Lonsingen Am Anfang war die Not

Jürgen Sachs:"Die Stämme, die wir besuchen sind schon lange mit der Zivilisation in Kontakt." Foto: Simon Wagner
Jürgen Sachs:"Die Stämme, die wir besuchen sind schon lange mit der Zivilisation in Kontakt." Foto: Simon Wagner
Lonsingen / SIMON WAGNER 21.07.2012
Seit 50 Jahren entsendet die Deutsche Indianer Pionier Mission (DIPM) Missionare zu Indianerstämmen in Südamerika. Am Sonntag öffnet sie erstmals die Türen an ihrem Hauptsitz in Lonsingen.

Das westlich geprägte Bild vom edlen Wilden ist die eine Sache. Die Lebensrealität von Indianern in Brasilien und Paraguay oft eine ganz andere.

Sie sind vom Aussterben bedroht, bettelarm, entwurzelt, von den Gesellschaften"als Abschaum" abgestempelt. Perspektivlosigkeit, Alkoholismus und innerfamiliäre Gewalt prägen ihr Leben. Den Vorwurf, durch Missionsarbeit selbst zur Zerstörung von vermeintlich intakten Kulturen beizutragen, kennt der evangelische Pfarrer und Missionsleiter der Deutschen Indianer Pionier Mission (DIPM) Jürgen Sachs nur zu gut. Aber:"Die Stämme, die wir besuchen sind schon lange mit der Zivilisation in Kontakt" - mit allem, was dazu gehört. Auch den negativen Begleiterscheinungen. Eine Situation, die auch schon der Evangelist James Rathlef 1959 vorfand."Erschüttert" von der"sozialen und geistigen Not", rief er in Gerlingen 1962 dasüberkonfessionelle Missionswerk ins Leben. Seit 1972 hat die Zentrale, mit derzeit zwölf Mitarbeitern, ihren Sitz in Lonsingen.

Von dort entsandt, leben momentan rund 50 Missionare unter mehreren Indianerstämmen in Brasilien und Paraguay.

Seit 1967, beziehungsweise seit 1973, verkünden sie dort nicht nur Gottes Wort, sondern leisten durch soziale Projekte auch Hilfe zur Selbsthilfe. Ausgebildete Krankenschwestern kümmern sich etwa um die medizinische Grundversorgung und bilden selbst Personal aus, andere helfen beim Betrieb von mittlerweile etablierten Schulen oder unterstützen die Menschen beim Landbau. Der Übergang von theologischer Missionsarbeit und sozialen Projekten ist fließend:"Man kann nicht geistliche Arbeit machen, ohne das andere zu sehen", sagt Sachs.

Im Mittelpunkt der DIPM jedoch ist und bleibt der Aufbau"streuender" christlicher Gemeinden. Ein Anspruch der"nichtüber Nacht" zu erfüllen ist. Geduldige Beziehungsarbeit und ein stabiles Vertrauensverhältnis ist die Grundvoraussetzung. Etwaigen Kritikern fällt Sachs auch hier ins Wort:"Unser Ziel sind nicht deutsche Gemeinden, sondern Indianergemeinden."

Also solche, die nicht nur ihre finanziellen Angelegenheiten selbst regeln, sondern, die vor dem Hintergrund ihres kulturellen Erbes, auch ihre eigene Liturgie entwickeln und damit auf andere integrierend wirken. Dieser integrale Ansatz, im Leitbild der DIPM verankert, kommt an."Wir stoßen überall auf offene Türen", erzählt Sachs. Gottes Botschaft der bedingungslosen Liebe empfänden die Menschen als befreiend:"Sie haben Halt gewonnen im Glauben an Jesus", so seine Beobachtung. Allen christlichen Botschaftern der DIPM - ob Familien, Ehepaare oder Singles - gemein ist, dass sie vor ihren rund vier Jahre dauernden Auslandseinsätzen zuvor in Lonsingen Station machen. Theologisch vorgebildet oder entsprechend den Projekten beruflich qualifiziert, nehmen sie hier an einem sechsmonatigen Vorbereitungskurs teil. Auf dem Stundenplan: Neben Missionszielen, das Erlernen von Indianersprachen und die Auseinandersetzung mit den kulturellen Fundamenten der fremden Lebenswelten. Die Arbeit der DIPM, zu der auch Zweig"Evangelisation in Deutschland" (EiD) gehört, ist zum Großteil durch Spenden aus dem ganzen Bundesgebiet finanziert. Der Jahresetat beträgt rund zwei Millionen Euro. Mit einem Freiwilligendienst richtet sich die DIPM auch an junge Menschen. Sie können als Kurzzeitler an den Projekten vor Ort mitwirken.

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