Als „anstrengendste Zeit meines Lebens“ bezeichnete Manne Lucha am Mittwochabend die zurückliegenden Wochen: Als baden-württembergischer Sozial- und Gesundheitsminister im Land musste er täglich und stündlich auf die Herausforderungen der Corona-Pandemie reagieren.
Am Mittwochabend hatte sich der Sozialminister zu einem Gespräch auf der Münsinger Hopfenburg mit Landrat Thomas Reumann und dem Kreisbehindertenbeauftragten Tobias Binder getroffen. „Im Gespräch – ganz persönlich. Mit Behinderten im Krisenmodus“, lautete der Titel der Online-Veranstaltung, die über die Homepage des Landratsamtes live verfolgt werden konnte.
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Reutlingen

Kritik an Landespolitik

„Sind die Behinderten während der Pandemie vergessen worden?“, fragte Reumann den Minister. „Nein, auf keinen Fall“, entgegnete Manne Lucha. In der Regierungs-„Taskforce“, die jeden Tag zusammenkam, seien die Belange von Behinderten stets eingeflossen. Allerdings hat es sehr wohl Kritik aus dem Reutlinger Beirat Selbsthilfe der Inklusionskonferenz gegeben, wie Tobias Binder betonte. Manch Behinderter, der aufgrund von Vorerkrankungen in Quarantäne war, „hat sich von der Außenwelt abgeschnitten gefühlt – weil etwa die Hardware zur Internet-Kommunikation oder auch kein WLAN zur Verfügung stand“, so Binder. Die Kritik nahm Lucha auf, „wir sind von 4.0 weit entfernt“, bestätigte er. Schwierig sei es gewesen, auf alle individuellen Behinderungen und Situationen einzugehen, sagte der Minister. „Behinderte Menschen sind ja nicht per se eine Risikogruppe.“

Fehlende Nähe, fehlender Kontakt - eine Zumutung

Themen, die Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen in den vergangenen Monaten beschäftigten und belasteten? „Sozialen Abstand zu halten ist für psychisch Kranke und auch für kognitiv Beeinträchtigte noch viel schwerer zu ertragen als für alle anderen“, betonte Tobias Binder. Wenn umarmen und trösten nicht mehr möglich sei, dann würden die Menschen das nicht verstehen und darunter leiden. Und wenn bei Personen, die auf tägliche Pflege angewiesen sind, der Pflegedienst eine Woche lang nicht kommt, dann ziehe das katastrophale Folgen nach sich. Ebenso wenn Behinderte ihre Physiotherapie zwei Monate lang nicht bekommen – „dann haben sie einen enormen Muskelverlust“, so Binder. Mit ebenfalls schrecklichen Folgen.

„Eltern von behinderten Kindern sind in dieser Zeit noch viel mehr belastet als andere“

„Es gab eine Phase, in der die Verunsicherung bei allen riesig groß war“, sagte Lucha. Verstärkt worden sei das durch die fehlende Schutzkleidung, fehlende Masken – so etwas dürfe nicht erneut vorkommen. Deshalb gelte es, präventiv für alle „systemrelevanten BereicheSchutzausrüstung für 200 Tage vorzuhalten, sagte der Minister. Als „herausragende Herausforderung“ bezeichnete Lucha die Belastung von Eltern mehrfach-behinderter Kinder, die sich in den zurückliegenden Monaten zu Hause um das Kind kümmern mussten. 24 Stunden, ohne Pause, oft ohne Unterstützung. So sah das auch Landrat Reumann: „Eltern von behinderten Kindern sind in dieser Zeit noch viel mehr belastet als andere.“ Lucha dazu: „Diejenigen, die schon in normalen Zeiten belastet sind, müssen nun noch viel mehr leisten.“

Wenig Aufwand, viel Wirkung

Was die Landesregierung aus der Pandemie bisher gelernt hat? „Durch Abstand und Masken wurden alle Erkrankungen der Atemwege drastisch runtergefahren, das haben wir noch nie so erlebt“, sagte Manne Lucha. „Mit wenig Aufwand kann man da künftig viel Wirkung erzielen.“ Was in der Krise auf jeden Fall helfen kann, sei laut Tobias Binder „das Gefühl mit Problemen und der Situation nicht allein dazustehen“. Ansprechpartner seien in der Not wichtig, aber auch die Vernetzung von Menschen. „Wir stricken im Moment ja noch an vielen Verordnungen“, betonte Lucha für die Regierungsseite. „Danach werden wir schauen müssen, was funktioniert hat und was nicht.“ Zugestimmt hat der Minister dem Kreisbehindertenbeauftragten: „Es geht auch darum, Netzwerke aufzubauen, wenn’s dann benötigt wird, kann man’s nutzen“, sagte Lucha in seinem breit-bayerischen Dialekt.

Digitalisierung auch für behinderte Menschen

Wichtig sei natürlich auch die Digitalisierung – nicht nur für Schulen und Universitäten, sondern auch für behinderte Menschen, forderte Binder. „Da steckt viel Benefit dahinter, wenn man die Leute mitnimmt und sie vor allem auch anhört.“ Lucha stimmte erneut zu: „Jetzt ist die Zeit für Barrierefreiheit.“ Am Ende gestand der Minister: „Wir sind Lernende, keine Heiligen.