Metzingen "Rappas" als Versuchung

Dann mal Prost: Walter Veit mit Dr. Christine Krämer.
Dann mal Prost: Walter Veit mit Dr. Christine Krämer. © Foto: Angela Steidle
Metzingen / ANGELA STEIDLE 06.03.2015
Ermstäler Wein ist ein fürstliches Getränk mit bewegter Tradition. Warum Älbler Pfaffen gegen den Essigsauren meuterten und Professoren von ihm schwärmten, erklärte Weinexpertin Dr. Christine Krämer.

"Ein deutlicher Vorteil der Weinbauregion um Metzingen bei zunehmender Klimaerwärmung ist die höhere Lage", wagt Dr. Christine Krämer den Ausblick: "Die kühlen Nächte bringen ein interessantes Aromenspektrum. Bei guter Durchlüftung holen die Trauben im Herbst auf. Selbst der Riesling hat inzwischen Fuß gefasst. Produkte aus dem Biosphärengebiet profitieren deutlich vom Regionalmarketing. Für mich eine gute Entwicklung vom Honig über den Essig zu schätzenswerten Tropfen."

Die Stuttgarter Weinbauhistorikerin hat über Rebsorten promoviert und für Metzingen im Stadtgeschichtsbuch die Weinbaugeschichte anhand vieler neuer Quellen aufgearbeitet. Jetzt referierte Christine Krämer in der Reihe "Wein & Kultur" auf Einladung des "Förderkreises Metzinger Keltern" im Weinbaumuseum.

Dass "dem Unterländer Weingärtner seine sieben Keltern bekannter und merkwürdiger sind als Ägyptens sieben Weltwunder" mag ein Zufall sein. Jeder weiß, dass nur der Geldmangel den Abriss verhindert hat. Zur Flurbereinigung in den Sechzigerjahren "gerät der Berg bis zum Gipfel in Bewegung": Operation geglückt - Patient tot? Die Rentabilisierung des Weinbaus, sagt Dr. Christine Krämer, sei zwar ein starker Eingriff in die Kulturlandschaft gewesen, habe aber letztlich den Weinbau gerettet. Mit phänomenalen 138 Hektolitern pro Hektar und bis zu 120 Grad Oechsle ganz "ohne Zuckerle in der Tasche eines stolzen Wengerters" im Jahr 1971. Die Einsicht, Qualität statt Masse zu produzieren, setzte sich auf Metzinger Gemarkung erst mit der Gründung der Weinbauvereine durch.

Davor lässt sich die wandelbare Geschichte des Weinbaus im Ermstal in zwei Hälften teilen: vor und nach dem Dreißigjährigen Krieg. In die Ära verhätschelter Luxusweine, mit dem am herzoglichen Hof zu Württemberg Staat gemacht wurde und dem minderen "Reparationswein", der entweder mit Obstwein aufgewertet oder gleich zu Essig verarbeitet wurde. Wein von einer Güte, die die Älbler Pfarrer zur Meuterei trieb: Um 1800 hatte der Ohnastetter Pfarrer seine Versetzung in eine andere Weinbaugegend eingereicht, weil ihm der "Uracher Tal-Wein" zu sauer war. Der Wittlinger Pfarrer bat um "Stuttgarter Stiftswein" und sein Uracher Amtskollege wünschte sich statt des üblichen "Besoldungsweins" einen "Beutelsbacher". Sämtlichen Einsprüchen wurde seinerzeit stattgegeben, referierte Dr. Krämer.

Weinbau galt in seinen Anfängen auch im Ermstal als "ganz besondere Kultur": Mit achtfachem Aufwand, sakralem Charakter und je nach Ertragslage als rares Luxusgut. Alles zusammen führte früh zu komplizierten Besitz- und Abgabenstrukturen. Rein ethisch war Wein so wertvoll, dass Kranke ein Zusätzliches bekamen. Senioren im Spital stand ihre tägliche Ration gesetzlich zu. Legendär ist heute noch der sogenannte "Professorenwein". Vom Tübinger Altphilologen Martin Crusius ist überliefert, dass er den Metzinger Wein liebte. Um die 1500 Liter aus eigenem Anbau und nochmal so viel als "Besoldungswein" soll er um 1600 als Jahresration im eigenen Keller gelagert haben. Ermstäler Weine wie der legendäre "Rappas" schafften es vor dem Dreißigjährigen Krieg auf die fürstliche Tafel und als Exportschlager bis ins Österreichische hinein. Den ersten kommerziellen Weinbau in der Region betrieben die Klöster. Der Zwiefalter Besitz reichte zurück bis ins achte Jahrhundert, verbrieft durch Schenkungen "zur Sicherung des Seelenheils im Jenseits". Um 1575 reihten sich die Weinberge im Ermstal aneinander wie eine Perlenkette, sagt Christine Krämer: "So ziemlich alles, was sich eignete, war bestockt".

Was dem Ermstäler Wein nach dem Dreißigjährigen Krieg ein so dauerhaft schlechtes Image einbrachte, waren mehrere Faktoren: Die Konkurrenz des billigeren Bieres. Die so genannte "kleine Eiszeit" mit Totalausfällen, schlechte Rebsorten wie "Elbling" und "Putzschere", und eine Halbierung der Weinäcker von rund 400 auf 225 Morgen um 1650 unter dem Vorzeichen "verheert und verödet". Dass sich ausgerechnet ein Professor aus dem reblosen Blaubeurer Kessel über die Torheit des Weinbaus in einer so wasserarmen Gegend wie dem Ermstal mokierte, hat sicher seine eigene Logik.

Ermstäler "Amarone"

Ob denn der Lieblingswein der württembergischen Herzöge um 1500, ein selten hervorragender "Rappas", noch nachzubauen ist, wollte ein Zuhörer im Weinbaumuseum wissen. Die anwesenden Vertreter der Metzinger Winzergenossenschaft bekamen spitze Ohren: Entweder man setzt einem sehr kräftigen, vergorenen Wein nochmals frische Trauben zu. Oder der neue Wein aus roten Trauben wird über den alten Trester gegossen und nochmals vergoren. Ähnlich dem italienischen "Amarone". In beiden Fällen entsteht ein deutlich stärkerer Wein.

Echter "Amarone" aus dem Anbaugebiet des Valpolicella Classico wird aus getrockneten Trauben gekeltert. Sein eigenwilliger Charakter hat immer eine mehr oder weniger starke bittere Note (ital. amaro = bitter).

Die tiefroten Tropfen ähneln dem Sherry und haben auf trockene Art ein gewöhnungsbedürftig süßes Bukett. Das hat das Zeug zu einem historischen Metzinger Remake. (ane)

SWP

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