Tübingen Auf und Ab im Ministerium

Rauf und runter gehts da auf der Karrieretreppe im modernen Ministerium: Intendantin Simone Sterr inszeniert Schillers Lustspiel "Der Parasit". Foto: LTT/Patrick Pfeiffer
Rauf und runter gehts da auf der Karrieretreppe im modernen Ministerium: Intendantin Simone Sterr inszeniert Schillers Lustspiel "Der Parasit". Foto: LTT/Patrick Pfeiffer
Tübingen / KATHRIN KIPP 10.12.2013
"Der Schein regiert die Welt, und die Gerechtigkeit ist nur auf der Bühne": Schillers "Parasit" ist eine Typenkomödie aus der Arbeitswelt. Bei LTT-Chefin Simone Sterr wirds eine unterhaltsame Old-School-Satire.

Nach den Regenergüssen im jüngsten großen Stück ("Endlich Eiszeit") gehts jetzt am LTT wieder trocken-humoriger zu, mit der angenehm unprätentiösen Inszenierung der Komödie "Der Parasit" von Louis-Benoît Picard (1797).

Schiller hat das Stück 1803 übersetzt, bearbeitet und sich dadurch auch ein bisschen mit fremden Blumen geschmückt - wie seine Hauptfigur im Stück: Der opportunistische Blender, Betriebsschmarotzer und Profi-Schmeichler Selicour arbeitet irgendwo in der Halbhöhenlage eines Ministeriums.

Selicour versucht aus dem Wechsel an der Spitze des Hauses möglichst viel Profit herauszuschlagen. Wo vorher Korruption, Intrigen und übelste Umtriebe herrschten, soll jetzt der neue Minister die Machenschaften seines Vorgängers aufdecken und selbst alles viel besser machen - an sich schon ein Ding der Unmöglichkeit.

Aber nicht umsonst wird in der Satire darauf hingewiesen, dass sich das Theater als Ort des Guten, Schönen und Wahren solche Utopien durchaus mal leisten sollte. Jedenfalls werden auf recht plakative Weise diverse Karriere-Archetypen vorgeführt, die sich - siehe da - offenbar über Jahrhunderte hinweg gehalten haben.

Austatterin Gitti Scherer stellt dazu die obligatorische Auf- und Abstiegstreppe in den Raum, die mehr als überdimensionial das moderne Foyer des Ministeriums durchkreuzt, wo anfangs die verschiedenen Figuren ganz hektisch hin und her hetzen. Wenn oben der Wind dreht, wird auch unten einiges durchgewirbelt, das ist nicht nur in der Politik so, sondern auch am Theater, das LTT (nächstes Jahr ist Intendantenwechsel) hält sich allerdings mit diesbezüglichen Anspielungen vornehm zurück.

Das Gerüst im Hintergrund deutet den Baustellen-Charakter des Systems vor, das hier gerade ordentlich durcheinander gerät: Jetzt gilt es, sich hochzuarbeiten, Pöstchen und Privilegien zu ergattern oder zu sichern, unliebsame Jobs wegzuentwickeln, Konkurrenten auszustechen, neue Koalitionen zu organisieren. Noch weiter hinten blüht eine Oase, hier wohnt die Theater-Utopie, in der am Ende dann das Gute, Schöne, Wahre siegen darf: Simone Sterr sorgt für ein amtliches Happy End mit viel Kitsch, Walzer, Goldkonfetti und Romantik pur.

Davor gehts allerdings ganz aufgeregt zur Sache, und die Schauspieler dürfen ihre Figuren voll ausleben, komödienhaft die Treppe rauf und runter trampeln oder pantomimische Scheinduelle ausfechten. David Liske als der titelgebende smarte Fiesling hat sich für eine etwas zurückhaltendere Art entschieden und spielt seinen Blutsauger als ganz bescheidene Lichtgestalt.

Nur ab und zu zieht Liske eine Fresse, wenn gerade keiner hinschaut, und nur ganz selten kommt sein wahrer, böser, egoistischer Zecken-Charakter ans Tageslicht. Etwa, wenn ihn seine scheinbehinderte Schwester anbettelt und an seine provinzielle Vergangenheit und arme Mutter zuhause erinnert.

Die Mutter des Ministers wiederum (Hildegard Maier) ist ganz verknallt in den vermeintlichen Betriebsmessias und will ihn deshalb auch mit ihrer Tochter verkuppeln. Ihren ganz großen Auftritt aber hat Hildegard Maier als Vernissage-Rhetorikerin bei der glorreichen Enthüllung des göttlichen Ministeriums-Kunstwerks mit ihrer brillanten Kunstgelaberparodie. 1000 Euro fürs Phrasenschweinchen! Karlheinz Schmitt als Firmin wiederum repräsentiert den "redlichen" und verantwortungsvollen Macher im Hintergrund, der "für sein Land" alles gibt und dem es auch egal ist, wenn er ausgenutzt wird, wenns der Sache dient. Schmitt spielt seine bescheidene Gutemiene als kariert-verklemmten Langweiler. Der aber immerhin einmal als Leuchtgestalt glänzen darf, als er in die Foyerlampen eine Energiesparlampe einsetzt und zwischen Glühbirne und Kabelgestrüpp hängenbleibt. Sein Sohn markiert den feurigen Dichter: Benjamin Janssen weiß vor lauter jugendlichem Temperament gar nicht, wohin mit seinen Gummibeinen.

Seine angebetete Charlotte (Alrun Herbig) darf eines seiner wahnsinnig genialen Gedichte ganz postmodern-experimentell performen. Betriebskultur wird hier ganz groß geschrieben! La Roche (Steffen Riekers) wiederum ist das aufgeregte, laute und trampelige Opfer von Selicour, das in Sachen Intrigen auch erst noch dazulernen muss, für die Karriere brauchts halt auch ein bisschen Köpfchen. Udo Rau als Minister gibt sich sportlich, kommt aber aus einem ganz anderen Universum, wo es nur gute, rechtschaffene, verantwortungsvolle, gerechte, uneigennützige und kluge Politiker-Menschen gibt.

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