Ansätze und missglückte Tönungen: Die Coronakrise verunglimpft, bei allen Nebenwirkungen, auch unser Erscheinungsbild. Nicht nur Frauen haben den Tag sehnsüchtig erwartet, an dem Friseure Ordnung auf unseren Häuptern schaffen. Jetzt dürfen die Salons nach mehr als sechswöchiger Zwangspause wieder öffnen. Mit enormem Echo: Die Terminkalender der Figaros im Ermstal sind voll. Wo gestern trotz des eigentlich in der Branche freien Montags geschnitten und geföhnt würde, bleiben kaum Bedienplätze frei, das gilt auch für die Kreisstadt Reutlingen.

Vieles ist gewöhnungsbedürftig, aber die Friseure wollen endlich wieder arbeiten

Aufatmen aber nicht nur bei den Kunden, auch bei den Saloninhabern selbst. „Wir freuen uns einfach, dass wir endlich wieder arbeiten dürfen – auch wenn vieles noch extrem gewöhnungsbedürftig ist“, sagt Manuela Hassur. Die 39-jährige Friseurmeisterin leitet gemeinsam mit Kosmetikerin Melanie Kurz den Salon „M und M – Hair and Beauty“ in der Metzinger Hindenburgstraße. Während die Kollegin im Kosmetikbereich noch auf die neuesten Ansagen des Ministeriums wartet, war Manuela Hassur gestern bereits wieder eine gefragte Frau: Schneiden, föhnen, färben, nebenher das Takten der kommenden Wochen: „Das Telefon klingelt heiß.“

Die Hygienevorschriften sind extrem streng

Allerdings ist ein Friseurbesuch in Zeiten von Corona für Kunden und Friseure eine haarige Sache, im doppelten Wortsinn: Den neuen Look verpassen die Meister an der Schere nur unter den derzeit geltenden strengen Hygienevorschriften. Sowohl Friseure als auch ihre Kunden müssen einen Mund-Nasen-Schutz tragen. Ob man will oder nicht: Die Haare gewaschen bekommen künftig alle Kunden; auf diese Weise sollen mögliche Viren in den Haaren abgetötet werden. Selber föhnen ist untersagt, Erfrischungen wie Kaffee und Wasser werden erstmal nicht gereicht. Und auch auf die beliebten Klatsch-Zeitschriften sollen die Kunden aus Gründen der Hygiene verzichten.

Die Friseure mussten vieles umgestalten

Kurz, die Friseure mussten in den vergangenen Wochen einiges leisten. Sie haben ihre Läden umgestaltet, Desinfektionsstationen aufgebaut, Spuckschutzschieben an der Rezeption montiert und auch für Kunden die nötige Schutzausrüstung organisiert.

Andreas Lieb: Die nächsten drei Wochen sind wir ausgebucht

Bis kurz vor dem Start ist da auch Friseurmeister Andreas Lieb in seinem Laden beschäftigt: Er ist der Chef des gleichnamigen, alteingesessen Salons in der Dettinger Kreuzgasse. Das Geschäft geht für ihn und seine Mitarbeiter am heutigen Dienstag wieder los – zuvor treffen wir ihn bei den letzten Vorbreitungen. Dabei etwa, wie Andreas Lieb die schicken Ledersessel in seinem Salon mit Klebeband „auszeichnet“, damit sie frei bleiben und sich die Kunden nicht versehentlich nebeneinander setzen. Denn eines gilt auch für sein Geschäft: „Die nächsten drei Wochen sind wir ausgebucht.“

Den Andrang fürchtet der Dettinger aber nicht. Sein Salon ist großzügig genug gestaltet, um die Vorgaben einzuhalten. Die Abstandsregel gilt es streng umzusetzen. Und sie dürfte vor allem kleine Salons in die Bredouille bringen. „Experten gehen davon aus, dass ein Drittel der Friseurbetriebe die Coronakrise nicht überleben“, weist Andreas Lieb auf die Belastung für seine Branche hin.

Die könnte sich auch aus einem weiteren Grund verschärfen: Sogenannte gesichtsnahe Dienstleistungen, wie Augenbrauen- oder Wimpernfärben, rasieren und Bartpflege bleiben bis auf Weiteres untersagt. Schlechte Zeiten also auch für die zuletzt schwer angesagten Barbershops.

Manuela Hassur sieht sich gut gerüstet

Die von uns befragten Betriebe blicken dennoch optimistisch in die Zukunft. Auch Manuela Hassur sieht sich „nach Wochen des Umräumens“ und einem ausführlichen Mail-Austausch mit den Kollegen im Handwerk für die kommende Zeit gut gerüstet.

Ihre Kunden in Metzingen hat sie gestern „vorsichtig auf die fremdartige Situation eingestimmt“, erzählt sie. „Am Ende waren wir aber überrascht, wie gut alles funktioniert, sogar das Haarefärben.“

Friseurbesuch: Regeln und Hygieneaufschlag


Jeder Kunde muss sich telefonisch oder online anmelden, damit es keine Ansammlungen im Salon gibt. Aushänge an den Eingängen bringen den Kunden die Regeln nahe.

Die Arbeitsplätze müssen mindestens 1,5 Meter voneinander entfernt sein. Die vom Gesundheitsministerium erarbeitete Richtlinie sieht weiter vor, dass Kunden bei Betreten des Salons die Hände desinfizieren müssen.

Nach jedem Kunden sind die Haar-Experten angehalten, Frisierstuhl und Werkzeuge gründlich zu reinigen. Wegen der strengen Hygieneauflagen, für die Friseure mehr Zeit benötigen, werden Friseurbesuche etwas teurer. Der Verband Deutscher Friseurunternehmen rechnet mit einem durchschnittlichen Preisanstieg von zwei Euro. dpa/ch