Im Rahmen des Brasilienaustausches hatten wir die Möglichkeit, drei Tage lang ein indigenes Volk zu besuchen, und zwar die Chicitanos. Der Begriff "Indios" ist hier ähnlich verpönt wie in Nordamerika das Wort "Indianer" für die Native Americans. Abgesehen von zwei Anthropologen waren wir die ersten Ausländer, die sie im Reservat besuchten, und der Besuch war nur möglich durch unseren Kontakt zur FASE, einer NGO, die die Zusammenarbeit von kleinbäuerlichen Betrieben koordiniert und sie im Kampf gegen die Agrarindustrie unterstützt.

Über diese Nichtregierungsorganisation wurden wir zu dem Besuch eingeladen, weil wir versprochen haben, dass wir über diese Begegnung einen Film drehen werden und einen Artikel für die brasilianischen Zeitungen schreiben werden. Diese Öffentlichkeitsarbeit ist den Chicitanos in ihrer aktuellen Situation ein wichtiges Anliegen, denn sie befinden sich in einem Landkonflikt mit Farmern, die einen Großteil ihres Reservats besetzt halten.

Am Dienstagmorgen ging es mitsamt den neu gekauften Hängematten auf eine fünfstündige Busfahrt Richtung Bolivien ins Chicitano-Dorf, davon waren 150 Kilometer nichtasphaltierte Staubstrasse. Herzlichst wurden wir mit Fotoapparaten und einem traditionellen Mittagessen (wie Bananensuppe) empfangen. Gleich darauf ging es zum gemeinsamen Baden in den paradiesischen Fluss des Dorfes, über dem Tukane und Papageien in den Bäumen saßen. Mit etwas Überwindung und Schwung schafften es auch die letzten, trotz Angst vor Krokodilen, Schlangen und ähnlichem, am Badespaß teilzunehmen.

Sportlich ging es auf dem (mit Hilfe eines Generators) flutlichtbeleuchteten Fußballplatz weiter, wo vor allem die Chicitanomädchen mit Hochleistung überzeugten. Der Abend klang mit kulturellem Programm aus. Der Cacique ("Häuptling") und sein Stellvertreter begrüßten uns offiziell mit beeindruckenden Worten zu ihrer traditionsreichen Geschichte. Anschließend zeigte uns die Jugendgruppe des Dorfes ihre typischen Tänze in Festkleidung und animierten zum mittanzen. Da sie Interesse an unserer Kultur zeigten, gaben wir unsere Gesangskünste zum Besten.

Am nächsten Tag lernten wir das Gelände mitsamt den Pflanzungen kennen. Erstaunt waren wir über die Vielfalt des Angebauten und die komplette Selbstversorgung des Dorfes. Das Wissen über die Anbaumethoden wird über Generationen hinweg weitergegeben. Im Gegensatz zum industriellen Anbau benutzen sie keinerlei Pestizide oder sonstige Agrarchemie, sondern kommen mit ökologischen Formen von Dünger und Schutz vor Befall und Krankheiten aus, wie mit Tierfallen und gemischtem Anbau statt Monokulturen. Um allerdings nachhaltig wirtschaften zu können, benötigen sie das komplette Land, das ihnen eigentlich als Reservat zusteht.

Da das Gerichtsverfahren zum Zuspruch des Landes aber noch anhängig ist, können sie momentan nur zwölf Prozent der 44 000 Hektar nutzen. Der für sie nicht zugängige Teil, also die restlichen 39 000 Hektar, wird bisher von Großgrundbesitzern beansprucht (die das Land zu einer Zeit in Besitz genommen haben, in der die Chicitanos für ihr traditionelles Gebiet noch keinen gültigen Besitztitel hatten) und die sich auf längere Sicht große Gewinne erhoffen, da das Land im Wert steigt.

Dieser Konflikt ist die Folge der Landverteilung während der Kolonialzeit. Denn die Kolonialmächte Spanien und Portugal teilten sich den südamerikanischen Kontinent auf, ohne Rücksicht auf die indigene Bevölkerung. Deshalb besitzen die Indigenen ihr Land, auf dem sie seit Jahrhunderten leben, faktisch nicht. Heute wird immer mehr versucht, die indigenen Völker unter besonderen Schutz zu stellen und ihnen ihr Land rechtlich zuzusprechen.

Da die Chicitanos jedoch direkt im Grenzgebiet zwischen Brasilien und Bolivien leben, fühlt sich keines der beiden Länder zuständig für deren Schutz. Um den laufenden Prozess zu Ende zu führen, muss ihre indigene Identität vor Gericht belegt werden. Denn erst dann kann auf Grundlage des Indigenenschutzgesetzes ein rechtskräftiges Urteil gefällt werden.

Dazu trägt zum Beispiel die Verschriftlichung und der Erhalt ihrer eigenen Sprache bei. Im Jahr 2009 beschäftigten sie einen Linguisten, der erste Teile ihrer Sprache schon verschriftlicht hat. In den Schulen wird diese Sprache jetzt an nachfolgende Generationen weitergegeben.

Wir wollten mit diesem Besuch nicht nur als bloße Touristen auftreten, sondern neben einem kulturellen Austausch auch öffentlich auf ihren Kampf um ihre Identität und ihr Land aufmerksam machen. Deshalb haben wir über diese dreitägige Begegnung auch einen Artikel für die verschiedenen brasilianischen Zeitungen der Region geschrieben und Filmmaterial gesammelt, aus dem wir einen kleinen Dokumentarfilm erstellen möchten, mit dem die Chicitanos im Internet auf ihre Situation aufmerksam machen und Unterstützung suchen können.