Metzingen Brasilianische Powerfrau

SWP 28.09.2012
Bei ihrem Besuch in Brasilien beeindruckte die Powerfrau Antônia die Schüler der Brasilien AG des Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasiums schwer. Sozial engagiert gibt diese Frau Obdachlosen ein zu Hause (Serie Teil 4).

Während ihrer Brasilienreise lernten die Schüler des Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasiums die Brasilianerin Antônia (53) kennen, die nach dem Tod ihres Mannes und dem Auszug ihrer Kinder ihr Leben umkrempelte und vier obdachlose Männer im Seniorenalter bei sich zu Hause aufnahm. Den Kontakt zu den "Sem-tetos" (brasilian.: Obdachlose) vermittelte ihr ihre Schwester, die beim Sozialamt arbeitet. Dieses versucht Obdachlose wieder in ihren Familien einzugliedern oder sie im Obdachlosenheim unterzubringen. Kein Wunder ist jedoch, dass sich einige "Sem-tetos" im anonymen und überfüllten Obdachlosenheim nicht wohlfühlen, und sich deshalb für ein Leben auf der Straße entscheiden.

So erging es auch Deniz (60), der nun zum ersten Mal in seinem Leben ein zu Hause gefunden hat, nämlich bei Antônia. Anfangs lebte Deniz bei seinem Bruder, dessen Frau jedoch den Kontakt mit Deniz auf Grund seines Alkoholismus ablehnte. Familiäre Streitigkeiten machten ihm das Leben dort unmöglich, und so holte ihn das Schicksal ein, das einige Brasilianer erleiden müssen: Das Leben auf der Straße.

Antônia fand ihn eines Tages schwer verletzt vor ihrem Haus und brachte ihn ins Krankenhaus. Während Deniz im Krankenhaus lag, besuchte Antônia ihn regelmäßig. Da er weder zu seiner Familie konnte, noch ins Obdachlosenheim wollte, nahm Antônia ihn bei sich auf.

Ihre Schwester vermittelte ihr weitere drei Obdachlose, die seitdem ebenfalls bei ihr leben. So füllte sich Antônias Haus nach dem Tod ihres Mannes wieder mit Leben und sie begann optimistisch in die Zukunft zu schauen. Sie widmete sich voll und ganz der Aufgabe, den Obdachlosen zu helfen und gab dafür ihren langjährigen Job auf. Sie erzielte Erstaunliches: Deniz hörte auf zu trinken und ist sich sicher, nie wieder von seinem neuen Zuhause weg zu wollen.

Nach vielen Gesprächen mit den brasilianischen Behörden gelang es Antônia außerdem, neue Pässe für ihre vier längst nicht mehr registrierten "Sem-tetos" zu erhalten. Dadurch bekamen sie auch das ihnen zustehende Sozialgeld, das Antônia für deren Versorgung, Wohlbefinden und Gesundheit ausgibt. Dieses Sozialgeld entspricht pro Monat und Person 622 RS (etwa 250 Euro).

Ganz bemerkenswert in der heutigen Zeit ist die Tatsache, dass Antônia keinerlei Gegenleistung für die "Rundumversorgung" fordert, sondern mit den Obdachlosen, die noch niemals so etwas derartiges erfahren hatten, eine neue Familie bildet. So bewohnt jeder der vier Männer ein eigenes Zimmer, zu dem auch bald jeweils ein eigener Ventilator und Schrank gehören soll. Zudem benutzen sie ein eigenes Bad und dürfen sich völlig frei in Haus, Garten und Umgebung bewegen.

Antônia denkt keineswegs daran ihre Arbeit, die sie selbst nicht als Arbeit bezeichnet, aufzugeben. Lachend sagt sie: "Ich werde die Sem-tetos solange ich lebe versorgen, danach wird es schwierig."

In der Aufnahme der vier Männer hat Antônia ihre Lebensaufgabe gefunden, die sie voll und ganz erfüllt und glücklich macht. Gerne würde sie noch weitere Obdachlose aufnehmen, jedoch habe sie mehr Platz in ihrem Herzen als in ihrem Haus, so die Brasilianerin.

Durch Antônias außergewöhnliche Arbeit haben die Schüler Brasilien nochmals von einer neuen Seite kennengelernt. Doch leider ist Antônia sowohl in Brasilien wie auch in Deutschland eine besondere Ausnahme, was den Wert ihrer vorbildlichen Arbeit allerdings unbezahlbar macht.