Der kleine Ort Upflamör auf der Schwäbischen Alb hat nicht einmal 100 Einwohner, aber die sind stolz auf sich und ihre Gemeinschaft. Sie packen gerne an und sind sehr aktiv. Ab Donnerstag werden mehr als 30 von ihnen außerdem zu Schauspielern: Das Landestheater Tübingen (LTT)  hat in dem kleinsten Zwiefalter Teilort in Kooperation mit dem Theater Lindenhof und dem Theater in den Bergen ein Landschaftstheaterprojekt umgesetzt. Seit April sind Profi-Schauspieler und Musiker vor Ort und proben mit den Laien-Darstellern. Entstanden ist so „Der Schatz von Upflamör“, ein Open-Air-Krimi, der als Spaziergang durch den Ort angelegt ist. Wir haben Regisseur Arnd Heuwinkel getroffen, um mit ihm über das Projekt, Upflamör und seine Bewohner, sowie Kultur im ländlichen Raum zu sprechen.

Herr Heuwinkel, die Kulturstiftung des Bundes fördert seit Mai 2016 Projekte im ländlichen Raum. Sie haben sich für das aktuelle Projekt beworben. Wie kamen Sie darauf und was sind Ihre Ziele?

Arnd Heuwinkel: Meine Idee war, in ein möglichst kleines Dorf zu gehen, fernab von Metropolen und zu schauen, was es hier für Schätze gibt. Ich selbst bin auch ein Landkind, habe aber lange in der Stadt gelebt. Dabei habe ich gemerkt, dass die Städter die Landbewohner eher von oben herab betrachten. Es wird gerne von der Provinz gesprochen. Es ist mir wichtig, das zu widerlegen. Die Menschen haben unterschiedliche Lebensentwürfe, aber die sind im Grunde unabhängig davon, wo man lebt. Ich will mit Vorurteilen von Provinz und Kaff aufräumen. Wir feiern das Dorf als vielfältige Lebenswelt.

Warum ausgerechnet Upflamör?

Das war ein Glückstreffer. Ich habe gegoogelt, wo so ein Theaterstück interessant sein könnte. Dann hat mir meine Schwägerin von Upflamör erzählt, wo sie als Kind Ski fahren gelernt hat, und sie ist bis heute total begeistert. So bin ich auf Upflamör gestoßen: Ein Ort mit knapp 100 Einwohnern, der aber auf der Alb eine gewisse Rolle spielt. Es war beispielsweise von einem „kleinen gallischen Dorf auf der Alb“ die Rede. Da dachte ich mir, dass etwas Besonderes dahinter stecken muss.

Und das tat es?

Ja, es hat sich total bestätigt. Es wurde mir im Vorfeld viel über die Herzlichkeit der Upflamörer erzählt, aber auch, dass sie einen eigenen Kopf haben und stolz auf sich sind. Das hat alles gestimmt. Rund ein Drittel der Einwohner macht bei dem Stück mit, die Schauspieler sind zwischen drei und 70 Jahren alt. Es ist also auf sehr viel Gegenliebe gestoßen, und es ist gleichzeitig ein Projekt, das die Dorfgemeinschaft stärkt.

Wie sind sie vorgegangen, um die Einwohner von ihrem Vorhaben zu überzeugen?

Ich bin teilweise von Tür zu Tür gegangen, um meine Idee vorzustellen und nach Geschichten zu suchen. Dann wurde ein Treffen für alle Dorfbewohner einberufen, an dem ich erzählen konnte, was wir vorhaben. Da wurde teilweise sehr kritisch geschaut und die Dorfgemeinschaft hat sich Bedenkzeit erbeten. Dann kam zunächst die Rückmeldung, dass sie nicht mitmachen wollen, weil sie derzeit mit dem Umbau des Feuerwehrhauses beschäftigt sind. Wissen Sie, Upflamör ist ein sehr reges Dorf, die Menschen tun dort sehr viel, um sich ihren Lebensraum zu erhalten. Das, was in anderen ländlichen Gegenden geschieht, dass ganze Landstriche vergreisen, ist  hier nicht der Fall. Es gibt hier einen extrem hohen Kinderanteil. Und die Bewohner bringen sich ein, um den Ort attraktiv zu machen. Allerdings hatten sie darum Bedenken, ob sie ein weiteres großes Vorhaben, wie dieses Theaterprojekt stemmen können.

Letzten Endes haben die Upflamörer dann aber doch beschlossen, mitzumachen?

Ja, es kam ein Anruf, dass sie ihre Baustelle ruhen lassen, bis das Stück aufgeführt worden ist. Und sie haben sich ein Mitspracherecht gewünscht, was die Geschichte betrifft, was ich durchaus verständlich finde.

Wie sind Sie auf die Geschichte von „Der Schatz von Upflamör“ gekommen?

Ich habe mich mit der Dorfgeschichte beschäftigt und die Menschen nach Anekdoten befragt. Dabei kam vieles zum Vorschein. So liegt ja beispielsweise die Keltensiedlung Große Heuneburg nur einen Steinwurf entfernt, außerdem habe ich erfahren, dass hier in den 1950er Jahren nach Öl gebohrt wurde. Diese Geschichte des Ortes habe ich in das Theaterstück mit einfließen lassen. In dem geht es in erster Linie darum, dass Upflamör als Idylle in Gefahr gerät. Die Menschen sind hier sehr zufrieden, aber immer wenn etwas besonders gut läuft, kommt meistens irgendein Spielverderber und macht einem das Leben schwer. So auch in unserer Geschichte, wo ein „Dorfberater“  die Bürger verunsichert und zum Auszug aus dem Dorf bewegt. Daraufhin wird mit dem Dorf und seinen Schätzen spekuliert. Die Zuschauer werden Teil einer Verschwörung, es tauchen Ureinwohner Upflamörs auf und ein größenwahnsinniger Ölbaron will das alles für einen verrückten und gefährlichen Plan ausnutzen. Schließlich schafft es das Dorf mit vereinigten Kräften, die Eindringlinge in die Flucht zu schlagen, eben fast wie bei Asterix...

Was erwartet die Zuschauer? Wie läuft solch ein Mitmachtheater unter freiem Himmel ab?

Die Zuschauer werden an einen Startort geleitet. Dort erhalten sie von uns einen „Theatersitz“, den sie im Laufe des Stücks von einem Spielort zum nächsten tragen. Die Spielorte sind dabei natürliche Kulissen, also eben das, was man an dem Ort vorfindet. Zum Beispiel ein alter Bauernhof mit einer großen Miste, der Wasserturm, die Wendeplatte oder eine Blumenwiese mit Kapelle im Hintergrund. Die Zuschauer werden dort von uns platziert und das Stück nimmt seinen Lauf. Es spielen drei professionelle Schauspieler mit, zwei Musiker und ich. Die Zuschauer dürfen sich auf ein Stück ohne Dolby-Surround, XXL-Screens und gigantische Bühnentechnik freuen. Wir spielen quasi ohne Netz und doppelten Boden und bieten eine herzerwärmende kleine große Geschichte. In der Pause gibt es Essen und Trinken und die Zuschauer bekommen die Gelegenheit, das Dorf etwas besser kennenzulernen.

Wie lautet Ihr persönliches Fazit nach diesem außergewöhnlichen Projekt?

Ich war zum ersten Mal hier und ich weiß jetzt schon: Ich würde das gerne wiederholen. Besonders muss ich die Hilfsbereitschaft und Unterstützung der Menschen hervorheben, die enorm war. Wir durften alles im Ort nutzen und keiner hat sich beschwert. Es war für mich eine der spannendsten Aufgaben in den vergangenen Jahren, weil ich null Anhaltspunkte hatte, ob es funktionieren würde. Aber das tut es.

Info Es gibt noch wenige Karten im Vorverkauf, online über landestheater-tuebingen.de. Premiere feiert der „Schatz von Upflamör“ am 10. Mai um 15 Uhr. Weitere Aufführungen finden am 11. Mai um 15 Uhr und am 13. Mai um 11.30 Uhr statt.

Das Förderprogramm TRAFO – Kultur im Wandel


Das Programm „TRAFO – Modelle für Kultur im Wandel“ der Kulturstiftung des Bundes besteht seit etwa zwei Jahren. Es stellt die Frage, wie Kultureinrichtungen in ländlichen Räumen sich für neue Projekte und Kooperationen öffnen, auf den Strukturwandel reagieren und sich weiterentwickeln können. Die Theaterwerkstatt Schwäbische Alb am Landestheater Tübingen ist eine dieser Kulturwerkstätten.
Seit Mai 2016 wird hier Neues ausprobiert: Anstatt „fertige“ Produktionen als Gastspiele in den ländlichen Raum zu schicken, werden diese direkt vor Ort umgesetzt. Künstler verbringen dazu mehrere Monate in einer oder mehreren Gemeinden und tun sich mit Institutionen zusammen, um ein gemeinsames Projekt zu entwickeln.
„Der Schatz von Upflamör“ ist das (vorerst) letzte Projekt der Reihe und wird mit dem Theater Lindenhof und der Dorfgemeinschaft Upflamör umgesetzt.

Über den Regisseur und seine Theaterprojekte


Arnd Heuwinkel absolvierte 2001 das Studium der angewandten Theaterwissenschaften an der Universität Hildesheim. Nach seinem ersten Engagement als Schauspieler am Volkstheater Rostock wurde er Mitglied der niedersächsischen Theaterformation ASPIK.
Seit 1999 arbeitet er im Landschaftstheater in verschiedenen Städten Deutschlands. 2011 nahm er die Arbeit als Regisseur und Autor am Theater in den Bergen auf. Heuwinkel erhielt 2015 zusammen mit der freien Theaterformation ASPIK den BKM-Preis für kulturelle Bildung durch die Staatsministerin für Kultur und Medien Monika Grütters.