Pliezhausen Augen auf, bevor es blitzt!

Pliezhausen / Peter Swoboda 24.08.2018
Ein 47-Jähriger wurde auf der B 27 geblitzt, bekam einen Bußgeldbescheid in Höhe von 70 Euro und hat Einspruch eingelegt.

Seit einem Vierteljahr gibt es an der B 27, auf Höhe der Anschlussstelle Walddorfhäslach/Pliezhausen, zwei neue Tempomessanlagen, im Volksmund auch Blitzer genannt, in beiden Fahrtrichtungen. Die Geschwindigkeitsbeschränkung liegt hier bei 60 Stundenkilometern, auch wegen der Baustelle, die dort schon seit Monaten existiert.

Seit es die Tempomessanlagen gibt, sind bereits knapp 200.000 Autofahrer geblitzt worden. Am späten Mittwochnachmittag kam es nun zur ersten Verhandlung vor dem Amtsgericht Reutlingen, weil ein Autofahrer Einspruch gegen den Bußgeldbescheid eingelegt hatte. Da er 24 Stundenkilometer zu schnell war, sollte der Mann 70 Euro bezahlen. Eigentlich hätte es zwei Verhandlungen geben sollen, doch ein Kandidat hat seinen Einspruch zurückgezogen. Er wollte nach Aussage des Vorsitzenden Richters Sierk Hamann wegen 70 Euro nicht extra aus Köln anreisen.

70 Euro Bußgeld

Der 47-jährige Mann, dessen Einspruch gegen den Bußgeldbescheid in Höhe von 70 Euro also nun verhandelt wurde, ließ zu Beginn der Sitzung durch seinen Anwalt Yann Hau verlauten, dass er sich zur Sache nicht äußern werde. „Das“, so der Vorsitzende Richter, Sierk Hamann, „ist Ihr gutes Recht.“

Warum sein Mandant Einspruch gegen den Bußgeldbescheid eingelegt habe, sei ganz einfach. Man könne ihn auf dem Foto nicht identifizieren. Darauf fragte der Richter, wenn er nicht gefahren sei, wer dann? „Haben Sie den Fahrer mitgebracht?“, so Hamann, „wenn Sie nicht gefahren sind, dann müssen Sie mir doch sagen, wer am Steuer saß.“ Das Kennzeichen sei auf dem Foto eindeutig zu erkennen.

Als der Autofahrer weiterhin schwieg, räumte Richter Hamann ein, dass die Qualität des Fotos in der Tat sehr schlecht sei. Daher veranlasste er, den Drucker des Amtsgerichtes zu nutzen und so wurde das Foto in besserer Qualität erneut ausgedruckt. „Auf diesem Foto“, so Hamann weiter, „kann ich Sie eindeutig identifizieren. Ich sehe das markante Kinn und die runden Ohrläppchen.“ Da spiele es auch keine Rolle, dass ein Teil des Gesichts durch den Rückspiegel verdeckt sei.

Natürlich gehöre in diesem Fall auch das Vertrauen in die Technik dazu. Der Blitzer sei nachgewiesenermaßen geeicht. „Dafür“, so Hamann weiter, „brauche ich hier und jetzt keinen Sachverständigen, schließlich handelt es sich um ein standardisiertes Messverfahren.“  Auch Rechtsanwalt Yann Hau wollte keinen Gutachter einschalten, wohlwissend, dass dies eine teure Angelegenheit werden würde.

Der Vorsitzende Richter wies noch darauf hin, dass es sich bei den Geschwindigkeitsmessgeräten auf der B 27 bei der Anschlussstelle Walddorfhäslach/Pliezhausen um keine Abzocke handelt. „Der Standort“, so Hamann ist sinnvoll, auch für die Zeit, wenn die Baustelle einmal aufgehoben ist, denn die Ausfahrt dort sei nicht ungefährlich.

So war es nur folgerichtig, dass das Gericht  den 47-jährigen Autofahrer zur Zahlung des Bußgeldes in Höhe von 70 Euro verurteilte. Außerdem muss er die Kosten des Verfahrens tragen. In der Urteilsbegründung gestand das Gericht dem 47-Jährigen zu, dass er die Geschwindigkeit nicht gezielt, sondern fahrlässig überschritten habe. Und die Geschwindigkeitsbeschränkung auf 60 Stundenkilometer sei nun mal am 11. Mai nicht aufgehoben gewesen. Hamann betonte zudem: „Das Ganze hat auch etwas mit Verkehrssicherheit zu tun.“

Es ist zwar so, dass es die Baustelleneinrichtung in dem Bereich der Anschlussstelle Walddorfhäslach/Pliezhausen nicht mehr gibt, doch das ändert sich kurz darauf schon wieder, weshalb hier nach wie vor eine Tempo-60-Zone ist.

Gelbe Warnleuchten

Um die Verkehrsteilnehmer darauf aufmerksam zu machen, dass sie nach wie vor auf die Geschwindigkeitsbeschränkung achten sollen, sind hell blinkende gelbe Warnleuchten aufgestellt worden. Ob die Warnleuchten etwas genützt haben, ist schwer zu sagen. Es ist aber nach Aussage von Christine Schuster, Sprecherin des Landratsamts Reutlingen, so, dass mittlerweile weniger Autofahrer in die Blitzerfalle rasen, als zu Beginn.

Verschiedene Arten der Geschwindigkeitsmessung

Der Klassiker unter den Tempomessgeräten ist der so genannte Starenkasten. Als stationärer Blitzer ist er meist so angelegt, dass er für beide Fahrtrichtungen einsetzbar ist.

Die eigentliche Geschwindigkeitsmessung jedoch erfolgt über piezoelektrische Drucksensoren, die in der Fahrbahn eingelassen sind.

Hierfür werden drei Messingstränge, die Piezokristalle enthalten, im Abstand von etwa einem Meter wenige Zentimeter tief quer zur Fahrbahn verlegt, ein so genanntes Koaxioalkabelverfahren. Fährt ein Auto darüber, wird durch die Verformung der empfindlichen Kristalle Elektrizität erzeugt.

Aus dem Abstand der Messingstränge wiederum kann die Geschwindigkeit des jeweiligen Fahrzeugs errechnet werden.

Aus der Fotoposition eines Fahrzeugs lässt sich damit dessen piezoelektrisch gemessene Geschwindigkeit größenordnungsmäßig überprüfen; das Messgerät entspricht vom Aufbau dem heutigen Sicherheitsstandard (Mehrfach-Messung; definierte Fotoposition zur größenordnungsmäßigen Überprüfung des Messwertes). Der altbekannte Starenkasten an sich ist nur noch für das Foto zuständig.

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