„Bank ist bumsvoll“, sagt Beate Thran. „Ganz ehrlich? In dem Aufzug brauchen Sie da auch gar nicht hin.“ Ihr Gegenüber, ein junger Mann, blickt verwundert an sich hinab. Seine hellgrauen Trainingshosen mit den drei weißen Streifen an der Seite und der dazugehörige Kapuzenpulli sitzen eins a. Sauber ist das Outfit auch. Aber als Banker geht er damit nun mal nicht durch, das macht die so hübsche wie forsche Sozialpädagogin dem Schüler mit kaufmännischem Berufswunsch schon vor dem zweiten Azubi-Speed-Dating in der Mensa der Neugreuthschule klar: Ausbildungsstellen bei Banken sind beliebt, wenn er eine Chance haben will, muss er sich konservativer kleiden.

Termin verpennt

Seinen vorab online vermittelten Termin mit einem Bank-Vertreter bei dieser erstmals ermstalweit von den Städten Metzingen und Bad Urach sowie der Gemeinde Dettingen veranstalteten Ausbildungs-Börse habe er eh „verpennt“, gesteht der angehende Auszubildende. Deshalb rät ihm die Mitarbeiterin der Rottenburger Kommunikations- und PR-Agentur Dialogmanufaktur am Freitagvormittag, schnell nochmal heimzufahren und „wenigstens eine Jeans“ anzuziehen.

Mit Persönlichkeit überzeugen

Denn bei dieser bereits im vergangenen Jahr – dann allerdings ausschließlich für Metzinger Schüler und Firmen – von Dialogmanufaktur angebotenen Veranstaltung gibt es auch „Live-Matching“.

Dazu sitzt neben Sabrina Schweizer, die am Anmeldungstisch die bereits verbindlich registrierten Kandidaten empfängt, Bettina Schweikert. Sie nimmt gerade eine dunkelhaarige Schülerin spontan noch in die Liste der Polizei-Aspiranten auf.

Fast 200 Schüler sind dabei

Adrett gekleidet, hätte die wohl auch am Tisch der Volksbank oder Sparkasse im Saal der Essensausgabe oder in der Bibliothek eine Chance – da diesmal fast 200 Schüler und 28 Firmen teilnehmen, musste die Speed-Dating-Fläche ausgedehnt werden.

Alle zehn Minuten erklingt in den beiden Räumen ein Gong mit der Durchsage, „bitte gehen Sie jetzt zu Ihren Gesprächsplätzen in der Halle“. Dort sitzt schon je ein Personalberater an einem der mit Nummern und Firmenlogos gekennzeichneten Tische.

„Vorstufe zum Vorstellungsgespräch“

Im Vergleich zu Ausbildungsmessen seien die Dating-Plätze spärlich ausgestattet, hebt Projektmanagerin Heidrun Bessert hervor, die das Angebot zusammen mit Matthias Nowotny koordiniert.

Für die jungen Leute auf der Suche nach der richtigen Entscheidung für ihre Zukunft wollen sie mit ihrem seit 2015 im ganzen Land erprobten Konzept eine „Vorstufe zum offiziellen Vorstellungsgespräch, einen Vorkontakt“ ermöglichen. „Die Bewerber sollen die reale Chance haben, nicht mit einem Paradezeugnis, sondern mit ihrer Persönlichkeit zu überzeugen.“

Vier Gespräche pro Schüler

Bis zu vier Gespräche kann jeder Schüler für diesen Tag buchen. Am Ende der jeweils zehn Minuten gibt es stets eine Rückmeldung. „Dann haben die Bewerber eine Einschätzung: Habe ich Chancen?“, erklärt Heidrun Bessert.

Die veranstaltenden Kommunen bieten auch selbst Ausbildungsplätze an, in Forst, Obstbau und Verwaltung sowie als Erzieher etwa. So ist von der Gemeinde Dettingen Regine Ries, von der Stadt Bad Urach Eberhard Knauer und von der Stadt Metzingen Dorothee Wörner vor Ort.

Größerer Dating-Pool durch Kooperation

Die Zusammenarbeit biete einen „größeren Pool an Firmen und Bewerbern“, sagt Eberhard Knauer. Denn, fügt Regine Ries hinzu, auch in den Verwaltungen herrsche Fachkräftemangel. Die anwesenden Fahrzeugbauer hingegen können sich am Valentinstag vor „Dates“ kaum retten.

Auch die beiden Bäckereien, die neben Lehrstellen als Verkäufer auch Studienplätze anbieten, sind als Speed-Partner gefragt. „Bei den Malern und Lackierern ist die Nachfrage deutlich geringer“, hat Bessert beobachtet, die mit Kollege Nowotny Wert auf einen breiten Branchenmix legt.

Wunsch versus Wirklichkeit

Die Metzinger Wirtschaftsförderin Dorothee Wörner bestätigt jüngste Berichte, dass die Berufswünsche junger Menschen mit der aktuellen und zukünftigen Arbeitswelt vielfach nicht übereinstimmen. „Die Berufswünsche in den Köpfen der Leute haben sich in den vergangenen 50 Jahren nicht groß geändert, die Berufswelt veränderte sich hingegen sehr.“ Und tue das weiter rasant. „Aber dazu braucht es auch Ausbilder. Das dauert alles seine Zeit.“ Deshalb wäre es gut, wenn auch mehr IT-Firmen dabei wären, meint Wörner. Der Termin so kurz nach der Ausbildungsmesse Binea sei diesbezüglich nicht ideal.

Regine Ries lobt das Konzept als „Türöffner“, die künftigen Azubis würden durch die Übung im Sich-Vorstellen lockerer.

Oft folgen darauf Praktika

Beate Thran und ihre Kolleginnen bereiten die Schüler der Haupt- und Realschulen sowie teilweise auch Gymnasien im Unterricht auf die Fragen vor, die sie bei ihren Dating-Gesprächen stellen und beantworten sollten. Wichtig sei, „Was stellst Du Dir vor? Was macht Dir Spaß? Was sind Deine Stärken?“, aber auch, eine Vorstellung davon zu haben, was die Firma, mit deren Vertreter sie ihr Zehn-Minuten-Date haben, eigentlich macht.

Im Idealfall ergibt sich daraus ein Vorstellungsgespräch, ein Praktikum und auf lange Sicht ein Ausbildungsvertrag oder ein Platz in einem dualen Studiengang.

Bei Bettina Schweikert könnte sich auch der junge Mann in Hellgrau noch „nachmelden“, erklärt ihm die Sozialpädagogin. Allerdings nicht im Trainingsanzug. Und nicht bei einer Bank.