Mit dem Sonntag Lätare befinden wir uns in der zeitlichen Mitte der Passion. Die Bezeichnung Lätare bezieht sich auf eine Aufforderung, die wir in Jesaja Kapitel 66, Vers 10 nachlesen können: "Freuet euch mit Jerusalem und seid fröhlich über die Stadt, alle, die ihr sie liebhabt! Freuet euch mit ihr, alle, die ihm über sie traurig gewesen seid."

Haben wir Anlass zur Freude? Können wir Abschied nehmen von den traurigen Bildern des Zerstörung und des Hasses, die uns jeden Tag ins Haus geliefert werden? Darf die zarte Pflanze des Friedens im Nahen Osten wirklich wachsen? Oder sind wir dem Leiden gegenüber so abgestumpft geworden, dass wir am liebsten nur noch unsere eigene Haut retten möchten?

Ich lade Sie, liebe Leserinnen und Leser, zu einem Besuch nach Burundi ein. Dieses kleine zentralafrikanische Land, südlich von Ruanda gelegen, geht gerade durch eine Leidenszeit ohnegleichen. Schon vor der verhängnisvollen dritten Amtszeit des jetzigen Präsidenten, die von der Verfassung nicht gedeckt ist, gehörte dieses Land zu den ärmsten der Welt. Seit vergangenem April sind bei bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen Regierung und Opposition mehr als 400 Menschen ermordet worden. Hundertausende sind in die Nachbarländer geflohen.

Anlass zu Freude? Unsere Besuchergruppe fährt in die Provinzstadt Gitega und besichtigt dort eine Schule. Der Gründer erzählt uns die Geschichte. Mit 50 Dollar und der Vision, für Kinder aus armen Verhältnissen eine Ausbildungsmöglichkeit zu schaffen, stand er da. Er pachtete ein Stück Land, kaufte für das Geld "Kuhgrassamen" und ernährte mit den landwirtschaftlichen Produkten Rinder, deren Milch er verkaufte. So gelang es nach und nach ein Grundkapital zu erwirtschaften, mit dem eine Schule, eine Krankenstation und ein Internat gebaut werden konnte. Weitere Spender halfen mit und so haben momentan 433 Kinder in der Schule der Hoffnung Platz. 2008 eröffnet gibt diese Einrichtung nun Familien nicht nur eine Chance zum Überleben, sondern die Möglichkeit eine tragfähige Bildung zu bekommen. Der Wahlspruch lautet: "Bildung ist die stärkste Waffe, die du gebrauchen kannst um die Welt zu verändern" (Nelson Mandela). Als Besucher nehmen wir mitten in der Unordnung und der Angst Freude wahr. Kinder, Lehrende und Betreuer strahlen Gelassenheit, Freude und Zufriedenheit aus.

Die Schule hat sich ein hohes Ziel gesetzt. Als Grundwerte lesen wir im Eingangsbereich die Worte: Ehrlichkeit, Wissen und Disziplin. Sicherlich müssen sie im Prozess der Bildung neu erarbeitet werden und bilden eine große Herausforderung für alle Beteiligten. Wir nehmen aber wahr, wie sie nicht nur Forderungen darstellen, sondern helfen, das Zusammenleben friedlich zu gestalten. Anlass zur Freude? Ja! Selbst in der verzweifelten Lage, in der sich das Land Burundi befindet, sind Gottes Leute an der Arbeit. Bei Gottesdiensten, die wir mit den afrikanischen Freunden feiern, kommt immer wieder zum Ausdruck: "Gott hat uns nicht verlassen!"

Die Begegnungen dort haben mir eines gezeigt: Ich habe trotz mancher Herausforderungen, wie wir in Mitteleuropa gerade erleben, überhaupt keinen Grund zum Jammern. Im Gegenteil: Anpacken ist dran. Die Leidenschaft zur Liebe verändert unsere Städte und Gemeinden. Davon bin ich überzeugt. Um das zu erfahren, müssen wir zwar nicht nach Afrika reisen, aber dort habe ich meine Lektion gelernt. Freuet euch mit der Stadt, mit dem Ort, in dem ihr lebt und den ihr lieb habt. Das ist dann Lätare 2016. Freuet euch! Die Folgen werden auf der Hand liegen. Zunächst verändern wir uns und dann werden wir mit der Kraft der Liebe unsere Orte mit verändern können. Das ist die Berufung Gottes für seine Leute. Dazu wünsche ich uns allen Gottes Segen!