Metzingen "Gruseliger Metzinger Bahnhof"

Heiner Monheim sagte, was ihm an Metzingen nicht passt.
Heiner Monheim sagte, was ihm an Metzingen nicht passt. © Foto: Wieland Lehmann
Metzingen / WIELAND LEHMANN 14.03.2015
"Öffentlicher Verkehr muss Spaß machen". Das jedenfalls konstatierte Verkehrsexperte Heiner Monheim bei seinem Vortrag, zu dem das Zukunftsteam Infrastruktur und Verkehr eingeladen hatte.

Angereist ist er mit der Bahn, in Metzingen hat er auf dem Fahrrad die Sieben-Keltern-Stadt erkundet. Er ist nicht nur Theoretiker, der studierte Geograph, emeritierte Professor für angewandte Geografie, Raumentwicklung und Landesplanung der Universität Trier, sondern verfügt über genügend Praxiserfahrung. Ob bei der Beratung der Stadt München für den Nahverkehr, ob als Referatsleiter im Verkehrsministerium in Nordrhein-Westfalen, der Beratung von Kommunen, Kreisen und Verkehrsunternehmen, Umwelt- und Verkehrsverbänden - Heiner Monheim kennt sich aus, hält mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg, was ihm nicht immer Lob einbringt.

Die über 50 Teilnehmer bei seinem Vortrag "Wege zu einer effektiven Verkehrsgestaltung" konnten ihn als einen leidenschaftlichen Streiter für lebenswertere Städte und innovative Verkehrspolitik erleben. In der klassischen Verkehrsforschung habe das Hauptverkehrsmittel im Zentrum gestanden, moderne Forschung nehme jeden ernst, also auch Fußgänger, Radfahrer, Nutzer von regionalen Bahnen und Bussen. Die Gesellschaft habe sich verändert, die "neuen" Menschen seien inter- und multimobiler geworden. Die Kombination von Fußmarsch, Fahrrad, Bus und Bahn nehme zu und sei in der Planung zu berücksichtigen. Das Autofahren werde teurer, das Haushaltseinkommen sinke, die Zahl der Rentner wachse. Die Mobilitätspolitik müsse sich demografisch orientieren. Zudem habe sich die Mobilitätskultur von Jugendlichen geändert. Zu berücksichtigen sei nicht nur der Berufsverkehr, sondern auch der zum Einkauf, zu Dienstleistungen zu Freizeitaktivitäten, zu touristischen Zielen. Die Verkehrspolitik sei auf überörtliche Pendelmobilität fixiert, der Nahverkehr sei aber das wichtigste. Dazu hatte Heiner Monheim auch ganz praktische Vorschläge. Die Bushaltestellen sollten den Zugangsradius von 150 Metern nicht überschreiten, was eine Menge von weiteren Haltestellen erfordert. Die Betriebe sollten über ein betriebliches Mobilitätsmanagement an den Kosten für den öffentlichen Personennahverkehr beteiligt werden. Straßenbahnen auch als Überlandbahnen hätten Renaissance.

Dass das alles durchaus nicht nur Wunschvorstellungen sind, belegte Monheim mit Beispielen aus Frankreich, der Schweiz und Österreich. Am Beispiel der Bäderbahn in Usedom führte er vor, wie eine Nahverkehrsstrecke mit schmucken Bahnhöfen, qualifizierten Mitarbeitern, Fahrgastzentren und Infos aussehen kann. Und dann machte er am Metzinger Stadtplan, in dem er viele "alternative Routen" ausmachte, deutlich, wo er wünschenswerte Verbesserungen sieht. Der Bahnhof sehe gruselig aus, aber er habe Potential, stellte er fest. Hier könne man sich eine wichtige Station eines öffentlichen Leihfahrradsystems vorstellen, für Pedelecs und wertvolle Fahrräder auch in geschütztem Raum. Der Busbahnhof am Bahnhof habe eigentlich einen falschen Standort, er müsste im Stadtzentrum liegen. Die alte B 28 durch Neuhausen gewänne innerörtlich durch Rückbau und Zebrastreifen für Fußgänger. Nördlich davon finde man keine Stadtbushaltestellen.

Für das Parken sah er die großen Betriebe mit einer Nahverkehrsabgabe in der Finanzierungspflicht. Eine Tiefgarage in neu zu überbauenden Bereich lehnte er ab. "Der öffentliche Verkehr muss Spaß machen", regte Heiner Monheim an. Geringe Wartezeiten, leichte Erreichbarkeit, schnelles Umsteigen an Knotenpunkten, stärkere Unabhängigkeit vom Auto, Sicherheit für Fußgänger und Fahrradfahrer jeden Alters, Bürgertickets für den öffentlichen Nahverkehr - das alles wünschte sich nicht nur der Vortragende, sondern dies wünschten auch die Teilnehmer dieser außerordentlich interessanten und anregenden Veranstaltung.

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