„Bis so ein Rathaus eingerichtet und bezogen ist, das dauert seine Zeit“, sagte Annette Bidlingmaier gestern im Grafenberger Amtssitz. Deshalb sei das Jahr 2016 zum Feiern des 200jährigen Bestehens auch ganz gut geeignet, so die Kreisarchivarin. Und eigentlich reicht die Geschichte des Grafenberger Rathauses ja sogar noch einmal rund 200 weitere Jahre zurück: Das ist nämlich auf der Tafel im Eingangsbereich des markanten Gebäudes nachzulesen – allerdings wurde das damalige Rathaus um 1800 herum als derart hinfällig beschrieben, dass der Bürgermeister nicht nur einen nassen Kopf, sondern auch nasse Akten befürchtete.

Kreisarchivarin Bidlingmaier, die für das Grafenberger Archiv zuständig ist, berichtete gestern mit einer selbst erarbeiteten Ausstellung über die Geschichte des markanten Gebäudes. Weil damals im beginnenden 19. Jahrhundert nicht nur das Rathaus, sondern auch die Schule sanierungsbedürftig und zu klein war, kam die Idee eines kombinierten Schul- und Rathauses auf.

Allerdings wurde damit auch der einstige Kostenrahmen von 600 Gulden für die Renovierung des Schulgebäudes deutlich gesprengt – was Landesbaumeister Dillenius damals sogleich als viel zu niedrige Summe eingestuft hatte. Unterm Strich standen in der Endabrechnung 8000 Gulden für das neue Gebäude – ein Betrag, den sich die Gemeinde nie und nimmer hätte leisten können. „Dennoch hat Grafenberg die Finanzierung mit Zuschüssen vom Land hinbekommen“, betonte Bidlingmaier. „Was einmal mehr zeigt, dass es immer wieder gut ist, etwas zu wagen“, so die stellvertretende Kreisarchivarin.

Neben der Ausstellung gab es am gestrigen Sonntag aber noch viel mehr zu sehen, zu betrachten und zu feiern – im Rathaus und drumherum. Gestern war schließlich der „Tag des offenen Denkmals“, Zehntscheuer, Backhaus und Kelter luden in Grafenberg ebenfalls zum Besuch ein. Und zwischendrin gab es zahlreiche Stände von Kooperationspartnern der Kommune wie Polizei, Feuerwehr und Bodenseewasserversorgung. Natürlich hatten auch die Grafenberger Vereine sich nicht lumpen lassen und bei dem Rathaus-Hock sowie den anderen Aktionen kräftig mitgemischt.

Ein gelungenes Fest? Mit Sicherheit, zumal bei den Hochsommertemperaturen am Ferienende die Besucher die Anstrengungen der Gemeinde wie auch der Vereine sehr wohl honorierten.

Bürgermeisterin Annette Bauer lobte bei dem allseitigen Engagement auch ihre Rathaus-Mitarbeiterinnen und die Bauhof-Beschäftigten: Alle hatten so manche zusätzliche Tätigkeit auf sich genommen, um das Jubiläumsfest vorzubereiten. Annette Bidlingmaier verwies derweil auf die weitere Geschichte des Gebäudes, das mit seiner markanten Fassade und seinem Innern 1997 zum Kulturdenkmal erhoben wurde. Zuvor erlebte es allerdings eine weitere Generalsanierung zwischen 1989 und 1991, 30 Jahre zuvor war die Schule ausquartiert worden – weil sie nämlich einmal mehr zu klein geworden war. Gleiches war auch zum Ende des 18. Jahrhunderts der Grund für eine beantragte Erweiterung des Schulgebäudes gewesen, wie die Archivarin berichtete. Verwunderung durfte die Information erregen, dass sich damals in einem Klassenzimmer rund 130 Schüler drängten. Unvorstellbar.

Mit der beabsichtigten Kombination aus Schul- und Rathaus waren zu Beginn des 19. Jahrhundert aber bei weitem nicht alle einverstanden, so die Archivarin. Die Kirche, respektive der Pfarrer wetterten gar heftig gegen den Neubau am Rathaus-Standort: Auf dem Weg dorthin könnten die Kinder in einem heftigen Winter bitterlich erfrieren, war in einem Briefwechsel nachzulesen. „Dabei war die Schule damals gegenüber von der Kirche – und somit nicht so sehr weit entfernt vom Rathaus“, betonte Bidlingmaier.