Metzingen „Wir sind die Letzten“

Der Gedenkstein für die unvergessene Heimat und ihre Toten steht im Park vor der Bonifatiuskirche. Zu ihm soll sich eine Bank gesellen.
Der Gedenkstein für die unvergessene Heimat und ihre Toten steht im Park vor der Bonifatiuskirche. Zu ihm soll sich eine Bank gesellen. © Foto: Privat
Metzingen / swp 16.05.2018

Die Landsmannschaft der Ostpreußen, Westpreußen und Pommern hat nach über 70 Jahren ihre Tätigkeit eingestellt. Am Ende der Generalversammlung erhoben sich alle Mitglieder und sangen händehaltend letztmals gemeinsam das Ostpreußenlied: „Und die Meere rauschen den Choral der Zeit, Elche steh’ und lauschen in die Ewigkeit…“

Die letzte Generalversammlung der Gemeinschaft stand an. Der Vorsitzende Heinz Scheffler streifte kurz die Vergangenheit. Die ersten Jahre nach der Heimatvertreibung waren sehr schwer, da brauchten sich in der Fremde alle, da war der Zusammenhalt lebenswichtig. Im Laufe der Jahre schlugen die Landsleute dann Wurzeln in der neuen Heimat.

Für ihn war die Nachfolge als Vorsitzender selbstverständlich, als sein Vorgänger 2000 erkrankte. An erster Stelle stand für ihn immer die Erinnerung an die alte Heimat im Osten. Er und seine Vorstandschaft gestalteten weiterhin Volkstanz, Grützwurst- oder Klopse-Essen beim Erntedankfest mit Tanz und Tombola, Weihnachtsfeier, Filmvorträge  und nach der Wiedervereinigung bei Reisen in die alte Heimat.

Dagmar Voss trug in der gut besuchten Versammlung den von Kassenprüfern genehmigten Kassenbericht vor.

Nach den Ausführungen von Heinz Scheffler ist nun die Zeit gekommen, dass er wegen seines hohen Alters von 90 Jahren und schwerer Erkrankung die Aufgaben des Vorstandes nicht mehr bewältigen kann. Man war sich einig, dass es keinen Nachfolger mehr gibt. Die letzten Mitglieder, die noch in Ostpreußen geboren wurden, sind nun alt. Für ihre Kinder sind Ostpreußen, Westpreußen, Pommern, Schlesien und Sudetenland nur noch geografische Hinweise auf die Heimat der Eltern.

Scheffler schlug den gemeinsamen Vorschlag der Vorstand­schaft vor, die Aufhebung der Landsmannschaft in der Generalversammlung zu beschließen. Die Landsmannschaft wird der Stadt Metzingen als Abschiedsgeschenk eine neue Bank mit einer Gravur stiften. Sie soll neben dem Heimatdenkmal im städtischen Park vor der Bonifatiuskirche aufgestellt werden. Zu der Übergabefeier wird noch gesondert eingeladen.

Scheffler wies darauf hin, dass mit dem Tod der Erlebnisgeneration auch die Sprache aussterbe. Man erlebe zurzeit das Schwinden der letzten Reste sprachlicher Besonderheiten großer Regionen, die Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg verloren habe. Die Bewohner, rund 14 Millionen Menschen, wurden vertrieben. Nach den Ausführungen von Scheffler empfinden die alten Ostpreußen diese Entwicklung voller Schmerz. Sie wollen die letzten Reste einer unabwendbar dahindämmernden Sprache begierig in sich aufnehmen und bewahren. Aber wenn die letzten, die ihre angestammte Sprechweise mit ihrem unverkennbar gerollten „R“ und dem schweren Zungenschlag bis heute erhalten haben,verstorben sein werden, dann gehe eine Sprache für immer verloren. „So zärtlich war Suleyken“, wie Siegfried Lenz über den Ort Suleyken nahe Oletzko geschrieben hat, wird es nie wieder jemand tun. Die Verkleinerungsform war beliebt bei allem, was es auszudrücken galt, wobei Onkelchen und Tantchen bis hin zu Omsche ganz alltäglich waren, wie man auch gerne ein Tulpchen Bier mochte.

In gemütlicher Runde bei Kaffee, Kuchen und Getränken wurde das letzte offizielle Beisammensein gefeiert. Heinz Scheffler trug noch das passende Gedicht vor: „Wir sind die Letzten, die noch in Ostpreußen geboren und ihre Heimat dann für immer verloren, die letzten, die noch dort ihre Jugend verbracht, daheim als Kinder geweint und gelacht. Wir waren die Letzten.“

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Millionen Menschen mussten amtlichen Schätzungen zufolge während und nach dem zweiten Weltkrieg aus den Gebieten östlich von Oder und Neiße flüchten.

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