Metzingen / CAROLA EISSLER  Uhr
Heute Abend, beim Anpfiff der neuen Fußball-Bundesligasaison, wird wohl kaum jemand daran denken, dass vor genau 70 Jahren, im Sommer 1945, die Amateur-Kicker erstmals wieder ihre Stiefel schnürten.

Fritz Kuhn kennt die Metzinger Fußballgeschichte wie kaum ein zweiter. 1950 zog er als 17-Jähriger selbst die Fußballstiefel an und jagte in der Mannschaft der damaligen Sportgemeinschaft Metzingen dem runden Leder nach. Der Wiederaufbau der Metzinger Fußballmannschaft nach 1945 beschäftigt Kuhn bis heute, gerne blättert er in den Sportarchiven und in seinen eigenen Aufzeichnungen. Die Metzinger zählten zu den ersten, die ab Sommer 1945 wieder Fußball spielten und ab Herbst von der französischen Militärkommandantur eine Erlaubnis bekamen, Spiele auszutragen. Die erste offizielle Metzinger Fußballmannschaft trat aber erst 1947 unter dem damals noch gültigen Namen "Sportvereinigung Metzingen" an. Im selben Jahr begann Fritz Kuhn als gerade mal 14-Jähriger eine Lehre als Maschinenschlosser bei der Firma Henning.

Bis 1961 spielten die Fußballer auf dem 30 Jahre zuvor vom Fußballclub SV 08 Metzingen eingeweihten Gelände an der Reutlinger Straße, wo auch das Vereinshaus stand. Nach französischem Beschuss in den letzten Kriegstagen war das Gelände allerdings zerstört, das Vereinsheim musste erst wieder aufgebaut werden. Einen besseren Platz bekamen die Fußballer erst viel später, nämlich 1961. "Durch die spätere Erweiterung des Friedhofs wurde dann der Stadionbau möglich und die Fußballer konnten umziehen", erinnert sich Fritz Kuhn.

Unterhaltung, den Blick auf das Schöne richten, das Vergangene vergessen: Gerade mal drei Monate nach Kriegsende, als nicht nur Deutschland, sondern fast alle Länder Europas in Trümmern lagen, suchten die Deutschen nach Zerstreuung inmitten des Wiederaufbaus. "Fußball war die einzige Unterhaltung, die man hatte", erinnert sich Kuhn. "Die Leute bekamen wieder Hoffnung und konnten durch den Sport das Erlebte verdrängen." Die Solidarität beim Aufbau des Sportgeländes sei groß gewesen, blickt Kuhn zurück. Überhaupt habe man gerne mit Hand angelegt und für den eigenen Verein gearbeitet. Auf Lastwagen ist Fritz Kuhn zu den ersten Spielen, die er für seine Mannschaft absolvierte, gefahren worden, bei Wind und Wetter. Kickstiefel seien Mangelware gewesen, sagt er. Mitunter habe man sogar bei Familien von Gefallenen nachgefragt, ob man wohl die Fußballschuhe bekommen könnte.

Ohne Unterstützer und Förderer wäre der Fußball in Metzingen wohl nicht so schnell wieder etabliert worden. Hilfe kam von der Firma R + A Leibfarth, deren Firmenchefs große Fans der Metzinger Kicker waren. Aber Hilfe kam auch noch von ganz anderer Seite: von dem Metzinger jüdischen Kaufmann Hugo Nathan. Einst Teilhaber der Lederfabrik Braunwarth, hatte er unter dem Druck des NS-Regimes 1936 seine Anteile abgeben müssen und war in die Schweiz emigriert. Nathan war vor der Naziherrschaft Hauptsponsor der Stuttgarter Kickers und hatte großen Anteil an den Glanzzeiten des Vereins. 1933 wurde der Lederfabrikant aus dem Verein ausgeschlossen und konnte durch die Flucht gerade noch sein Leben retten.

Trotz der Verfolgung während der NS-Zeit, trotz des millionenfachen Mordes an der jüdischen Bevölkerung und trotz des offenen Hasses, den er bis zu seiner Flucht erlebt hatte, kehrte Nathan nach Metzingen zurück und arbeitete wieder als Buchhalter bei Braunwarth. Er sorgte dafür, dass die Metzinger Kicker Leder für Fußballschuhe bekamen und machte sich als großer Förderer des Fußballs im gesamten Südwesten einen Namen. Als er 1948 im Alter von nur 56 Jahren verstarb, wurde zu seinen Ehren ein Gedächtnisspiel in Metzingen zwischen den Stuttgarter Kickers und der Metzinger Spielvereinigung ausgetragen. Fußballer wie Fritz Kuhn wissen auch heute noch, was sie Hugo Nathan zu verdanken haben. Für die breite Öffentlichkeit ist Hugo Nathan heute jedoch vergessen. In Metzingen gibt es nicht einmal eine Straße oder einen Platz, die nach ihm benannt wären.