Im Brandstifter-Prozess gegen einen Dettinger Feuerwehrmann wird am Montagnachmittag das Urteil erwartet. Die Staatsanwaltschaft beantragte in ihrem Plädoyer am Vormittag eine Haftstraße von drei Jahren und sieben Monate ohne Bewährung. Die Verteidigung plädierte für eine Bewährungsstrafe für den 23-Jährigen.

Hat der Mann seine eigene Wohnung angezündet?

Hat ein Feuerwehrmann aus Dettingen im März 2019 seine  eigene Mietwohnung angezündet, zuvor in der Tiefgarage ein Feuer legen wollen und außerdem Anfang des Jahres eine Zypresse und vier Mülleimer in der Ermsgemeinde angezündet? Diese Frage versucht das Schöffengericht am zweiten Verhandlungstag vor allem zu klären. Staatsanwalt Simon Müller hatte dem gelernten Fleischereifachverkäufer schwere und versuchte Brandstiftung in zwölf Fällen vorgeworfen. Acht Taten räumte der junge Mann bereits am Mittwoch ein (wir berichteten).

Nein, gut sind die Zeugenaussagen nicht gelaufen für den Angeklagten, das vorab. Vor allem ein Kriminalbeamter aus Reutlingen hat den vermeintlichen Brandstifter belastet. Der verantwortliche Ermittler und seine Kollegen haben den jungen Dettinger nämlich mit einer Kamera observiert.

Der Tatverdächtige ist mit der Kamera beobachtet worden

Das Gerät hatte die Polizei gut zwei Monate vor dem Wohnungsbrand am Nachbarhaus montiert, nachdem der Beschuldigte immer mehr ins Visier der Beamten gerückt war. Sie hatten zuvor das (freiwillig abgegebene) Handy des Mannes ausgewertet. Was ergab, dass der sich sechs Mal in der Nähe der diversen Brände aufgehalten hat.

So auch in jener Märznacht, in der seine eigene Wohnung in der Hölderlinstraße in Flammen stand – und zuvor in besagter Tiefgarage des Hauses (erfolglos) an einem Auto gezündelt wurde.

Beide Taten streitet der Dettinger ab. In der Garage will der Angeklagte gar nicht gewesen sein. Vor der Polizei sagte der junge Mann aus, er habe die Wohnung in jener Nacht durch die Haustüre betreten und sei dann schnurstracks ins Bett gegangen. Die Kamera indessen liefert andere Bilder: Sie zeigt „eine Person vermutlich in Feuerwehruniform“ auf den Treppen von der Garage hochkommend.

Das geschah laut Ermittler um 4.45 Uhr – knapp eine halbe Stunde später brannte die Wohnung. Der Mitbewohner und Freund des Angeklagten, ebenfalls ein Dettinger Feuerwehrmann, war zu diesem Zeitpunkt bereits einige Stunden zuhause. Gekommen war er durch die Haustür, das hatte die Kamera aufgezeichnet.

Widersprüchlich stehen sich auch die Aussagen des vermeintlichen Feuerteufels und seines Wohnungsgenossen gegenüber. Der Beschuldigte gab an, in der Brandnacht selbst die Feuerwehr alarmiert und den WG-Kollegen geweckt zu haben. Sein Mitbewohner betonte im Zeugenstand, er habe den Notruf in Richtung Löschtrupp abgesetzt. Geweckt hat ihn der Rauchmelder, so der Freund.

Als der Mitbewohner aus dem Bett kam, will er den Angeklagten beim Versuch gesehen haben, das Feuer mit Wasser aus Waschzubern einzudämmen. Kurz darauf sei der Beschuldigte aber zusammengebrochen: „Er wurde ohnmächtig. Ich zog ihn zum Balkon, damit er Luft bekommt.“

Die Feuerwehr rettete den Mann mit der Drehleiter vom Balkon

Wenige Minuten später war der Angeklagte offensichtlich wieder putzmunter. Ehe ihn die Dettinger Feuerwehr mit der Drehleiter vom Balkon rettete, soll er über die Balken zur benachbarten Wohnung geklettert sein, um die Nachbarn vor dem Feuer zu warnen.

Ob die Ohnmacht unter diesen Umständen echt oder nur gespielt war – auch das stand im Gericht im Raum. Zumindest schließt das der Sachverständige, ein Psychiater, nicht aus. „Wir können darüber aber nur spekulieren“, relativiert er.

Wie vieles in diesem Prozess nicht greifbar ist: Der Sachverständige hält den Dettinger nach diversen Tests weder für psychisch krank und in seiner Persönlichkeit gestört, noch für einen Alkoholiker. Dabei hatte der Beschuldigte betont, er selbst sei bei seinen Taten erheblich unter Alkoholeinfluss gestanden.

Bier floss da wohl. Doch nicht einmal einen Hang zum Trinker kann der Psychiater dem Dettinger attestieren. Auch hält er ihn für zurechnungsfähig in der Nacht des Wohnungsbrandes: „Er war orientiert. Dafür spricht, dass er die Nachbarn noch gewarnt hat.“

Der Angeklagte hatte einen Blutalkoholgehalt von 2,6 Prozent

Wie passt das zu einem Blutalkoholgehalt von 2,6 Promille, in jener Nacht beim Angeklagten festgestellt? „Ein Grenzfall, der sich aber mit Körperfett kompensieren lässt“, urteilte der Sachverständige. Der Mann wog damals noch 120 Kilo und war schwer übergewichtig.

Was aber treibt einen Menschen an, hemmungslos Brände zu legen? Die Nadel im Heuhaufen findet der Gerichtsmediziner  im Beziehungsleben des 23-Jährigen. Möglicherweise hatte der  doch daran zu knabbern, dass ihn eine junge Frau aus seiner Clique abgewiesen hatte. Die Freundin wollte nur eine platonische Beziehung, der als gesellig und unterhaltsam beschriebene Angeklagte deutlich mehr.

Die unerfüllte Liebe kommt als Motiv in Frage

Eine Kränkung, eine unerfüllte Liebe. Das kommt für den Sachverständigen weit mehr als Motiv in Frage, als der Frust über einen noch nicht festgezurrten Arbeitsvertrag bei einem Bad Uracher Unternehmen. Dies hatte der Beschuldigte zuerst angeführt – doch auch sein ehemaliger Chef sagte vor Gericht aus: Zur Sorge bestand kein Grund, der Angeklagte hatte eine feste Stelle in Aussicht.

Hat er den eigenen Tod in Kauf genommen?

Das Gericht verhandelt am Montag weiter, und es hat noch einiges zu klären. Wie hakte doch eine der Schöffinnen beim ermittelnden Kommissar nach: „Hat der Angeklagte beim Brand in seiner Wohnung den eigenen Tod billigend in Kauf genommen?“. Dazu der Experte etwas ratlos: „Das ist nicht zu erklären.“