Metzingen Als Freunde am Haus Europa bauen

Sie halten nicht nur eine Willkommens-Flagge hoch, sondern auch die Idee der deutsch-griechischen Freundschaft: 15 Schüler von der Insel Thassos und ihre Betreuer besuchen erstmals Metzinger Gymnasiasten – ein Erbe der Landkreis-Partnerschaft.
Sie halten nicht nur eine Willkommens-Flagge hoch, sondern auch die Idee der deutsch-griechischen Freundschaft: 15 Schüler von der Insel Thassos und ihre Betreuer besuchen erstmals Metzinger Gymnasiasten – ein Erbe der Landkreis-Partnerschaft. © Foto: Christina Hölz
Von Christina Hölz 28.02.2018

Die Kälte fauchte den jungen Griechen regelrecht entgegen, als sie am Montagabend in Stuttgart aus dem Flieger stiegen. Wenn diese Reise mal kein Tausch der Welten ist – vom Sonnenparadies in der griechischen Ägäis direkt ins sibirische Baden-Württemberg. Doch der Frost stört Elena und Efstratia kaum. Die beiden Mädchen lachen, während sie ihre Parkas überziehen: „Für einen Einkaufsbummel in Metzingen nehmen wir dieses Wetter gerne in Kauf.“

Klar, der Ruf als Einkaufsmetropole ist der großen Kreisstadt vorausgeeilt. Beim Besuch der jungen Griechen in Metzingen und dem Stadtbummel mit einheimischen Jugendlichen geht es aber um mehr als um Outlet-Schnäppchen: Freundschaften unter dem Dach Europas knüpfen, Stereotypen durchbrechen, die sozialen Fähigkeiten ausbauen und Erfahrungen im Umgang mit anderen Kulturen sammeln – das wünschten die Redner beim Empfang für die jungen Griechen gestern im Metzinger Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasium den Deutschen und den Helenen.

Erstmals hat die informelle Partnerschaft des Landkreises Reutlingen mit der Insel Thassos (wir berichteten) ein von Schulen getragenes Projekt hervorgebracht: 15 griechische Jugendliche mitsamt Lehrer, Rektorin und Vertreter der Gemeinde sind derzeit bei Metzinger Gymnasiasten zu Gast.

Die Insulaner leben in Familien in der Sieben-Keltern-Stadt, in Riederich, Grafenberg und Bempflingen. Noch bis zum kommenden Freitag wollen sie die Menschen im Ermstal und die Region kennenlernen. Auf dem Programm steht ein Besuch im Biosphärengebiet, der Hopfenburg bei Münsingen und der Euthanasie-Gedenkstätte in Grafeneck bei Gomadingen. Auch ein Abstecher in die Stuttgarter Wilhelma ist vorgesehen, sofern die Minusgrade das zulassen.

Über die Regularien eines Austausches hinaus sollen die jungen Griechen auch einiges über Tourismuskonzepte in der Region, nachhaltigen Fremdenverkehr und die Verknüpfung von Ökologie und Ökonomie erfahren. Auf der Münsinger Alb gibt’s etwa ein selbstgekochtes Mittagessen mit regionalen Produkten.

Und beim Thema Tourismus sind die Jugendlichen dann ganz nah an einer Sache, die Thassos und den Landkreis Reutlingen einst zusammengebracht hatten. In mehren Regionen Griechenlands beraten seit 2013 ehrenamtliche Experten aus dem Südwesten ihre Kollegen in Bereichen wie Fremdenverkehr, Kommunalpolitik oder Abfallwirtschaft. Ziel des Projekts: Hilfe zur Selbsthilfe, das Vermitteln von hiesigem Know-How.

Zu den schwäbischen Krisenhelfern zählt auch der ehemalige Grafenberger Bürgermeister Holger Dembek. Regelmäßig reist er nach Thassos, wo die rund 14 000 Einwohner mit vielen Problemen kämpfen. Abwasser, Energie, das ganze Thema Müll - und vor allem, wohin damit? Auch die Waldbrände bleiben im Fokus.

Naheliegend, dass in den Dialog zwischen Deutschen und Griechen auch die Generation von Morgen einbezogen wird. „In einer lauen Nacht auf Thassos“ kam Gästen und Einheimischen dann die Idee, einen Austausch zwischen den beiden Schulen im Ermstal und in der Ägäis anzuregen, schildert Holger Dembek. Die Verantwortlichem am Lyzeum auf Thassos und dem Gymnasium in Metzingen waren dafür rasch zu gewinnen. Mehr noch. „Wir hoffen, dass sich aus dem Besuch ein dauerhafter Schüleraustausch entwickelt“, äußerten Matthias Pröhl, Schulleiter am Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasium, und Metzingens Oberbürgermeister Ulrich Fiedler unisono.

Langfristig hoffen die Partner auf Geld aus dem Erasmus-Förderprogramm, vorläufig hat auch die katholische Kirchengemeinde das Austausch-Projekt unterstützt. Aus diesem Dialog interkulturell lernen werden schließlich auch die Metzinger Schüler. Sie haben sich in einer Griechenland-AG eigens auf den Besuch aus Thassos vorbereitet, erklärt Matthias Pröhl weiter. Neben der Landeskunde büffelten die Jugendlichen „auch ein paar Worte Griechisch“.

Sonst verständigen sich beide Seite ordentlich auf Englisch. Und diese Sprache ist auch gefragt, wenn die Metzinger im Herbst zum Gegenbesuch nach Thassos aufbrechen. Der Termin ist fix. Vorerst aber kosten die deutschen Jugendlichen noch in der Kälte Oliven, Honig und Süßspeisen, die Elena, Efstratia und die anderen Griechen mitgebracht haben.

Völkerverständigung geht durch den Magen. Oder, um das mit OB Ulrich Fiedler zu sagen: „Für den Frieden in Europa können wir am besten eintreten, wenn wir Freunde sind.“

Griechenland und der Südwesten

Zustande gekommen ist die Kooperation zwischen der Insel Thassos und dem Landkreis Reutlingen im Rahmen eines Griechenland-Hilfe-Projekts des Gemeindetages Baden-Württemberg.

Experten aus der Verwaltung beraten vor Ort. Den Landkreis vertritt Grafenbergs ehemaliger Bürgermeister Holger Dembek mit mit Jana Mokali vom Diakonischen Werk Reutlingen.

Die Sozialpädagogin stammt von der Insel Thassos.

Die Zusammenarbeit angeregt hatte der Parlamentarische Staatssekretär und Griechenland-Beauftragte der Bundesregierung, Hans-Joachim Fuchtel. Es handelt sich dabei um eine Initiative der Deutsch-Griechischen Versammlung, die sich für die Kooperation zwischen beiden Staaten einsetzt. Im Südwesten beteiligen sich rund 100 Experten ehrenamtlich und beraten knapp 30 griechische Städte und Regionen.