Metzingen Ausstellerrekord beim Azubitag

Metzingen / Von Peter Kiedaisch 23.10.2018

Der Azubi-Tag in der Gewerblichen Schule Metzingen entwickelt sich immer mehr zu einer Plattform für angehende Schulabgänger und ihre potenziellen Lehrherren. Im Dienstag konnten die Veranstalter einen Rekord bei den Teilnehmern verzeichnen. 78 Betriebe präsentierten 115 Ausbildungsberufe, „so viele wie nie zuvor“, sagte Schulleiterin Susanne Lauffer-Dietborn während der Eröffnung. „Nutzen Sie diese tolle Chance“, empfahl sie den Heranwachsenden, „an den Ständen etwas über die Ausbildungsmöglichkeiten zu erfahren.“ Freilich ist der Azubi-Tag auch für die Gewerbliche Schule selbst eine willkommene Möglichkeit, sich vorzustellen. In den Modeklassen etwa standen die Nähmaschinen nicht still, in anderen Räumen entwarfen Schülerinnen eigene Kreationen auf dem Papier.

Stefan Häußler, der im Landratsamt Reutlingen für Kreisschulen verantwortlich ist und Landrat Thomas Reumann vertrat, zeigte sich vom Ansturm gleich zu Beginn beeindruckt: „Der Azubi-Tag ist eine große Messe geworden.“

Ob Turnhalle oder Aula, selbst im Freien präsentierten sich Betriebe. Das Dachdeckerhandwerk warb mit einem großen Truck, Kfz-Betriebe kamen mit Vorzeigeautos, die ja auch irgendwann mal jemand warten oder gar reparieren muss.

Der Ausstellerrekord kommt freilich nicht von ungefähr: „Der Fachkräftemangel ist gigantisch“, sagt Stefan Häußler. Die Firmen gehen deswegen wieder verstärkt dazu über, selbst auszubilden. Dass Familienbetriebe keine Nachfolger für die Leitung des Geschäfts finden, kann immer mal wieder vorkommen. Eine neue Bedrohung für kleinere Familienbetriebe erwächst aus dem Fachkräftemangel. Wenn ein Bäckermeister keine Gesellen mehr findet, steht er irgendwann in seiner Backstube alleine da.

Beim Azubi-Tag waren auch Eltern unterwegs und schlenderten von Stand zu Stand. Nicht allein, sondern in Begleitung ihrer Tochter oder ihres Sohnes. In Sachen Berufswahl, dazu riet auch Metzingens Finanzbürgermeisterin Carmen Haberstroh, sollte man nichts dem Zufall überlassen. „Es ist eine schwierige und wegweisende Entscheidung, welchen Beruf man wählt.“ Solche Messen sind wie geschaffen für all die, die noch nicht genau wissen, was sie später werden wollen.

Die jungen Frauen und Männer sind sich dessen vermutlich gar nicht bewusst, aber noch vor 20 oder 30 Jahren gab es in Deutschland ein Phänomen, das man Jugendarbeitslosigkeit nannte. Da starb mancher Berufswunsch schon lange vor einem Bewerbungsgespräch, zu dem es auf Grund der Flut an Konkurrenten oft gar nicht kam. Und so fanden sich viele in Montagehallen hinter CNC-Drehbänken, obwohl sie sich eigentlich für eine ganz andere Sparte interessierten. Für die Kunst der Fotografie etwa, für Krankengymnastik oder für eine Banklehre. 1000 Bewerbungen für 30 freie Stellen, das war eine gar nicht so ungewöhnliche Quote. Ob Personalchefs freilich gut beraten sind, nur das Abschlusszeugnis als Entscheidungskriterium heranzuziehen? In der Medizin wird derzeit diskutiert, den Numerus Clausus aufzuweichen. In der Praxis hat es sich als untauglich erwiesen, die Krankenhäuser allein Einserabiturienten zu überlassen. Auch Carmen Haberstroh riet dazu, sich von schlechten Noten nicht allzu sehr beeinflussen zu lassen: „Der persönliche Eindruck kann einiges kompensieren“, sagte sie und ermunterte die Heranwachsenden dazu, ihr Licht nicht unter den Scheffel zu stellen, nur weil andere im Auswendiglernen ausdauernder und erfolgreicher waren.

Welche Geschichten das Leben schreibt, war während des Azubi-Tags hinter den Kulissen zu hören. Ein junger Mann wollte nach seinem Abi eigentlich nur etwas Geld verdienen und heuerte in einer Firma als ungelernte Kraft im Lager an. Es gefiel ihm, das Geld stimmte, und die Zeit verstrich. So verging Tag um Tag, bis er jetzt, zehn Jahre später, eine Bewerbung schrieb und abschickte. Es hat geklappt. Auch ein etwas schräger Lebenslauf muss in Zeiten des Fachkräftemangels kein Hindernis mehr sein. Und wenn es stimmt, dass Eigengewächse oft die besten Mitarbeiter sind, wie Carmen Haberstroh selbst schon festgestellt hat, profitieren beide Seiten von der neuen Art, aufeinander zuzugehen. Handwerker, Industrie und Dienstleister einerseits, Azubis ohnehin.

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