Geschichte Birdys letzter Kampf

REGINE LOTTERER 25.04.2014
Greg Long aus Pennsylvania hat im Schwabenland sein Glück gefunden, während dort auf seinen Landsmann Paul Birdsong der Tod wartete. Vom Schicksal der beiden Männer berichtet ein neues Buch.

Die Schwaben gelten nicht unbedingt als der zugänglichste der deutschen Volksstämme. Fremden gegenüber zeigen sie sich gerne reserviert, wenn nicht gar misstrauisch. Gleichwohl hat der in Pennsylvania geborene Greg Long diesen raubauzigen Menschenschlag in sein Herz geschlossen. Der US-Amerikaner kam im Rahmen eines Austauschprogramms für Dozenten im Jahr 1982 an die evangelische Hochschule auf der Ludwigsburger Karlshöhe und lernte dort den gebürtigen Böhringer Erich Schilling kennen. In dessen Familie, so erinnert sich Greg Long, "wurde ich aufgenommen wie ein eigener Sohn".

In Böhringen erfuhr Long, Lehrer für Sonderpädagogik und Englisch, erstmals vom Schicksal seines Landsmannes Paul Birdsong, der zu jenen Unglücklichen gehörte, die noch in den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges ihr Leben lassen mussten. Birdsong, Sergeant der US-Armee, wurde von einer deutschen Tellermine zerrissen, sein Todestag hat sich am Dienstag dieser Woche zum 69. Mal gejährt.

Das Schicksal seines Landsmanns beschäftigt Greg Long schon seit einigen Jahren, akribisch trug er Informationen über dessen Leben zusammen: "Ich wollte wissen, wer er war." Birdsong gehörte zur 103. Infanterie-Division, die im April 1945 Befehl erhielt, Böhringen einzunehmen. Der heutige Römersteiner Ortsteil war damals Teil der so genannten Albrandverteidigung, wie auch Grabenstetten, Hülben und Erkenbrechtsweiler. Hier wollte die Wehrmacht die vorrückende US-Armee stoppen, ein Vorhaben, das Tod und Zerstörung in die betroffenen Dörfer trug. Um Böhringen kämpften Deutsche und Amerikaner vom 21. bis zum 23. April, Granaten zerstörten dabei etliche Gebäude, 36 Häuser brannten komplett ab. Während eines Tieffliegerangriffs starb außerdem der vierjährige Siegfried Vosseler. Ihn trugen die Böhringer am 22. April zu Grabe, nur wenige Stunden bevor Sergeant Birdsong fiel.

Birdsong hatte erst wenige Tage vor seinem Tod den 20. Geburtstag gefeiert, in der Hoffnung, den Schlachtfeldern mit heiler Haut entkommen zu können. Nach Kriegsende wollte er sich als Seelsorger um seine Mitbürger kümmern, der junge Mann fand offenbar leicht Zugang zu anderen Menschen: "In seiner Klasse haben ihn alle gemocht", sagt Greg Long. Viele Informationen über Birdsongs Leben gewann Long aus einem Buch, das die Klasse in ihrem letzten High-School-Jahr 1942/43 herausgab. Kaum hatte Birdsong sein Abschlusszeugnis erhalten, trat er 18-jährig in die Armee ein. "Er hätte gerne studiert", berichtet Greg Long, doch er fühlte sich verpflichtet, für die Freiheit seines Vaterlandes in den Kampf zu ziehen.

Von seinen Mitschülern wurde Paul Birdsong zum intelligentesten Jungen der Klasse gekürt. Der junge Mann spielte Theater, widmete sich dem Gesang und engagierte sich sozial. Außerdem hielt er seine Mitschüler an, jeden Tag wertvolle Rohstoffe für kriegswichtige Güter zu sammeln: "Das ist nicht viel, wenn ihr denkt, was die Leute in Stalingrad leisten."

Im Oktober 1944 ging Paul Birdsong mit seinen Kameraden der 103. Infanterie-Division in Marseille an Land, anschließend kämpften sich die Soldaten über die Vogesen bis an den Rhein vor, den sie am 23. März erreichten. 847 Männer der Division sahen ihre Heimat nicht wieder, sie ließen ihr Leben im Kampf gegen den Faschismus. Am 2. April trat Marlene Dietrich, die wegen des Nazi-Terrors in die USA geflohen war, vor den Soldaten der Division auf, die gerade in Ebersbach in Reserve lagen.

Tagebuchaufzeichnungen von Birdsongs Leutnant, Tagesbefehle der US-Armee sowie Erinnerungen deutscher und amerikanischer Veteranen geben den Nachgeborenen eine Vorstellung von den Kämpfen auf der Alb: Von Schopfloch her kommend rückte Sergeant Birdsongs Kompanie in der Nacht über die Landstraße auf Böhringen zu. Unweit des Dorfes erhielt der Sergeant Befehl, auf Patrouille zu gehen. Wenige Minuten später zerriss eine gewaltige Explosion die Stille, Birdsong hatte die deutsche Tellermine, die ihm das Leben raubte, wohl übersehen. Sein Leutnant überlebte schwer verwundet, er hatte direkt hinter seinem von ihm Birdy genannten Sergeant gestanden. Auch vier weitere US-Soldaten wurden durch die Mine verletzt. Am folgenden Nachmittag, dem 23. April, rückten die amerikanischen Soldaten gegen 15 Uhr in Böhringen ein, im Ort lagen noch etwa 100 Mann Volkssturm, die Wehrmacht hatte sich bereits in Richtung Truppenübungsplatz Münsingen abgesetzt.

Paul Birdsong fand seine letzte Ruhestätte zunächst in französischer Erde, heute liegt sein Grab auf dem Marietta National Cemetery im US-Bundesstaat Georgia. Für seine außergewöhnlichen Verdienste im Kampf für die Freiheit Europas erhielt er posthum den "Bronze Star". Wie seine Familie auf die Nachricht vom Tod des jüngsten Kindes reagierte, konnte Greg Long noch nicht in Erfahrung bringen. Birdsong besaß zwar vier ältere Geschwister, deren Spur verliert sich aber trotz intensiver Suche bislang im Dunkel der Vergangenheit.

Leider, so Greg Long, habe Birdsong keine Chance erhalten, die Schwaben kennen zu lernen: "Er hätte sie gemocht und umgekehrt." Er selbst, sagt Long, sei im Frühling seines Lebens auf die Alb gekommen, im Schwabenland fand er gute Freunde und schließlich auch die Frau fürs Leben, im Januar hat er seine Marion geheiratet, das Paar lebt in Bad Urach. Im Buch "Schwäbischer Frühling", das dieses Jahr erscheinen soll, schildert Long seine Sicht auf Land und Leute. Das erste Kapitel widmet er dabei seinem Landsmann Paul Birdsong, für den Böhringen das Ende seines Lebens bedeutete, "für mich", sagt Long, "war es dagegen ein Anfang".