Nur noch wenige Wochen und dann werden die Neuntklässler der Geschwister-Scholl-Realschule in Bad Urach (GSR) ihre ersten Kontakte in die Berufswelt knüpfen. Dann steht für sie ein einwöchiges Praktikum auf dem Programm, währenddessen sie die Möglichkeit haben, in regionale Betriebe ihrer Wahl hineinzuschnuppern. Eine Woche also, in der nicht mehr das Klingeln der Schulglocke den Tagesablauf strukturiert, sondern die betrieblichen Abläufe. Statt lockeren Gesprächen auf dem Pausenhof stehen möglicherweise Business-Meetings oder Mitarbeitergespräche an.

Die Berufswelt ist eine, die ihre ganz eigenen Regeln kennt und eine, die möglicherweise einschüchternd oder gar angsteinflößend wirkt, wenn man sie als junger Mensch das erste Mal betritt. Das weiß auch Hartmut Raissle, an der Uracher Schule BORS-Fachvorsitzender (Berufsorientierung in der Realschule), der im Jahr 2012 nach entsprechenden Rückmeldungen seiner Schüler „KniggS“ ins Leben rief. Organisiert und verantwortet ist das regelmäßige Knigge-Seminar von den BORS-Klassensprechern.

Für die Schüler eine willkommene Gelegenheit, sich mit Gepflogenheiten und Benimmregeln außerhalb der Schule vertraut zu machen und so Schwellenängste ab- und Selbstsicherheit aufzubauen. Was ziehe ich zu einem Vorstellungsgespräch an? Was signalisiere ich mit meiner Körpersprache? Welche Themen sollte man beim Small-Talk während eines Stehempfangs lieber vermeiden? Derlei Fragen wurden an drei Tagen aufgeworfen und in Referaten und praktischen Übungen beantwortet. Und das nicht irgendwo, sondern im Bad Uracher Hotel Graf Eberhard, wo Stil und Etikette gleichsam zum Inventar gehören. Zum Abschluss eines jeden Vormittags speisten die Schüler formvollendet Erlesenes und lernten so auch noch die allgemeingültigen Tischsitten kennen.

Schon in finanzieller Hinsicht ein Angebot, das die Schule nicht ohne Partner aus der Wirtschaft stemmen könnte. Unter anderem die Kreissparkasse Reutlingen beteiligt sich an den Kosten. Und das aus gutem Grund, wie der KSK-Vertreter Thomas Ott erklärt. Er jedenfalls beobachtet durchaus, dass sich das Seminar positiv im Verhalten der Bewerber niederschlägt. Die Schüler seien anders vorbereitet als die von anderen Schulen und er gibt zu: „Die nehmen wir dann eher.“ Ähnliches berichtet Volker Brodbeck, im Dettinger Rathaus unter anderem für die Auszubildenden zuständig. Wie Ott nahm auch er an der festlich geschmückten Tafel Platz und nutzte beim gemeinsamen Mahl die Gelegenheit, für die Ausbildung zum Verwaltungsfachangestellten zu werben.

Derlei Gespräche, in zwar ungewohntem Rahmen, gleichwohl auf Augenhöhe, für Hartmut Raissle ein Rezept, um Angst vor der fremden Berufswelt abzubauen und gar nicht erst entstehen zu lassen. Denn, so betont er: „Die Schüler haben eine echte Wahl nur, wenn sie angstfrei entscheiden können.“ Aus eigener Erfahrung weiß er, dass manche Schüler die gewohnte Schulbank lieber nicht verlässt – und dann mitunter leidvoll Schiffbruch erleidet. Und, so fügt er augenzwinkernd noch hinzu, komme die Kenntnis von Benimmregeln nicht nur dem potenziellen Arbeitgeber zugute, sondern sie können sich auch im privaten Rahmen auszahlen: ob bei der Familienfeier oder beim nächsten Date.

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Stunden besuchte jede der drei Neunerklassen das Knigge-Seminar und lernte durch Auszubildende der KSK und des Hotels zahlreiche Verhaltensregeln. wag