St. Johann Bohrer, Toaster - alles ist Klang

St. Johann / OTTO PAUL BURKHARDT 14.09.2015
Hört sich elektrisierend an: Das 1. Deutsche Stromorchester spielt am 16. September auf der Alb. Der Leiter Rochus Aust sprach vorab mit uns über klingende Bohrer und seinen Plan, Orte der Welt zu verbinden.

Der Mann ist weltweit unterwegs. Gibt Konzerte in Casablanca, Moskau, Dublin, Montreal, Amsterdam, Paris, Rom und - hoppla - St. Johann? Ja wirklich, im Verlauf seiner Konzertreise um den halben Globus kommt der Kölner Trompeter Rochus Aust am 16. September mit seinem 1. Deutschen Stromorchester auch auf die Alb. Genauer gesagt: Der 47-Jährige spielt mit seinem Ensemble auf der Hohen Warte, dem Aussichtsturm oberhalb des Gestütshofs.

Und was bitte bedeutet Stromorchester? Das Ensemble umfasst klassische Instrumente wie Trompete und Bassklarinette, aber auch Synthesizer und vor allem "mobile elektrische Geräte", wie es heißt - Toaster, Bohrer, Laubsauger, Föne, Rasierapparate etwa. Kurzum, es wird ein etwas anderes, besonderes Konzert. Aufgeführt wird übrigens die 9. Sinfonie von Rochus Aust.

All die genannten Orte auf der Weltkarte, in denen das Stromorchester konzertiert, sind Teil einer globalen Tournee, die Rochus Aust derzeit von April bis November unter dem Motto "Electro-Iconic Bridge" unternimmt.

Aust baut damit tatsächlich Brücken, denn seine Tournee verbindet Orte gleichen Namens auf verschiedenen Kontinenten dieser Welt - zum Beispiel die russische Metropole Moskau mit Moscow im US-Bundesstaat Maine. Oder Lissabon mit dem gleichnamigen Städtchen Lisbon im US-Staat Ohio. Oder - und jetzt kommt's - St. Johann im Kreis Reutlingen mit St. John's im kanadischen Staat Neufundland.

Rochus Aust, studierter Trompeter aus Köln, ist so etwas wie ein globaler Tausendsassa in der weltweit vernetzten Experimentalmusik-Szene. Als wir ihn am Freitag kontaktierten, hielt er sich gerade in Mailand auf. Und gestern spielte er mit seinem Stromorchester auf Einladung der Hermann-Haake-Stiftung im Ludwigsburger Schlosstheater. Am Mittwoch nun kommt er auf die Alb nach St. Johann. Das Konzert wird unterstützt vom Innovationsfonds Kunst des Landes Baden-Württemberg und von der Stuttgarter Hermann-Haake-Stiftung - in Kooperation mit dem Kunstforum St. Johann und dem Schwäbischen Albverein.

SÜDWEST PRESSE: Herr Aust, wo sind Sie gerade auf der Welt, und was machen Sie?

ROCHUS AUST: Wir bewegen uns gerade von Mailand nach Ludwigsburg.

Sie sind auf der Hohen Warte bei St. Johann mit Ihrem 1. Deutschen Stromorchester zu Gast. Waren Sie jemals schon hier in der Gegend?

ROCHUS AUST: Oh, ja, ich habe im Ländle Trompete studiert und kenne die Gegend recht gut.

Spielen Sie auf oder vor dem Turm?

ROCHUS AUST: Um, auf, in und drumherum.

Ihr 1. Deutsches Stromorchester spielt auf der Hohen Warte Ihre 9. Sinfonie - mit allen möglichen elektrischen Geräten und elektronischen Instrumenten. Mit wie vielen und welchen denn?

ROCHUS AUST: Das können bis zu 127 oder auch mal mehr sein. In St. Johann werden es zirka 30 sein.

Und - für solche, die Ihre Musik noch nicht kennen - wie klingt das dann? Ein Lockenwickler etwa?

ROCHUS AUST: Jeder kann die Geräte, die wir spielen, sehr leicht erkennen, wenn sie mit der richtigen Stromstärke betrieben werden. Das allerdings tun wir nur selten. Viel mehr geht es um den Geräteklang, der entsteht, wenn die Stromstärke reduziert oder auch überproportioniert wird.

Herr Aust, in Beethovens 9. Sinfonie heißt es mit Schiller "Diesen Kuss der ganzen Welt!" Ihre 9. Sinfonie, mit der sie auf der Hohen Warte in St. Johann gastieren werden, hat ja auch etwas Weltumspannendes, ist Teil einer "Electro-Iconic Bridge". Was hat es damit auf sich?

ROCHUS AUST: Die "Electro-Iconic Bridge" verbindet Orte in Europa mit Orten in den USA/Kanada, die den gleichen Namen tragen. Rom/Italien mit Rom/New York beispielsweise. An diesen Orten treten in der Musik dann Verfahren, Instrumente oder Ideen der Elektrifizierung der Welt in den Vordergrund, die genau an diesen Orten erfunden oder gefunden wurden.

Am Ende soll die "Electro-Iconic Bridge" in ein mehrstündiges Konzert in Münster münden - in dem alle vorherigen Klänge eine Rolle spielen werden? Wie hat man sich das vorzustellen?

ROCHUS AUST: Am Ende werden wir über 50 Orte mit der "Electro-Iconic-Bridge" verbunden haben. Dabei haben wir nicht nur die Verbindungslinien über Ortsnamen und elektrische Erfindungen geknüpft, sondern sehr viel Interessantes in und um diese Orte und Ideen aufgesammelt und in unserer Musik abgebildet. All diese Facetten werden im Finale in einer räumlich-musikalischen Inszenierung aufgeblättert und dargestellt.

Herr Aust, wie würden Sie sich selbst bezeichnen? Als einen Raumwandler, Klang- und Installationskünstler, Schöpfer immersiver Interventionen, Spezialist für utopische Personentransportmittel wie musikgesteuerte Leuchtboote. . .? Oder geht's auch kürzer?

ROCHUS AUST: Mensch im Jetzt.

Verrückt, faszinierend, wahnsinnig und doch klar strukturiert - so heißt es in den Berichten über Ihre Musik. Was hoffen Sie, mit Ihrer Musik beim Publikum auslösen oder erreichen zu können?

ROCHUS AUST: Bei der meisten Musik, die wir hören, sind wir stark vorgeprägt, das heißt, wir wissen schon so ungefähr, was wir wie hören und was es bei uns auslöst, zum Beispiel Erhabenheit, Festlichkeit, Bedrohung, Läuterung, Entspannung, Stress et cetera. Das ist selten sehr individuell, sondern oftmals kanonisch gelernt.

Bei meiner/unserer Musik kann sich jeder in seinen eigenen Film begeben und das Jetzt-Hören mit der eigenen aktuellen Situation/Position verbinden, weil vieles fremd, aber doch sehr nah ist (Dosenöffner, Föne, Bohrmaschinen).

Jeder kann, wenn er offen genug ist, eine weiße Seite aufschlagen und sie mit dem Gehörten und seinen Assoziationen füllen, ohne ein richtiges oder falsches Hören beziehungsweise Verstehen.

Beethoven, Bruckner, Dvorák, Glasunow, Mahler - sie alle haben round about die magische Zahl von neun Sinfonien hinterlassen. Wollen Sie danach auch Schluss machen? Oder halten Sie es eher wie Schostakowitsch (15 Sinfonien) oder gar wie Haydn, von dem über 100 Sinfonien überliefert sind?

ROCHUS AUST: Wunderbar, Sie haben das Spiel erkannt!

Konzert auf der Hohen Warte: Brücke nach St. John's, Kanada

Konzert Das 1. Deutsche Stromorchester gibt am Mittwoch, 16. September, 17 Uhr, auf der Hohen Warte bei St. Johann ein "elektrisches Mobilkonzert". Das Ensemble um den Experimentalmusiker Rochus Aust baut da eine transatlantische Brücke: Es fängt auch Klänge auf, die von St. John's in Neufundland (Kanada) gesendet wurden. Historischer Bezug: 1901 gelang dort der erste transatlantische drahtlose Funkempfang eines Signals aus dem britischen Cornwall, gesendet vom späteren Nobelpreisträger Guglielmo Marconi.

SWP

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel