In der vergangenen Woche musste Dr. Eva Mörike aus Tübingen "dreimal ein Todesurteil fällen, für die Patienten gibt es keine Heilung mehr, die Tumore sind bereits zu groß und haben gestreut", berichtete die Palliativmedizinerin. Während die Schüler in der neuen Aula des Metzinger Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasiums zuvor noch fröhlich geplappert hatten, herrschte plötzlich wahrlich Totenstille. Aufmerksam lauschten die Jugendlichen der Medizinerin. "Die Menschen standen voll im Leben, was können wir jetzt tun?"

Chemos verabreichen, Bestrahlen, Schmerzen, Atemnot und Übelkeit lindern. "All diese Menschen haben den Wunsch zu leben", berichtete Mörike. Leiden will aber auch keiner von ihnen - und da könne viel getan werden, trotz des Wissens, dass die Patienten bald sterben werden, sagte Susanne Kränzle, Leiterin des Hospiz in Esslingen. "In Würde sterben - da haben wir ganz viel im Angebot." Allerdings gehe es nicht allein darum, Schmerzen so weit wie möglich zu verhindern, "viele Patienten wollen noch mal ihnen nahestehende Menschen sehen", so Kränzle.

Insgesamt habe Dr. Mörike in 15-jähriger Praxis mit dem Schwerpunkt Palliativmedizin gerade mal zwei Menschen erlebt, die nach einer Todesspritze oder Todestablette gefragt hätten. "In Pflegeheimen begegnet mir aber häufiger die Frage, warum Gott sie verlassen hat, warum alte Menschen als einzige übrig bleiben und nicht sterben dürfen", so Mörike. Kränzle erlebe im Hospiz "sehr bewegende Geschichten", der Tod sei ein ständiger Gast dort, "durchschnittlich bleiben die Menschen zweieinhalb Wochen bei uns". Christiane Burmeister vom Internationalen Zentrum für Ethik in den Wissenschaften an der Universität Tübingen warf einen theoretischen Blick auf die Frage nach Sterbehilfe - "erstaunlich ist, dass sich Gegner und Befürworter beide auf die Autonomie der Patienten berufen". Mit dem Gesetz zur Sterbehilfe vom vergangenen November sei "die Quadratur des Kreises versucht worden" - nämlich schwerstkranken Menschen die Möglichkeit zum selbstgewählten Tod ermöglichen und gleichzeitig zu vermeiden, dass Ärzte die "Tötung auf Verlangen geschäftsmäßig betreiben". Da komme natürlich die Frage auf, ab der wievielten Todesspritze bei einem Mediziner die "Geschäftsmäßigkeit" gegeben sei, so Burmeister.

Positiv bewerteten alle Podiumsteilnehmer, dass mit dem neuen Gesetz gleichzeitig auch die Palliativmedizin gestärkt wurde. So auch Bernd Weißenborn, der vor einigen Jahren in der Sieben-Keltern-Stadt Pfarrer war, nun als Dekan in Esslingen nach Metzingen zurückkehrte: "Mit dem Gesetz wurde das klare Signal gesendet, dass Sterbehilfe keine aktive Dienstleistung werden darf", betonte er. Die theologische Sicht auf das Problem: "Niemand hat sich das Leben selbst gegeben, es wurde geschenkt." Das Sterben und auch das Leiden seien "Teile des Lebens, da muss man lernen, damit umzugehen". Die meisten Menschen würden das tatsächlich lernen, betonte Eva Mörike. "Auf Krankheit und den Tod zugehen ist schlimm, aber fast alle Menschen erhalten in solchen Phasen einen ganz anderen Blick auf das Leben", sagte die Tübinger Ärztin. "Wenn ich mir die Kugel gebe, schließe ich das alles aus."

Gesetz zur Sterbehilfe

Nach dem Gesetz zur Sterbehilfe, das der deutsche Bundestag im vergangenen November beschlossen hat, darf ein Arzt einem todkranken Menschen ein Mittel zum Suizid geben. Voraussetzung ist aber, dass der Patient das Mittel selbst nehmen kann. Aktive Sterbehilfe, also Töten auf Verlangen, ist nach wie vor verboten. Passive Sterbehilfe, also lebensverlängernde Maßnahmen können vom Arzt abgelehnt oder abgebrochen werden. Erlaubt sind auch Schmerztherapien, bei denen das frühere Sterben in Kauf genommen wird.

SWP