Schon von weitem kann man die rote Fahne der MST - der größten sozialen Bewegung der Welt - am Straßenrand auf dem Weg von Cáceres in Richtung der bolivianischen Grenze erkennen. Biegt man dort ein, erwartet einen eine kleine Siedlung aus selbstgebauten Hütten mit Dächern aus Lastwagenplanen, bedeckt mit Palmwedeln gegen die Hitze, aus staubigen Wegen, freilaufenden Tieren und eine Gruppe landloser Familien, die ihr altes Leben aufgegeben haben, in der Hoffnung über die Agrarreform ein Stück eigenes Land zum Bebauen erkämpfen zu können.

In Brasilien besitzen zehn Prozent der Bevölkerung rund 80 Prozent des Landes. Daher ist eins der Ziele der MST, die Agrarreform durchzusetzen. Die Agrarreform ist ein im Brasilianischen Grundgesetz von 1988 verankertes Gesetz, welches besagt, dass ungenutztes Land enteignet werden muss. Da die Regierung das aber nicht aus eigenem Interesse umsetzt, besetzt die MST ungenutzte Landflächen, um einen Gerichtsprozess zur Enteignung in Gang zu bringen. Als Vorbereitung für die Besetzung reisen bis zu 400 Aktivisten durch die Städte und Dörfer Brasiliens, um den ärmeren Teil der Bevölkerung zu mobilisieren.

Wir treffen auf dem Acampamento auch Victor, einen 15-jährigen Jungen, den wir beim vorletzten Austausch von vier Jahren schon kennengelernt hatten. Er ist mit drei Jahren mit seinen Eltern zur MST gekommen und kennt kein anderes Leben als das auf der Landbesetzung. Inzwischen ist der Prozess um das Stück Land gewonnen, die Agrarreformbehörde hat den Besetzern Recht gegeben, das Land entspricht tatsächlich den Kriterien der Agrarreform und wurde jetzt enteignet, natürlich gegen eine Entschädigungszahlung. Mit der Legalisierung des Acampamento wurde es zu einer Agrarreformsiedlung.

Ein weiteres Ziel der MST ist die Bewusstseinsbildung für ökologische Landwirtschaft. Während sie am Anfang noch ausschließlich Subsistenzwirtschaft betreiben, geht es in den nächsten Schritten darum, Produkte auf den Märkten der umliegenden Dörfer zu verkaufen und an die Schulen der Region zu liefern. Diese Arbeit ist aber auch harte Knochenarbeit. Dies durften wir am eigenen Leib erfahren, als wir nach einer Übernachtung auf dem Acampamento weiterfuhren auf die Agrarreformsiedlung Florestan Fernandes, wo wir zusammen mit den Familien, bei denen wir dort wohnten, eine Woche lang bei der Feldarbeit mithalfen, Kühe molken, Tiere fütterten und sogar einen Schweinestall bauten.

Wir erfuhren, wie ein normaler Arbeitstag aussieht: Das erste Krähen der vielen Hähne beginnt um 5 Uhr. Wir sind froh, dass unsere Hilfe für die morgendlichen Arbeiten nicht gebraucht wird. Nach einem kurzen Frühstück geht es dann los aufs zwei Kilometer entfernte Feld. Mit langen Wasserrohren bepackt, gehen wir den Weg über die Kuhweiden bis zu dem Teich, der das Feld mit Wasser versorgt. Diesen, nur von Motorrädern und dem Eselskarren befahrbaren Weg, müssen die Menschen auf dem Assentamento jeden Tag mehrmals gehen. Bei dem Teich finden wir eine große, alte, mit Diesel betriebene Pumpe. Mit ein paar routinierten Handgriffen hat Rosalino, ein kleiner, ruhiger Mann, der uns die Arbeit zeigt, die Pumpe zum Laufen gebracht. Das Rohr, das vom Teich aus zum Feld führt, teilt sich an ein paar Stellen und bildet so ein übersichtliches Netz über dem Feld. Rosalino führt uns zu einem losen Rohrende auf dem Boden. Er bedeutet uns, unsere mitgebrachten Rohrstücke abzulegen und holt ein paar Sprenkleraufsätze unter einem Baum hervor. Nun schrauben wir immer abwechselnd ein langes Rohrstück und einen Sprenkleraufsatz an das lose Ende des Rohrs, sodass die Pflanzen in regelmäßigen Abschnitten bewässert werden.

Am dritten Tag ging es schon früh morgens auf die Felder. An diesem Tag hat sich unsere ganze Gruppe auf einem kollektiv bewirtschafteten Teil der Siedlung getroffen. Bei ungefähr 40 Grad in der prallen Sonne legten die einen ein neues Beet an, rissen Unkraut aus und harkten die Erde durch, während die anderen Tomaten pflückten. Danach sind wir zusammen zum Markt des nächsten Dorfes, Araputanga, gefahren, um unsere Ernte dort zu verkaufen. Viele interessante Leute haben sich mit uns unterhalten oder Fotos mit uns gemacht.

Zwei Stunden später fuhren wir mit dem Truck wieder zurück und während die Sonne unterging, sangen wir in der Dämmerung Brasiliens deutsche Lieder.