Die Hauptsaison für Trekker und Bergsteiger in Nepal ist im April und Mai oder im späten Herbst. Dieses Jahr war zu Beginn der Saison nicht nur das Wetter überraschend schlecht mit Nässe, Kälte und Schneeregen – es bebte am Samstag vor einer Woche auch die Erde, mit schlimmen Folgen: mehr als 7000 Tote, zehntausende Verletzte, völlig zerstörte Orte. Mit einer Stärke von 7,8 waren diese Beben die schwersten seit 80 Jahren.

Nepal ist stark erdbebengefährdet, weil sich unter dem Land die eurasische und die wesentlich kleinere indische Platte befinden, die sich mit beachtlichen vier Zentimetern pro Jahr aufeinander zu bewegen. Die kollidierenden Gesteinsmassen türmten im Laufe der Zeit den Himalaya auf, wodurch die Region zu einer der aktivsten Erdbebenzonen der Welt zählt.

Susanne Gaenslen-Blumberg und ihre Tochter waren zum Zeitpunkt des Bebens schon neun Tage unterwegs und hatten sich mit der Tour einen Traum erfüllt. „Es war eine Mutter-Tochter-Kur, weil ich so wenig Zeit für sie hatte in den vergangenen Jahren“, sagt die 56-jährige Ärztin. „Wir haben uns diese eigentlich wunderbare Trekkingtour zum Mount Everest Base Camp selbst geschenkt und waren bereits auf dem Rückweg, hatten fast Thame erreicht.“ Thame liegt noch auf 4000 Metern Höhe, insgesamt erreichten die Metzingerinnen mit ihren Reisegefährten eine Höhe von 5600 Meter.

Der Mount Everest Trek ist eine bekannte Wanderroute – „da geht es zu wie an einem schönen Sonntag am Uracher Wasserfall“. Allerdings unterschätzen viele der Nepal-Reisenden nicht nur die körperlichen Strapazen, sondern auch die Probleme mit der Höhe, wo der Luftdruck immer geringer wird. „Ich hatte die ganze Zeit ’Sprechstunde’, die Leute sind teilweise umgefallen wie die Mücken“, berichtet die Ärztin. Sie ist auch Taucharzt und hat entsprechende Fortbildungen gemacht, „mit der Tiefe ist es so ähnlich wie mit der Höhe.“ Wer es nicht langsam angeht, bekommt Probleme und „Höhe kann man nicht üben.“

Dann muss man auch bedenken, dass das Land vor allem vom Tourismus lebt, oft mehr als acht Menschen für zwei Bergsteiger arbeiten. „Da ziehen ganze Trecks mit Sherpas und Yaks über die Hauptwege und bringen alles in die Camps in den Bergen. Und den Abfall, wie etwa die Dixie-Klos, wieder zurück.“ Die Menschen haben keinerlei Ressourcen, weder Essen, Trinken, Werkzeuge, Kleidung – von medizinischer Versorgung ganz zu schweigen.

„Als das Beben einsetzte, hat es geruckelt wie in einem alten Zug in der Kurve zwischen den Abteilen,“ erinnert sie sich. Es war ein langes erstes Beben, fast fünf Minuten, dem in länger werdenden Abständen weitere folgten. Die Gruppe um die beiden befand sich da gerade in einem Steinhaus, und alle 20 Leute drängelten mit ihren großen Rucksäcken aus der schmalen Tür. Susanne Gaenslen-Blumberg und Olga zwängten sich aus dem Fenster und kurze Zeit später war das Haus einfach zusammengestürzt. Zwei bis drei Tage gab es weitere Nachbeben, die „haben wir dann teilweise gelassen ertragen.“ Hunger, Durst, aber vor allem auch Kälte und Nässe hatten ihren Tribut gefordert. Ängste hatten die beiden Frauen zwar schon – alles andere wäre auch nicht normal – aber beide glaubten felsenfest an eine gute Heimreise.

Die Ärztin schaute zuerst nach ihrer Reisegruppe, wo manche, Einheimische wie Touristen, vor Schreck umgekippt waren, gemeinsam suchte man eine „sichere“ Unterkunft, weg vom Steinschlag. Dann half sie den Verletzten, so gut es ging und mit dem wenigen, was ihr zur Verfügung stand: „Mit Klopapier wurden Wunden verbunden, die wenigen vorhandenen Schmerzmittel verteilt.“ Wichtig war, diejenigen zu finden, die helfen konnten oder jemanden kannten, der andere benachrichtigte. „Das alles war nicht mehr als ein Hauch auf einen heißen Stein.“

Was fehlte und fehlt in dem kleinen Land zwischen Indien und China ist eine Infrastruktur – das wirkt sich natürlich jetzt nach dem verheerenden Beben doppelt schlimm aus. Straßen sind unpassierbar, Brücken einsturzgefährdet, schwere Geräte zum Räumen gibt es nicht und natürlich auch keinen Katastrophenplan. Es fehlte schon vorher an fast allem, auch am Trinkwasser. Jetzt kommt durch diesen Mangel, durch beschädigte Abwasserleitungen und die Unmöglichkeit, alle Leichen zu bergen, eine weitere Schwierigkeit auf die Menschen zu: Es drohen Durchfallerkrankungen sowie die Gefahr von Epidemien wie Cholera. Zumal das Wetter umgeschlagen ist, und es jetzt warm ist.

Auch wenn man nicht wusste, wie es in den kleinen Ortschaften und Tälern nach dem Beben aussah, so war doch klar, dass Susannen Gaenslen-Blumberg und Olga den Weg zurück nach Lukla nicht zu Fuß meistern konnten: Steinschläge, Lawinenabgänge, unsichere Straßen machten das so gut wie unmöglich. Das war auch die Ansicht zweier erfahrener Bergführerinnen in ihrer Begleitung. Wie auf der ganzen Reise war ihnen das Glück hold, sie bekamen, zwar für viel Geld einen Flug und schauten dabei auf völlig zerstörte Dörfer. Auch von Kathmandu aus zurück nach Doha und Frankfurt ging es „relativ einfach“. Auch dank der Unterstützung verschiedener Länder und Vereinigungen, die am Flughafen Info- und Verpflegungsstände aufgebaut haben. „Vom Auswärtigen Amt gab es vor Ort weder einen Stand noch einen Ansprechpartner.“

Mit einem guten alten Telefon mit Wählscheibe haben die Metzingerinnen und viele andere auch relativ schnell über das Festnetz nach Deutschland telefonieren können und sozusagen Entwarnung geben. Erst in Lukla gab es dann wieder eine Internetverbindung, nämlich bei Starbucks und Illy.

Vor Ort konnte Susanne Gaenslen-Blumberg nicht helfen. „Dort läuft es wieder an, weil es eigentlich ja nie richtig läuft“, stellt sie fest. Die Hilfsorganisation dort strampeln sich ohne Ende ab, auch „weil die Regierungssysteme alles blockieren und eine Verwaltungsstruktur fehlt“, sagt sie. In Kathmandu und der Region sind wichtige Welterbestätten zerstört worden. Auch wenn sie wieder aufgebaut werden sollen – die Nepalesi haben in den nächsten Jahren genug damit zu tun, das wenige, das sie haben, aufzubauen und zu erhalten. Und es dürfte Jahre dauern, bis das Land wieder für Bergsteiger und Trekker bereisbar ist. Hilfe wird dringend benötigt, und „Sinn macht es, denen zu helfen, die schon vor Ort sind. Sie kennen die Menschen, das Umfeld und wissen, sich zu helfen. Außerdem kann man sicher sein, dass Spenden bestmöglichst verwendet werden und vor allem dort ankommen, wo sie benötigt werden.“